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24. März 2011 20:22 Uhr

Interview

Atom-Experte Sailer: Kein deutsches AKW wäre heute genehmigungsfähig

Sein Wort ist gefragt: Michael Sailer, Atomexperte des Öko-Institut, bewertet die Gefahr in Fukushima und stellt klar: Kein deutsches AKW wäre heute genehmigungsfähig.

  1. Michael Sailer Foto: DPA/AFP

Seit mehr als 30 Jahren befasst sich der Diplom-Ingenieur Michael Sailer (57) mit Fragen der Kerntechnik; er hat am Öko-Institut den Fachbereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit aufgebaut. Seit 1999 ist er Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, von 2002 bis 2006 war er deren Vorsitzender. Franz Schmider sprach mit Sailer über die Folgen Katastrophe von Fukushima.

BZ: Herr Sailer, wir hören täglich aus Fukushima Nachrichten über Rauch und Dampf über den Reaktorgebäuden, aber auch über kleine Erfolge beim Kampf gegen den drohenden Super-GAU. Sind Sie optimistisch, dass es gelingt, eine noch größere Katastrophe zu verhindern?

Michael Sailer: Ich bin gar nichts. Alle zehn Anlagen des Komplexes liegen auf der Intensivstation, wenn man dieses Bild gebrauchen darf. Das heißt, es steht weiter an, für die drei Reaktorblöcke und die sieben Brennelementelagerbecken unbedingt eine dauerhafte Kühlung wiederherzustellen, um sie unter Kontrolle zu bekommen. Es ist in keiner der Anlagen ein sicherer Zustand erreicht.

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BZ: Also keine Prognose.

Sailer: Nein. Es kann so weitergehen wie bisher, das wäre der günstige Fall, es kann aber auch schlimmer werden, was wir alle nicht hoffen. Block 4 ist seit Dezember abgeschaltet, es fällt noch immer Wärme an. Es ist und bleibt so: Was nicht gekühlt wird, könnte rauskommen.

BZ: Man hat den Eindruck, jetzt wird nur noch improvisiert.

Sailer: Man darf nicht vergessen, dass die Sicherheitssysteme schon am ersten Tag tot waren. Seither wird in der Tat improvisiert oder gemacht, was grob einmal als Notmaßnahme angedacht war.

BZ: Werden da konstruktive Mängel sichtbar?

"Man muss lernen, dass auch unwahrscheinliche Ereignisse eintreten können." Michael Sailer
Sailer: Es gibt hier wie in Japan Sicherheitssysteme, die bei normalen größeren Störfällen die Probleme in den Griff bekommen sollen. Aber wenn diese Systeme nicht mehr funktionieren, bekommen wir hier die gleichen Probleme mit der Hitze. Und uns bleiben dann ebenfalls nur Notfallmaßnahmen wie das Einspeisen von Flusswasser.

BZ: Sind die deutschen Kraftwerke eigentlich auf dem neusten Stand von Wissenschaft und Technik?

Sailer: Nein, und das ist nach der Gesetzeslage auch nicht erforderlich. Das Gesetz fordert bisher nur, dass der Stand von Wissenschaft und Technik, wie er zum Zeitpunkt der Genehmigung galt, erfüllt werden muss. Insofern wäre heute keines der 17 Kernkraftwerke genehmigungsfähig. Und ich bin mir sicher, dass die Anforderungen höher werden nach der Fachdiskussion, die wir derzeit erleben.

BZ: Der Satz, dass Sicherheit Vorrang hat, ist also eigentlich nicht viel wert.

Sailer: Der Satz ist begrenzt wirksam.

BZ: In Baden-Württemberg hat EnBW für Neckarwestheim 1 bereits vor vier Jahren Nachrüstungen beantragt, weil es Sicherheitsprobleme gibt. Im Gegenzug sollte die Laufzeit verlängert werden. Ist Sicherheit in Deutschland eine Frage des Verhandlungsgeschicks?

Sailer: Bis vor kurzem hat das Atomgesetz den Aufsichtsbehörden keine Handhabe gegeben, Auflagen durchzusetzen, wenn der Betreiber nicht will. Zum Teil haben Betreiber gegen Auflagen geklagt, zum Teil sind Auflagen, die vor 20 Jahren gemacht wurden, bis heute nicht erfüllt.

BZ: Können Sie das konkretisieren?

Sailer: Zum Beispiel beim Kernkraftwerk Biblis. Nach einem schweren Beinahe-Störfall hat die damalige Landesregierung 49 zusätzliche Sicherheitsauflagen erlassen. Davon sind einige bis heute nicht realisiert. Und ein gebunkertes Notstandssystem wurde auch nicht errichtet.

BZ: Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat Sie in eine Expertengruppe berufen, die die Sicherheit der Atomkraftwerke im Land begutachten soll. Wie sicher sind die vier Meiler?

Sailer: Wer am Anfang einer Prüfarbeit steht, kann das Ende nicht vorhersagen. Das wäre wissenschaftlich unredlich.

BZ: Die Anlagen in Deutschland sind für Beben der Stärke 6,9 nicht ausgelegt. Das ist die Stärke, die einst Basel zerstört hat. Wie groß ist das Risiko?

Sailer: Wir haben drei Standorte, für die das Thema Erdbeben eine Rolle spielt, Philippsburg, Neckarwestheim und Biblis. Aus meiner Sicht muss man prüfen, was das schlimmste Erdbeben ist, das bei der Auslegung zugrunde liegt. Außerdem haben die Geologen in all den Jahren viel dazugelernt, deren neue Erkenntnisse müsste man berücksichtigen.

"Ich glaube, dass wir da bei der Überprüfung noch manche Überraschung erleben werden."Michael Sailer
BZ: Es gibt Anlagen, in denen Stromkabel und die Kabel für die Notsysteme im gleichen Schacht verlaufen, also ein Brand dort beide Systeme zugleich zerstört. Dann fehlt die Sicherung. Das war in Japan ein Teil des Problems.

Sailer: Wir haben in der Tat ganz allgemein in deutschen Kernkraftwerken zu wenig Augenmerk auf Dinge gelegt, die sich übergreifend auswirken. Dazu gehören bauliche Dinge, wo Fehler übertragen werden können oder sich bedingen. Was nützen vier Sicherheitssysteme, wenn sie von der gleichen Sorte sind und damit den gleichen konstruktiven Fehler aufweisen und bei einem einzigen Ereignis alle vier gleichzeitig ausfallen. Ich glaube, dass wir da bei der Überprüfung noch manche Überraschung erleben werden.

BZ: Welche Lehre sollte man aus der Katastrophe ziehen?

Sailer: Zum einen, dass wenn man Kernkraftwerke betreibt, man ein hohes Risiko eingeht. Und das Zweite ist: Man muss lernen, dass auch unwahrscheinliche Ereignisse eintreten können.

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Autor: Franz Schmider