"Artenschutz lohnt sich!"

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

Sa, 08. März 2014

Ortenaukreis

BZ-INTERVIEW: Robert Risch aus Kehl engagiert sich für den Schutz des Sumatra-Nashorns.

KEHL/BORNEO. Robert Risch reist zweimal im Jahr für einige Wochen nach Borneo, um die Artenschutzprojekte von "Rhino and Forest Fund" (RFF) voranzubringen. Der 37-Jährige ist Geschäftsführer und Projektmanager des Vereins, der sich vor allem für das vom Aussterben bedrohte Sumatranashorn einsetzt. Den Tag des Artenschutzes anfangs dieser Woche – am 3. März – hat unsere Mitarbeiterin Susanne Gilg zum Anlass genommen, um mit Robert Risch über Artenschutz, Nashörner und Naturschutz in der Ortenau zu sprechen.

BZ: Von der Ortenau bis nach Borneo ist es ein weiter Weg: Wie sind Sie aufs Nashorn gekommen?
Risch: Ich habe vor vielen Jahren mal eine Dokumentation über Borneo gesehen. Der Kontrast war einfach zu heftig. Einerseits diese unglaubliche Vielfalt des Lebens, andererseits die rasante und hemmungslose Vernichtung. Damals habe ich gespürt, dass ich das nicht einfach so hinnehmen kann. Irgendwann bin ich hingeflogen, um als Freiwilliger bei einem Nashornschutzprojekt zu helfen. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich vor Ort offenbar niemand über den Wald Gedanken zu machen schien. Ideen für Waldkorridore wurden damals noch als utopische Zukunftsmusik abgetan. Also habe ich mich über Möglichkeiten der Wiederaufforstung kundig gemacht.

BZ: Warum ausgerechnet das Nashorn?
Risch: Es ist das urtümlichste, älteste und mit weniger als 100 überlebenden Exemplaren das bedrohteste Großtier des Planeten. Es steht symbolisch für das geringe Zeitfenster, das noch verbleibt, um das Ruder rumzureißen, und steht für seinen ganzen Lebensraum. Wer das anspruchsvolle Sumatranashorn retten will, muss ihm einen sicheren, zusammenhängenden Lebensraum ausreichender Qualität und Größe bieten. Davon profitieren sämtliche andere Arten auch. Daran arbeiten wir.

BZ: Wie kam es zu der Gründung des Vereins?
Risch: Über die Kontakte, die sich durch meinen Borneo-Aufenthalt ergeben haben, konnte ich schnell Gleichgesinnte finden. Wir haben dann 2009 den RFF gegründet. Unsere Zusammenarbeit und die Vernetzung mit anderen Organisationen und Institutionen waren sehr fruchtbar. Alleine hätte das niemand geschafft. Schon zwei Jahre nach unserer Gründung haben wir tatsächlich angefangen, Bäume zu pflanzen. Am 1. Februar war jetzt unser fünfter Geburtstag, und wir sind bereits daran, vor Ort die Landkarte zu verändern. Wir drehen jetzt den Spieß um und verwandeln Palmölplantagen wieder in Wald zurück. Sonst läuft das immer nur umgekehrt.

BZ: Was machen Sie derzeit in Borneo?
Risch: Diesmal bin ich einen Monat vor Ort – noch bis Mitte März. Hier treffe ich mich mit Behördenvertretern, Vertretern der Palmölfirmen und anderer Organisationen, kontrolliere unsere Pflanzgebiete, begleite unsere Arbeiter bei der Pflege der Pflanzungen und identifiziere weitere Gebiete, die für künftige Projekte von Bedeutung sind.

BZ: In Offenburg sind Hörner von Nashörnern von einer international tätigen Bande aus dem Ritterhaus-Museum gestohlen worden. Können Nashörner, wenn sie schon als Museumsstücke Ziel von Dieben sind, überhaupt noch ohne Schutz in der freien Wildbahn existieren?
Risch: Die Diebstähle von Hörnern bereits getöteter Tiere finde ich unter dem Aspekt des Artenschutzes weniger schlimm als die aktuelle Wilderei. Allerdings sind die Vorfälle insofern alarmierend, als dass sie auf die enorme Gefährdung der letzten noch frei lebenden Exemplare schließen lassen. Umso erfreuter war ich, als ich die sehr gut gemachte Ausstellung "Hornlos" im Ritterhaus-Museum bewundern konnte. Hier wird sehr gelungen der Schluss auf die Situation der noch lebenden Nashörner vollzogen, was hoffentlich viele Menschen sensibilisiert. Denn derzeit liegt meiner Einschätzung nach die Wahrscheinlichkeit eines Aussterbens der Nashörner in freier Natur innerhalb der nächsten 20 Jahre ohne massive Schutzmaßnahmen bei 100 Prozent.

BZ: Was kann der Einzelne für einen Beitrag zum Artenschutz leisten?
Risch: Sich und andere informieren und sich mitverantwortlich fühlen. Die Regenwälder werden abgeholzt, um unsere Nachfrage nach Tropenholz, Palmöl, sogenanntem "Biosprit", nach Rohstoffen für unsere Industrie und Futtermitteln für unsere Tierfabriken in den Industrieländern, zu bedienen. Ein erster Schritt ist also, sich bei allem, was man kauft, Gedanken zu machen: Brauche ich das überhaupt? Was steckt in dem Produkt? Wie ist es produziert worden – und auf wessen Kosten? Wie kann es sein, dass es so billig ist? Es gibt immer Alternativen: zum Beispiel Recyclingpapier kaufen statt das billigste Papier, das oft aus Urwaldhölzern hergestellt wurde. Oder auf Produkte wie Tropenholz verzichten. Man ist aber nicht dazu verdammt, sich mit der Rolle als kritischer Konsument zufrieden zu geben. Man kann zum Beispiel Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft unter Druck setzen oder sich einer Naturschutzorganisation anschließen.

BZ: Zurück in die Ortenau: Gerade hier gehören Störche heute wieder zum Alltagsbild. Das war lange nicht so, die Vögel waren gefährdet. Wie sehen Sie den Arten- und Naturschutz in der Region?
Risch: Hochwasserkatastrophen haben auch in der Ortenau dazu geführt, dass Flussläufe wieder renaturiert wurden. Auf den wieder hergestellten Überflutungsflächen konnte die Vielfalt wieder Fuß fassen. Dies ist aber kein Grund, sich zurückzulehnen.

Wer bei uns aufmerksam durch die Wälder und Flure läuft, dem fällt auf, wie in rasantem Tempo alte Baumbestände abgeholzt werden und artenreiche Wiesen Maismonokulturen weichen – groteskerweise auch noch, um mit dem Mais Biogasanlagen im Namen des Klimaschutzes zu betreiben. Mir blutet das Herz, wenn ich in den Wald gehe und wieder ein Hektar alte Eichen verschwunden ist. Kürzlich musste ich feststellen, dass einer der schönsten Orte vor meiner Haustür einfach ausgelöscht wurde, ein idyllisches Wäldchen inmitten einer großen, von Bäumen und Büschen umgebenen Wiese. Jetzt warte ich darauf, dass aus der Wiese ein Maisfeld wird. Wie blind muss man sein, um nicht zu sehen, was man damit anrichtet?
BZ: Es gibt bestimmt auch Positives?
Risch: Richtig, es geht nicht immer nur bergab: Biber und Luchse haben sich bereits wieder fest etabliert, auch die Wölfe kehren nach Deutschland zurück: Engagement für den Artenschutz lohnt sich!

Weitere Infos unter www.rhinoandforestfund.org