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23. Dezember 2009

Als "Lothar" alles niedermähte

Vor genau zehn Jahren wütete in der Ortenau ein schwerer Orkan

  1. Foto: peh

  2. Orkan Lothar w?tete auf dem Mooskopf oberhalb von Gengenbach Foto: Peter Heck

  3. Der Wald bei Oberschopfheim, wenige Tage nach Weihnachten 1999. Foto: Hubert röderer

  4. Orkan Lothar wütete auf dem Mooskopf oberhalb von Gengenbach Foto: Peter Heck

  5. Das einstige Nasslager bei Gengenbach, das größte seiner Art. Foto: bz

  6. Privatwaldbesitzer Anton Schüle (von links) im Gespräch mit Minister Peter Hauk und Albin Dreher vom Landratsamt. Foto: röderer

ORTENAU. Es gibt wohl kaum ein Datum, das sich tiefer ins Gedächtnis eines Ortenauers eingeprägt hat als der 26. Dezember 1999. An jenem Tag, etwa ab der Mittagsstunde, peitschte für zwei Stunden "Lothar" durchs Land und zog eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. Bäume wurden geknickt, als wären sie Streichhölzer. Die Ortenau war das am stärksten betroffene deutsche Gebiet. Minister Peter Hauk besuchte gestern die Wälder um Ohlsbach und Gengenbach, um sich ein Bild von der Wiederaufforstung zu machen.

Als wäre es gestern passiert – und nicht fast auf den Tag genau vor zehn Jahren: Anton Schüle beginnt förmlich zu sprudeln, wenn er an jenen Zweiten Weihnachtsfeiertag denkt. Er ist Besitzer des Hohgrundhofes in Gengenbach-Reichenbach, was vielen nichts sagt, umso mehr aber der Name des angrenzenden Martinsteinhiisli, eines überaus beliebten Ausflugslokales mitten im Wald. Es datiert von 1620, aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, war früher ein Leibgedinghaus und ein Speicher, steht unter Denkmalschutz. Seit 1990 werden darin überwiegend Wandersleut’ bewirtet. Der Hof selbst ist seit 1882 in Familienbesitz. "Wir hatten an jenem Tag die Wirtschaft offen", sagt Schüle. Klar, waren doch etliche Wandergruppen angemeldet. Anton Schüle, damals 49, Ehefrau Ursula und die beiden Kinder bereiteten am Morgen Küche und Wirtsraum für die Gäste vor, "die Bedienung war auch schon da."

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Auf einmal, "schlagartig", war das erste Brausen zu hören, es war ziemlich genau 11.15 Uhr, "und schon fingen die ersten Bäume an zu fallen". Anfangs Fichten und Tannen, hielten bald auch Buchen und Eichen dem Druck des zeitweise mit Tempo 200 blasenden "Lothar" nicht mehr stand. Glück für die Gebäude: Sie stehen zwar mitten im Wald, doch vom nächsten größeren Baum doch genügend weit weg, als dass einer hätte aufs Dach fallen können. "Das ganze Theater ging ziemlich genau zwei Stunden." Dann kehrte wieder halbwegs Ruhe ein.

Ans Tagesgeschäft war nicht mehr zu denken, war auch nicht nötig, denn Gäste fanden ohnehin keine mehr zum "Hiisli": Die Zufahrt war von Bäumen völlig verbarrikadiert. Nicht nur an diesem Tag, sondern auch den beiden kommenden. "Wir waren außerdem drei Tage ohne Strom und fünf Tage ohne Telefon." Glück im Unglück: Ein Teil des Wildgeheges war von Bäumen zerstört, doch das Damwild – 30 Stück – hatte nicht Reißaus genommen. Vielleicht aus Angst, hatte es sich auf die baumfreie Zone zurückgezogen.

9200 Festmeter Sturmholz waren bei Anton Schüle angefallen
Doch der Schaden war für die Familie Schüle auch so enorm: "Von den 75 Hektar Fläche, die zum Hof gehören, sind 62 Hektar Wald." Davon fielen 21 Hektar – schlagreifes Holz und Jungwald – "Lothar" zum Opfer, genau: 9200 Festmeter. "Das war das 25-Fache eines normalen Jahreseinschlags." Zusammen mit weiteren Helfern, darunter Forstwirte aus Kroatien, ging es an die Aufarbeitung des Schadholzes. Erst im Frühjahr 2001 war sie beendet. Aufgeforstet wurden vier Hektar – rund 16 000 Pflanzen –, weitere 14 Hektar erholten sich auf natürlichem Weg. Natürlich haben Schüle und die vielen anderen Waldbesitzer – Privatleute, aber auch Städte und Gemeinden – durch "Lothar" viel Geld verloren, zumal bald ein krasser Preisverfall einsetzte. Laut Landwirtschaftsministerium wurden in Baden-Württemberg im Jahr 1 nach Lothar 17,8 Millionen Festmeter Holz verkauft, die doppelte Menge eines Normaljahres. Am schlimmsten die Verluste bei Fichte (minus 45 Prozent) und Kiefer (minus 30 Prozent).

