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17. Februar 2010

Die Frau, die es nicht geben dürfte

Als Kind ist Gisela Großer der Tötungsmaschinerie der Nazis entkommen. Heute zählt sie zu den wenigen alten Menschen in Deutschland, die ein Downsyndrom haben .

  1. „Da unten ist es dunkel, da will ich nicht rein“: Gisela Großer Foto: Heinz Heiss

Sie werde höchstens 25, mit etwas Glück, Vitaminen und Spritzkuren vielleicht 30 Jahre alt, haben die Mediziner vorausgesagt. Sie sei lebensunwert, urteilten die Nazis und wollten das Volk von Menschen wie ihr befreien. Von all dem weiß Gisela Großer nichts. Die kleine Frau mit dem großen Sturkopf schaut in Geschichtsbüchern und Zeitungen nur die Bilder an, Buchstaben sind ihr fremd. Sie ärgert sich nicht über Politik, sondern über Gartentore, die offen stehen, und macht sie im Vorbeilaufen zu. Dann freut sie sich diebisch. Ihr Gesicht sieht beim Lachen aus wie die Sonne – mit einem Bündel an Strahlen rund um die faltigen, hellblauen Augen.

"Mongoloide Idiotie"

lautete die Diagnose –

und das Todesurteil.

Die Kinder-"Euthanasie" im Dritten Reich war schon angelaufen, als Gisela Großer am 20. Februar 1942 im oberschwäbischen Riedlingen mit seltsam schräg gestellten Augen, einem Herzfehler und einem Chromosom zu viel geboren wurde. "Mongoloide Idiotie" lautete die Diagnose – und das Todesurteil. Denn damals war jeder Arzt, jede Hebamme, jede Entbindungsanstalt verpflichtet, behinderte Neugeborene zu melden. Doch bei dem Riedlinger Baby scheinen wundersamerweise alle weggeschaut zu haben – und das war ihre Rettung. Die rüstige 67-Jährige zählt zu den wenigen überlebenden Alten in Deutschland mit Downsyndrom.

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Die Frau, die es nicht geben dürfte, schimpft, was ihre Stimmbänder zulassen. "Ich will meine Ruhe", wirft sie ihrem Bruder Ulrich an den Kopf, "lass mich, du Seggel." Es ist Sonntag, kurz vor zehn und Gisela Großer ist drauf und dran, zu spät zum katholischen Gottesdienst zu kommen. "Jetzt aber hopp", mahnt ihr Bruder und klatscht in die Hände. Es ist ein Spiel, das beide kennen, es gehört zum Tag wie der Obstteller zum Frühstück. Ohne jemanden, der sie antreibt, würde Gisela die Zeit vergessen – trotz ihrer vier Wecker, die sie auf die Minute genau gestellt hat. Widerwillig lässt sie sich die Winterjacke überziehen, wird grantig, weil sie den Gehwagen mitnehmen soll. "Immer der Scheißwagen", meckert sie und stapft im Schneematsch Richtung Glockengeläut davon.

In Riedlingen ist Gisela Großer so bekannt wie der Pfarrer. Beim Bäcker bekommt sie süße Stückchen geschenkt, auf dem Friedhof hat sie sich auf ihre Art mit den Nachbarn angefreundet – sie verteilt Weihwasser und neugierige Blicke. Vor gut vier Jahren ist sie zurückgekehrt in die Doppelhaushälfte ihrer Familie, wo sie zusammen mit ihrem Bruder Ulrich wohnt. Der hat gewagt, was ihm keiner zugetraut hat: erst die pflegebedürftige Mutter bis zum Tod zu versorgen, dann die geistig behinderte ältere Schwester aus dem Heim zu holen. "Ich habe das bisher keinen einzigen Tag bereut", sagt Ulrich Großer, schwarze Lederhose, Ringelpulli und immer bereit für Faxen. Er hat seine Wohnung in Berlin-Kreuzberg gekündigt, er hat aufgehört, sich zu bedauern, weil die Wirtschaftsberatung, in der er gejobbt hatte, pleitegegangen war, und zog wieder in die Heimat. Katholisches Oberschwaben statt Berliner Kiez, Pflegegeld statt Hartz   IV – für den 58-Jährigen eine Entscheidung, von der alle profitiert haben, wie er versichert.

Die halbe Kirche dreht sich nach Gisela Großer um, als sie mitten im Lied in den Gottesdienst platzt. Sie steuert die Parkgelegenheit für ihren Gehwagen an, ein Pfeiler unweit des Altars, und schnappt sich ihre rosa Henkeltasche. Hello Kitty steht darauf, drin steckt das Gebetsbuch. Für die Nachzüglerin wird aufgerückt. Allein in die Kirche zu gehen ist Sonntagsritual und eine Übung in Selbstständigkeit. Die Rentnerin ist ein Fliegengewicht und findet immer jemand, der ihr die schwere Kirchentür aufdrückt. Sie misst keinen Meter fünfzig, reicht auf der Holzbank mit den Stiefeln kaum auf den Boden.

