Krankheit

Am Sonntag ist Welttag des Stotterns

dpa

Von dpa

Sa, 21. Oktober 2017

Panorama

Am Sonntag ist Welttag des Stotterns / Neue Online-Therapie-Methoden sollen Betroffenen helfen, Unterstützung zu finden.

KÖLN (dpa). Geschätzt gibt es in Deutschland mehr als 800 000 Menschen, die stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Einer der Auswege: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause das Sprechen üben kann.

Der britische König George VI. ist einer der wenigen Staatsmänner, von dem eine breite Öffentlichkeit weiß, dass er gestottert hat. Der Film "The King’s Speech" aus dem Jahr 2010 erzählt, wie der Monarch mit seinem Therapeuten das Problem in den Griff bekommt. Der kauzige Sprachlehrer besteht darauf, den adeligen Patienten in seinen eigenen bescheidenen Räumen zu behandeln und ihn distanzlos "Bertie" zu nennen. Es ist ein schöner Film. Aber Alexander Wolff von Gudenberg glaubt nicht daran, dass eine Stotter-Therapie nur so funktionieren kann: ohne Distanz. Zumindest, wenn man Distanz als tatsächlichen Abstand zwischen Therapeut und Patient begreift.

Der Institutsleiter der Kasseler Stottertherapie gehört in seiner Branche zu den Vorreitern der Online-Medizin. Therapeut und Patient treffen sich dabei in virtuellen Räumen, verbunden über das Internet. Oder der Therapeut aus Fleisch und Blut wird ganz durch ein Programm ersetzt – das ist die neueste Entwicklung. "Die Online-Methode kann zum Beispiel für Patienten attraktiv sein, die sich für ihr Stottern schämen. Die Eingangshürde ist in diesem Fall niedriger", sagt von Gudenberg.

Die Scham spielt eine große Rolle beim Stottern. Geschätzt stottern mehr als 800 000 Menschen in Deutschland. Beim Rest der Bevölkerung ist das Wissen über die Sprechstörung aber überschaubar. "Stottern erscheint ihnen kurios, ja zuweilen lächerlich", schreibt der Psychologe Johannes von Tiling. Was auch damit zusammenhängt, dass sich viele Betroffene aus Angst vor Ablehnung zurückziehen.

Alles, was dabei hilft, die Scham zu überwinden, ist daher wichtig. Der Welttag des Stotterns an diesem Sonntag soll für das Thema sensibilisieren. In Bahnhöfen sollen Spots laufen, die Vorurteile über Stotternde aufgreifen. "Wir wollen zeigen: Man sieht niemandem an, ob er stottert oder nicht, es hat nichts mit Umfeld, Bildung oder Herkunft zu tun", sagt Martina Wiesmann von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS).

Der Großteil der Therapien finde immer noch ambulant statt, sagt Wiesmann. Zusätzlich gibt es auch intensiv-stationäre Angebote. "Eine wichtige Hürde ist, Ängste vor dem Stottern zu überwinden. Und das braucht Mut. Der Betroffene muss lernen, sein Stottern zu akzeptieren", sagt sie. Denn: Bei Erwachsenen verschwindet es in aller Regel nicht vollständig. "Auch diese Wahrheit muss man akzeptieren."

Zwar weiß man mittlerweile viel über das Phänomen, bei Weitem aber noch nicht alles. Klar ist, dass die Störung über alle Kulturen hinweg ähnlich oft und familiär gehäuft auftritt. Es gibt also eine starke genetische Komponente. Etwa fünf Prozent der Kinder entwickeln ein Stottern, bei den meisten verschwindet es bis zur Pubertät.

Der Online-Ansatz von Gudenberg gehört zu den neueren Therapiemethoden. Der Vorteil: die womöglich niedrigere Einstiegshürde. Und mehr Flexibilität. "Momentan haben wir eine Patientin in Moskau, die unter anderem von einer unserer Therapeutinnen betreut wird, die nach Brasilien umgezogen ist", sagt von Gudenberg. Die Televersion wird nach Angaben der Kasseler Stottertherapie zunehmend von den Kassen bezahlt. Dennoch ist sie bislang noch eine Nische.

Von Gudenberg will online nun noch einen Schritt weiter gehen: zu einer Software ohne Therapeuten auf der anderen Seite. Zwei Drittel des Projekts seien bereits geschafft.