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10. Februar 2014

Weitere Festnahmen

Russische Polizei und Geheimdienste schüchtern Kritiker ein.

SOTSCHI. Während am Freitag live beim türkischen Staatsfernsehen TRT die Übertragung der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele aus Sotschi lief, bretterte auf der Website des Senders ein Abfahrtsläufer auf blutrotem Schnee zu Tal. Es ist das Logo von Organisationen der Tscherkessen – der Ureinwohner des Nordwestkaukasus’, zu dem auch Sotschi gehört –, die gegen die Austragung der Spiele in Russland protestieren. Der Grund: Eine fast hundertjährige Strafexpedition des Zarenreiches gegen die aufständische Volksgruppe, bei der Alexander II. die Überlebenden 1864 vor die Wahl zwischen Unterwerfung oder Deportation in die Türkei stellte. Tausende starben dabei.

Die Tscherkessen sprechen von Völkermord, und verlangen vom postkommunistischen Russland die Rücknahme der Verwaltungsreform, mit der Stalin aus Furcht vor neuen Aufständen in den Zwanzigerjahren ihr Siedlungsgebiet zerstückelte. Nachkommen der Verbannten – in der Türkei leben heute rund zwei Millionen Tscherkessen – hatten sich, als sie das Tscherkessen-Logo auf der TRT-Website platzierten, mit den Protesten der Stammesbrüder in Russland solidarisieren wollen. Dort – in Naltschik, der Hauptstadt der Teilrepublik Kabardino-Balkarien – hatten Polizei und Geheimdienste am Freitag 25 Teilnehmer einer Auto-Rallye festgenommen, die durch Sticker mit der Aufschrift "Sotschi – Land des Völkermordes" die offizielle Jubelfeier kritisierten.

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Die Festnahmen, so berichtet das kritische Internet-Portal Kawkazki uzel unter Berufung auf Augenzeugen, seien ähnlich brutal verlaufen wie die Mitte Dezember. Damals wurde gegen elf Tscherkessen und Umweltschützer, die den Spielen ebenfalls kritisch gegenüberstehen, wegen Verdacht auf Extremismus ermittelt. Festgenommen wurden sogar Kriegsflüchtlinge aus Syrien, die sich an den Protesten nicht beteiligten.

Ihr Anwalt fürchtet, der Extremismus-Vorwurf werde als Vorwand für Ablehnung des Asylbegehrens und zur Abschreckung gebraucht. In Syrien leben über 100 000 Tscherkessen, die Mehrheit erwägt seit Beginn der Unruhen vor drei Jahren die Flucht nach Russland. Moskau sperrt sich: Durch den Zuzug würde der Anteil der Tscherkessen an der Bevölkerung der Teilrepubliken im Nordwestkaukasus dramatisch steigen. Und damit auch der Druck auf Kreml und Regierung.

Autor: Elke Windisch