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13. August 2010 00:07 Uhr

Artenschutz

Auf den Färöer-Inseln boomt die Jagd auf verseuchtes Fleisch

Nicht nur Tierschützer kritisieren den Walfang auf den Färöer-Inseln, sondern auch Gesundheitsexperten: Sie warnen vor dem Verzehr des kontaminierten Fleisches. Dennoch werden die Grindwale gejagt.

TÓRSHAVN. Das Signal "Grindwal" ist für die Menschen auf den Färöern immer noch ein Weckruf wie damals, als es von einem Hornbläser kam und nicht, wie heute, per SMS und Facebook. Dann lässt der männliche Teil der Bevölkerung stehen und fallen, womit er sich gerade beschäftigt, und eilt zur der Meeresbucht, in der ein Rudel Kleinwale gesichtet wurde. Und dann beginnt das Schlachten, bis das Blut das Wasser rot gefärbt hat und die toten Tiere zu Dutzenden an den Strand geschleppt sind. Das Fleisch wird anschließend an alle Beteiligten und ihre Familien verteilt.

"Grindadrap", die "Grindtötung", ist auf der zu Dänemark gehörenden nordatlantischen Inselgruppe eine jahrhundertealte Tradition. Doch während sie früher der Ernährung einer vom Fischfang abhängigen Bevölkerung diente, ist sie heute ein makabres Volksvergnügen. Von Booten aus werden die zur Familie der Delfine zählenden Grindwale in seichte Gewässer getrieben. Und weil die auch Pilotwal genannten Säuger Herdentiere sind, folgen die Jungen ihren Müttern dorthin, wo es keinen Ausweg mehr gibt. Die Jäger treiben der Beute Fanghaken ins Blasloch, um ihren Orientierungssinn zu stören und sie näher an Land zu bringen, wo andere mit dem Grindmesser bereit stehen. Damit durchtrennen sie die Halsschlagader und das Rückenmarkt der Wale, die, wenn der Schnitt richtig sitzt, in Sekundenschnelle verenden.

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Der Grindwal, dessen männliche Exemplare bis zu acht und die Weibchen sechs Meter lang werden können, ist keine bedrohte Art. Dennoch schlagen Tierschützer Alarm. Während im Vorjahr zwischen Januar und September bei fünf "Grinden" insgesamt knapp 400 Wale erlegt wurden, gab es in diesem Jahr bei acht Hatzen schon mehr als 700 tote Tiere, bis zu 228 bei einem einzigen Fang am 19. Juli bei Klaksvik. 13 Tierschutzorganisationen wie Pro Wildlife und Ocean Care protestierten gegen die "ebenso grausame wie sinnlose Tradition". Sie bestreiten die offizielle Darstellung der "humanen Tötungsmethode" und erzählen von langwierigem Todeskampf der Meeressäuger.

Doch nicht nur von Seiten der Aktivisten kommen die Waljäger unter Beschuss, auch von der eigenen Gesundheitsbehörde. Im Fleisch der Grindwale haben sich so große Mengen an Schwermetallen und Umweltgiften angesammelt, dass sie als ungenießbar gelten. Blei, Quecksilber, Kadmium und PCB machen den Verzehr sogar gesundheitsschädlich. "Grindfleisch ist als Menschennahrung ungeeignet", erklärt Oberarzt Pål Weihe. Schon früher haben die Behörden die Färinger aufgefordert, den Konsum auf maximal zwei Mal pro Monat zu beschränken – was schlecht zu den Dimensionen der Jagd passt. Offiziell heißt es, dass Fleisch, Speck, Tran, selbst Haut und Sehnen komplett verwertet würden. Doch wie sollen die knapp 50 000 Bewohner bei zwei monatlichen Mahlzeiten die mehr als 300 Tonnen Fleisch und Speck verzehren, die allein in diesem Jahr bisher gelandet wurden? Die Wahrheit ist, dass große Fleischhaufen übrig bleiben, wenn alle ihren Anteil erhalten haben, und dass das Argument, die Grindjagd diene der Ernährung der Bevölkerung, daher nicht stimmt.

Vor allem Schwangere und Kinder hörten auf die Warnungen und verzichteten auf den Verzehr, sagt Weihe. Bei anderen werde es länger dauern. "Grindadrap ist ein wichtiger Teil der hiesigen Kultur, und einem Volk, das jahrhundertelang Walfleisch aß, zu sagen, dass man dies lassen solle, ist sehr radikal." So wird das Signal "Grindwal" auch weiterhin die Färinger elektrisieren. Für Angestellte heißt der Jagdruf, dass sie frei bekommen. Denn es bedarf einer großen Anzahl Boote, um eine Herde an Land zu treiben. Selbst Gottesdienste sollen deshalb angeblich unterbrochen werden. Tierschutz? "Die Wale sind sofort tot", erwidern die Färinger, "und davor hatten sie ein besseres Leben als die Schweine und Hühner in den Fleischfabriken."

Autor: Hannes Gamillscheg