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12. Januar 2012 18:56 Uhr

Landgericht Offenburg

Kehler Totschlagsprozess: Angeklagter zu 10 Jahren Haft verurteilt

Diese Tat hat Südbaden schockiert: Anfang März 2011 wurde die Mutter dreier kleiner Kinder tot in ihrer Wohnung in Kehl aufgefunden. Jetzt wurde ihr Lebensgefährte zu zehn Jahren verurteilt – der bis zuletzt seine Unschuld beteuerte.

  1. Die Justitia auf dem Offenburger Rathaus. Foto: Helmut Seller

ORTENAU. Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Offenburg verurteilte am Donnerstag einen aus Burkina Faso stammenden, 31-jährigen gelernten Kfz-Mechaniker zu zehn Jahren Gefängnis. Das fünfköpfige Gericht um den Vorsitzenden Richter Heinz Walter zeigte sich am Ende des mehrere Monate dauernden Indizienprozesses überzeugt, dass der Angeklagte am 13. März 2011 in Kehl nach einem massiven Streit seine frühere Lebensgefährtin, Mutter einer gemeinsamen knapp zweijährigen Tochter, getötet hat. Der Angeklagte beteuerte bis zuletzt seine Unschuld.

In einem der längsten Indizienprozesse des Landgerichts der vergangenen Jahre eröffnete Richter Heinz Walter am Donnerstag den dreizehnten Verhandlungstag mit der Erklärung, dass der von Verteidiger Reinhard Kirpes kurz vor Weihnachten formulierte Befangenheitsantrag von einer anderen Kammer zurückgewiesen wurde. Das Gericht hatte in der vorletzten Sitzung nach Kirpes’ Meinung zu früh, nämlich kaum zwei Stunden nach dem letzten Plädoyer, das Urteil verkünden wollen – damit würde die Sorgfaltspflicht verletzt.

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89 Zeugen, drei Sachverständige

Das Gericht zog sich damals zurück, beriet sich – und vertagte, um den Spruch der anderen Kammer abzuwarten. Am Donnerstag schloss es mit einer Mitteilung die Beweisaufnahme: Laut einem Gutachten der Freiburger Gerichtsmedizin seien an dem Küchenmesser, welches letztlich das Tatmesser war, "Mischspuren" festgestellt worden – Körperpartikel des Angeklagten wie auch des Opfers. Wer das Messer zuletzt in der Hand hatte, habe nicht ermittelt werden können.

Dann verkündete Walter das Urteil, für dessen Begründung er sich 52 Minuten Zeit nahm. Nach der Anhörung von 89 Zeugen und drei Sachverständigen gebe es an der Schuld des Angeklagten keinen vernünftigen Zweifel. Der große Umfang der Beweisaufnahme sei auch deshalb vonnöten gewesen, weil der Angeklagte über weite Strecken der Hauptverhandlung kaum Angaben gemacht habe: "Das Gericht ist fest davon überzeugt, dass Sie derjenige sind, der Frau N. getötet hat." Der 31-Jährige sei in der zweiten Hälfte des Prozesses zwar mitteilsamer gewesen, doch dem Gericht habe sich der Eindruck aufgedrängt, er habe die Ausführungen von Zeugen mehrfach als Basis dafür genommen, eine eigene Version für den Tatablauf zu konstruieren.

Laut Richter Walter hatten sich die beiden im Juli 2008 kennengelernt und ein halbes Jahr später in Goldscheuer eine gemeinsame Wohnung bezogen. Die Folgezeit sei immer häufiger geprägt gewesen von "Streit sowie mit mit tätlichen Übergriffen und Drohungen". Das spätere Opfer sei zu ihren Eltern nach Hannover geflüchtet, auch ins Frauenhaus nach Rosenheim. Doch die beiden fanden im Herbst 2010 wieder zueinander. Zuletzt schien die Beziehung wieder gewaltfreier gewesen zu sein – bis er ihr eröffnete, er würde gerne mit ihr und der gemeinsamen Tochter nach Köln ziehen, was sie ablehnte.

Tödliche Stiche in Brust und Hals

Laut Gericht besuchte er sie am 13. März ein letztes Mal. An jenem Sonntagmorgen sei es zur Eskalation gekommen. Er habe in der Küche spontan ein Messer geholt, 18 Zentimeter lang, mit 2,5 Zentimeter breiter Klinge, und habe mit "unbedingtem Tötungswillen zugestochen – gänzlich gefühllos, roh und grausam". Die Stiche in Brust und Hals seien tödlich gewesen. Nach der Tat habe er sein Hemd ausgezogen, es gewaschen und in der Wohnung zurückgelassen. Später fanden die Ermittler darauf wie auch auf einer Hose ähnliche Blutantragungen – gewiss vom selben Ereignis herrührend. Warum der Angeklagte Hemd und Hose nicht vernichtet habe, sei schwer zu sagen: Vermutlich habe er gedacht, man könne DNA-Spuren einfach so wegwaschen.

Jedes Gericht, resümierte der Vorsitzende, müsse sich immer der Gefahr des Irrtums bewusst sein. Aber so dicht wie die Indizienkette sei, könne der wahre Täter niemand anders sein als der Angeklagte. Zehn Jahre Haft sei eine gerechte Strafe – auch wenn die Tochter nun ohne Eltern werde aufwachsen müssen.

Revision

Reinhard Kirpes aus Offenburg, Verteidiger des Angeklagten, hat noch während der Verhandlung Revision angekündigt. In einer solchen Verhandlung wird nicht auf neue Tatsachen hingewiesen, sondern nur auf einen Rechtsfehler des angefochtenen Urteils. Anders als bei einer Berufung werden daher bei einer Revision grundsätzlich keine Beweise mehr erhoben. "Ich werde das Urteil nicht akzeptieren", sagte Kirpes gegenüber der BZ auf Anfrage. So sei die Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten – er wurde zu Beginn der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwalt noch als Zeuge geführt –, rechtswidrig gewesen. Richter Heinz Walter räumte ein, dass die ersten Ermittlungen nicht korrekt abgelaufen seien ("fehlerhafte Vorgehensweise"), zumal eine qualifizierte Belehrung gefehlt habe. Walter betonte, dass das Gericht aus diesem Grunde einige Indizien nicht verwertet habe. Doch auch so sei "genügend anderes Beweismaterial" vorhanden. Hingegen habe das Gericht "keine bewusste Umgehung des Rechts" feststellen können.

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Autor: Hubert Röderer