Für Gisela Großer ist vieles eine ewige Geduldsübung und umgekehrt ist es genauso. Sie stellt die Gemeinde auf Probe, brabbelt vor sich hin, zählt das Geld ab, das sie in den Klingelbeutel wirft. "Lass mich", wehrt sie in die Stille schreiend ihre Nachbarin ab, die ihr beim Friedensgruß die Hand geben will. Die reicht sie nur dem jungen Ministranten und schaut ihm dabei ernst in die Augen.

Ihre Direktheit ist so schockierend wie liebenswert. Gisela Großer sagt, was sie denkt. Sie teilt ihre Ablehnung und ihre Zuneigung, traut sich, Wildfremde in den Arm zu nehmen und ihnen Komplimente zu machen. Eine Meisterin im Flirten, zerbrechlich, zart, ein weißer Flaum auf dem Kopf wie Wellenschaum. Im tiefsten Schwäbisch knödelt sie fast unverständliche Sätze hervor, verschluckt die Hälfte der Laute und gluckst zwischendurch vor Freude.

Der Winter hat den Friedhof in Schnee eingepackt. "Hallo Mutti", grüßt Gisela Großer und bugsiert ihren Gehwagen vor den Grabstein mit der Kerze. Sie setzt sich auf den Rollator wie auf einen Stuhl. "Ich wünsche dir noch alles Gute zum Geburtstag und dass du im Himmel beim lieben Gott bist." Seit dem Tod ihrer Mutter Thilde ist sie bald täglich zum Zwiegespräch hergekommen, sie plauderte ihre Trauer weg, stundenlang und in Endlosschleifen. Nach zwei, drei Jahren hat das Redebedürfnis nachgelassen.

"Da unten ist es dunkel", seufzt Gisela Großer, "da will ich nicht rein, da verfaul ich." Sie hat es plötzlich eilig, sich zu verabschieden, schiebt aufgeregt die weinrote Wollmütze aus den Augen. Die Kälte setzt ihr zu, und daheim gibt es Sauerbraten mit Rotkraut und Knödeln.

Wie Gisela Großer dem systematischen Vernichtungswahnsinn des Dritten Reichs entkommen konnte, weiß keiner so genau. Der Arzt im Riedlinger Krankenhaus habe sie geschützt, glaubt ihr Bruder. "Die Mutter kann ihr Kind gut allein versorgen", soll er nach der Geburt gesagt haben. Die Familie wohnte in Heiligkreuztal, einer abgeschiedenen Klosteranlage hinter Riedlingen, wo jeder jeden kannte und Fremde selten waren. Im oberen Stock des Herrenhauses gegenüber der Kirche hatten die Großers ihre Ruhe. Der Vater ein angesehener Prokurist bei einer Zwirnerei, die Mutter eine gläubige Katholikin, die sechs Kinder auf die Welt brachte.

Die Angst vor dem Schlimmsten sei immer da gewesen, erinnert sich Giselas Schwester Mechthild Zimmermann. Ihre Mutter habe miterleben müssen, wie einer guten Freundin aus dem Ort das behinderte Baby weggenommen wurde – angeblich zur besseren Betreuung in einem Heim. Kurz darauf kam der Brief, dass die Kleine leider verstorben sei.

Die Angst vor

dem Schlimmsten

war immer da.

Der Weg in den Tod war genau geplant. Drei Gutachter des Reichsausschusses entschieden aufgrund der Meldebogen, wer in eine der Kinderfachabteilungen eingewiesen wurde und etwa nach Stuttgart oder Eichberg kam. Eine Überdosis Schlafmittel, unters Essen gemischt oder gespritzt, brachte die Kinder um. Sie starben an Atemlähmung, Kreislaufversagen oder Lungenentzündung. Auf mindestens 5000 wird die Zahl der Opfer geschätzt.

Das Polster des Wohnzimmersessels verschluckt Gisela Großer beinahe. Am Nachmittag sortiert sie Fotos – exakt legt sie die Kanten aufeinander. "Alle müssen in eine Tüte", drängt sie und hält manche Bilder falsch herum. Ihre Augen sind schlechter geworden, der krumme Rücken schmerzt, und manchmal kann die Rentnerin den Stuhlgang nicht mehr halten. Auf 60 Jahre haben die Ärzte die Lebenserwartung von Menschen mit Downsyndrom nach oben korrigiert, Gisela Großer liegt längst über dem Schnitt. Angesichts der mit dem Erbfehler verbundenen Krankheiten hätte man ihnen früher diese Lebensspanne gar nicht zugetraut.

Immer öfter muss ihr Bruder Uli ran, ihr Pfleger, Kritiker und Freund, dem sie ein Küsschen auf die Backe drückt, um ihm wenig später einen Klaps auf den Po zu geben. Sie weiß, wie sie ihn ärgern kann. "Der zieht immer meine Unterhosen an", feixt sie und legt mit einem Lächeln nach: "Zu Hause bin ich glücklich."

Autor: Christine Keck