Grüße aus der ländlichen Lesehauptstadt

Susanne Ramm-Weber

Von Susanne Ramm-Weber

Mo, 10. Juli 2017

Ortenaukreis

Glanzvolle Eröffnung des 20. Hausacher Lese-Lenzes mit der erstmaligen Verleihung des Preises für Junge Literatur an Finn-Ole Heinrich.

HAUSACH. Was mit 13 Literatur-Begeisterten in einem Café begann, hat sich über 20 Jahre unter der Regie von Dichter José F. A. Oliver zu einem veritablen, international geprägten und frischen Literaturfestival von über eine Woche Dauer mit zahlreichen Lesungen an verschiedenen Orten in Hausach, der "Lesehauptstadt des ländlichen Raums", entwickelt. Am Freitagabend fand in der voll besetzten Hausacher Stadthalle die offizielle Eröffnung des 20. Lese-Lenzes unter dem Motto "Metropolen" statt.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Lese-Lenzes wurde ein neuer Literatur-Preis, der Lese-Lenz-Preis der Thumm-Stiftung für Junge Literatur, vergeben. Erster Preisträger ist der junge Hamburger Schriftsteller Finn-Ole Heinrich. Im Anschluss an die von den Gitarristen Ingmar Winkler und Alex Moser umrahmte Preisübergabe bot die Schriftstellerin Nora Gomringer zusammen mit dem Schlagzeuger Philipp Scholz ein vor Sprach-Laut-Wort und Rhythmus bebendes Konzert.

Vor der eigentlichen Preisverleihung gab es eine lange Rednerliste. Zunächst begrüßte Bürgermeister Manfred Wöhrle das Publikum und schilderte Werdegang und Rahmenbedingungen des Festivals, das mit einer Summe von 155 000 Euro kalkuliert, die sich im Wesentlichen aus Stiftungs- und Spendengeldern zusammensetzt. Die Neumayer-Stiftung trägt allein 45 000 Euro bei. Seit 2006 hat die Stiftung insgesamt eine halbe Million Euro in den Lese-Lenz investiert. Außerdem ist die in Slowenien ansässige Online-Plattform für Europäische Poesie Versopolis beteiligt. Wöhrle erinnerte auch an die im Jahr 2010 verstorbene Mitbegründerin Gisela Scherer und dankte Oliver und seiner Mitstreiterin Ulrike Wörner für das hohe Niveau bei gleichzeitig familiärem Charakter des Festivals. Warmer langandauernder Applaus.

"Wenn man über alles lacht, dann ändert sich doch nichts"

Für die Neumayer-Stiftung sprach Wirtschaftsprüfer Martin Gutsche, in Vertretung für die 95-jährige Stifterin Amanda Neumayer. Er skizzierte ein Bild des Stifterpaares Amanda und Erich Neumayer sowie der Stiftung und ihrer Aufgaben. Die Fügung der Geschichte will es, dass einst der Vater des Dichters Oliver in Neumayers Werk arbeitete. Bereichsleiterin Ottilie Bälz vertrat die Robert-Bosch-Stiftung, und schließlich, da der Lese-Lenz den gesamten deutschsprachigen Raum im Blick hat, überbrachte die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia Glückwünsche mehrerer Autorenkollegen. Für den Friedrich-Bödecker-Kreis sprach Ulrich Schielke.

Preisstifterin Doris Sistiaga-Thumm sprach die Hintergründe der Preisstiftung an. Ihr Mann sei ein literaturverliebter Apotheker, der mit viel Erfolg eine eigene Apotheker-Zeitung herausgegeben und darin auch Gedichte abgedruckt habe.

Mit dem "Versuch einer Laudatio" ehrte sodann José Oliver den 34-jährigen Preisträger für seine Trilogie um die literarische Figur der Maulina Schmitt, die sagt: "Wenn man nur über alles lacht, dann ändert sich doch nichts." In der Begründung der Jury (José Oliver, Ulrike Wörner, Robert Renk und Stifterin Doris Sistiaga-Thumm) heißt es, dass Finn-Ole Heinrich mit seiner Literatur der jungen Helden eine "Wirklichkeit entstehen lässt, die mühelos zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur balanciert und die das Tor zu vielen neuen Welten öffnet".

Heinrich selbst versuchte in seiner launigen Dankesrede die Unterschiede zwischen dem marktgerechten Begriff einer "Kinder- und Jugendliteratur" und seinem Verständnis von junger Literatur, in der die jungen Helden selber denken, auszuloten. Nicht eine Moral sei die Botschaft, wie häufig in der Kinder- und Jugendliteratur, sondern die Welt wolle er untersuchen. In der Sache liegt es, dass ein Preis, der zum ersten Mal vergeben wird, weder ein Renommee noch eine Entwicklung vorweisen kann. Gerade in der Literatur sei die Vergabe von Preisen ein ruf- und förderungsbestimmendes Instrument.

Die anschließende souveräne Performance von Nora Gomringer, die über eine ausgebildete Stimme verfügt, und dem Leipziger Schlagzeuger Philipp Scholz im zweiten Teil des Abends untersuchte die Vielfalt von Lautbildung, Stimme, Wortschöpfung in Reaktion und Stimulierung von Rhythmus, mit eigenen Gedichten und solchen von Eugen Gomringer, einer Hommage an Ernst Jandl, Heinrich Heine und anderen.