Beinahe fünf Millionen Festmeter Sturmholz, vor allem Fichten und Tannen, wurden auf 400 Nasslagerplätzen eingelagert, da der Markt die riesige Holzmenge nicht auf einen Schlag abnehmen konnte. Mächtig der Nasslagerplatz an der Kinzig bei Gengenbach, mit einer Kapazität von 300 000 Kubikmetern der größte im Land; er prägte über Jahre hinweg das vorderer Kinzigtal. Dass er gerade hier angelegt wurde, hatte durchaus seinen Grund, war doch die Ortenau der am stärksten betroffene Landkreis in Baden-Württemberg und traf das Orkanunglück die Gemeinde Ohlsbach wie keine andere. Die Sturmschäden im rund 330 Hektar großen Gemeindewald betrugen rund 70 000 Kubikmeter mit rund 160 Hektar Kahlfläche. "Auch das Dorf", erinnerte sich gestern Bürgermeister Horst Wimmer anlässlich einer Info-Fahrt mit Minister Hauk, "wurde damals stark geschädigt." So habe der Orkan zwei Dächer "gelupft". Eines sei 20 Meter in die Höhe gehoben und dann 100 Meter weit geblasen worden.

Auch weiter östlich tobte der Orkan: Das ebenso beliebte Waldlokal Brandecklindle war nach dem 26. 12. 1999 sage und schreibe zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten, und weiter in der Höhe, auf dem Mooskopf, ist erst seit jenem Tag der mächtige Turm auch vom Rheintal aus zu sehen: Ringsum auf dem Gipfelplateau konnte dem Sturm kaum ein Stamm Paroli bieten.

Hauk hätte gestern aber nicht nur die Ostflanke des vorderen Kinzigtales besuchen müssen, um Langzeitwunden zu besichtigen. Auch der Friesenheimer Wald wurde schwer heimgesucht. Viele Millionen Mark fehlen seither dem Gemeindesäckel.Und selbst auf dem flachen Land, etwa in Neuried, hatte der Orkan seinerzeit ganze Waldflächen gerodet. Auch in Lahr oder Schutterwald hatte der Wind Dächer abgedeckt und Bäume geknickt. In Durbach fielen 90 Prozent des Köpflewalds hoch über der Weinberglage "Plauelrain" dem Stum zum Opfer: Die Verwüstung traf genau jenes Waldgebiet, das noch im zurückliegenden Sommer Gegenstand heftigen Streits war. Gemeinde und WG wollten die Waldfläche in Rebgelände umgewidmet wissen, zahlreiche Bürger waren dagegen – bis die Gemeinde den Antrag auf Waldumwandlung zurückzog.

Alleine in Hohberg waren an jenem Tag 100 Feuerwehrleute im Einsatz, um die ersten Schäden zu beseitigen und Straßen wieder freizubekommen. Auch Offenburg blieb von der Katastrophe nicht verschont. Wegen rutschender Dachbedeckung wurden unter anderem Gerber- und Ritterstraße gesperrt: Im Sekundenabstand waren Ziegeln zu Boden gedonnert. Die Beschicker des Weihnachtsmarktes hatten alle Hände voll zu tun, ihre Hütten zu sichern; der Markt blieb geschlossen. Bei der Volksbank in der Okenstraße stürzte das Dach des Vorraums auf einer Fläche von 30 Quadratmetern ein, und vor der Stadtkirche stürzte eine 15 Meter lange Tanne auf einen Bauwagen. In und um Offenburg waren 200 Feuerwehrleute mit 40 Fahrzeugen im Einsatz. Auch die Polizei hatte alle Hände voll zu tun: Sie musste nicht nur lenkend eingreifen, sondern auch noch Katastrophen-Schaulustige wegschicken. Vier Verletzte gab es im Stadtgebiet – im Land ein Vielfaches mehr. In Baden-Württemberg ließen bei mehr als 4000 Unfällen neun Menschen ihr Leben.

"Lothar"-Opfer wurde auch der Offenburger Weihnachtscircus: Das Zeltdach wurde irreparabel beschädigt. Doch Direktorin Anja Oschkinat setzte Himmel und Erde auf der Suche nach einem neuen Zelt in Bewegung. Zwei Tage später hieß es wieder: "Manege frei!"

Autor: Hubert Röderer