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20. Juni 2012

Medizin

Ärztepfusch: Zahl der registrierten Kunstfehler in Deutschland steigt

Die Zahl offiziell registrierter Kunstfehler von Ärzten in Deutschland steigt: In 2287 Fällen kamen ärztliche Gutachterstellen im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass Behandlung, Diagnose oder die Patientenaufklärung fehlerhaft waren.

  1. Selten ist Ärztepfusch derart gut zu erkennen wie auf diesem Röntgenbild – selten wird aber auch derart drastisch gepfuscht. Foto: dpa

BERLIN (dpa). Das waren 88 Fälle mehr als 2010. Für 99 Patienten endete der Ärztepfusch tödlich. Diese Zahlen nannte die Ärztekammer nach einer Erhebung am Dienstag in Berlin.

Nach Ärztepfusch ist es für die Gutachter oft schwer, den Kunstfehler zum Nachteil des Patienten nachzuweisen. Doch die Fälle, die nach Patientenbeschwerden im Auftrag von Ärztekammern oder Krankenkassen begutachtet wurden, sind mitunter auch klar und erschreckend. Beispiele zeigen, dass im hektischen Klinikalltag mitunter passiert, was eigentlich nicht passieren darf.

Bei einem 67-jährigen Mann gingen etwa nach der Entfernung der Gallenblase die Bauchschmerzen einfach nicht weg. Die Ärzte untersuchten seinen Bauch ohne Ergebnis erneut – und tippten auf eine Entzündung. Erst bei einer Notoperation in einer anderen Klinik entdeckten Chirurgen einen Beißkeil im Bauch. Der Keil sollte bei der Gallen-OP verhindern, dass der Patient in Narkose auf den Beatmungsschlauch beißt. Doch gesichert war der Keil nicht – und dass der Mann ihn verschluckte, bemerkte niemand.

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Eine 56-Jährige bückte sich bei der Gartenarbeit – und bekam unerträgliche Kopfschmerzen. Ihr Hausarzt schickte sie sofort in die Klinik. Dort nahmen die Ärzte erhöhten Blutdruck als Ursache an. Doch auch nach einer Blutdrucksenkung mit Pillen blieben die Schmerzen. Geschlagene sieben Tage blieb die Frau auf Station. Obwohl Gangunsicherheit, Schwindel und Koordinationsstörungen dazukamen, ließen die Ärzte erst am achten Tag eine Computertomographie machen – und entdeckten eine Hirnblutung. Die Frau hatte einen Schlaganfall erlitten. Seither leidet sie unter Krampfanfällen und Sprachstörungen – womöglich wäre das vermeidbar gewesen.

Es sind solche Fehler, die Patienten Angst einjagen können. Doch es ist wohl vor allem auf gestiegene Aufmerksamkeit zurückzuführen, dass die Zahl der registrierten Fehler und Unterlassungen der Mediziner im vergangenen Jahr gestiegen ist. Insgesamt beanstandeten schätzungsweise rund 40 000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung, sagte der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen, Andreas Crusius. "Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben." Gemessen an Millionen Behandlungen im Jahr seien die Fehlerzahlen eher gering. Die Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern ist jedoch hoch. Insgesamt sollen laut Schätzungen Zehntausende Menschen jedes Jahr wegen Ärztefehlern allein in Deutschlands Kliniken sterben. Genaue Zahlen kennt niemand.

Hüft- und Knieoperationen, Behandlungen wegen Armbrüchen und Brustkrebs zählen zu den häufigsten Eingriffen unter Pfuschverdacht bei den Gutachterstellen. Viele der 99 Todesfälle gingen darauf zurück, dass es nach einer Klinik-OP zu einer Infektion mit Blutvergiftung kam, erklärte Johann Neu von der norddeutschen Schlichtungsstelle.

An die Öffentlichkeit gehen die Ärztekammern mit Fehlerstatistiken, um den Ärzten zu zeigen, was falsch laufen kann. Die Menschen sollen auch sensibilisiert werden. "Durch Fehler wird man klug – aber man muss nicht jeden Fehler selber machen", sagte Andreas Crusius.

WOHIN WENDEN?

Wer beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler auf taube Ohren beim behandelnden Arzt oder Krankenhaus stößt, kann seine Krankenkasse um Hilfe bitten. Diese kann den Medizinischen Dienst einschalten, der dann ein Gutachten erstellt, erklärt Gesundheitsexperte Christoph Kranich. Dieses ist für Ärzte oder Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann vor Gericht aber nützlich sein. Ansprechpartner können auch Patientenberatungsstellen oder die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sein. Letztere kosten nichts und erstellen vergleichsweise schnell Gutachten – allerdings seien sie nicht völlig unabhängig, so der Experte.  

Autor: dpa

Autor: dpa