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23. Juli 2014 00:00 Uhr

Tierschutz

Der Aasgeier soll nach Indien zurückkehren

Verseuchte Kuhkadaver haben den Aasgeiern in Indien beinahe den Garaus gemacht: Die Vögel waren fast ausgestorben – nun wollen Tierschützer sie wieder auswildern.

  1. Zwei Indiengeier-Küken in der Aufzuchtstation von Haryana. Foto: Chris Bowden RSPB

  2. Chris Bowden Foto: öö

Millionen Aasgeier lebten in Indien – bis sie Ende der 90er Jahre fast ausstarben. Denn die Kuhkadaver im Land, von denen sie sich ernährten, waren plötzlich mit einem Schmerzmittel verseucht. Nun sollen die Geier zurückkehren: Tierschützer hoffen, dass im kommenden Jahr Schutzzonen eingerichtet werden, in denen sie ihre in Brutstationen gezüchteten Geier auswildern wollen. Auch deutsche und Schweizer Pharmakonzerne engagieren sich für die Geier.

Das Küken mit dem grau-weißen Flaum, dem langen Hals und großen, schwarz schimmernden Augen ist noch ziemlich wackelig auf den Beinen. Immer wieder plumpst der junge Vogel mit seinem Hinterteil auf ein Handtuch in der Brutstation von Pinjore im indischen Bundesstaat Haryana. Das Küken hackt mit seinem etwas schwer geratenen, kräftigen grauen Schnabel eifrig nach dem rohen, ein paar Tage alten Ziegenfleisch, das ein Betreuer auf einer Untertasse aus Porzellan serviert. Hin und wieder ist ein dünner Piepton zu hören, der ohne weiteres von einem Schluckauf stammen könnte.

Wenn es nach Chris Bowden, Programmmanager von "Saving Asias Vultures from Extinction" (Save) geht, ist es mit der Feinschmecker-Behandlung des kleinen Geiers bald vorbei. "Wir hoffen, im kommenden Jahr mehrere Sicherheitszonen mit einem Durchmesser von jeweils 400 Kilometern einrichten zu können, in denen wir im Brutofen gezogene Geier in die freie Natur entlassen können." Denn Indien, vor 20 Jahren noch Heimat von rund 40 Millionen der fliegenden Müllmänner, hat heute mehr Millionäre als Geier. Tierschützer schätzen ihr Zahl auf ganze 4000. "Die Vögel hingen plötzlich tot in den Bäumen", erinnert sich Vibhu Prakash, dessen "Bombay National History Society" (BNHS) zu den vielen indischen Partnern von Save gehört, an das plötzliche Massensterben der Aasfresser Ende der 90er Jahre, "sie fielen tot aus Nestern. Es war furchtbar."

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Schuld war ein Medikament, das in Europa fast als Hausmittel gilt: Diclofenac, besser bekannt als Voltaren. Indien hat zwar längst Brasilien als größten Rindfleischexporteur der Welt überflügelt. Aber Kühen, die nicht in der Fleischerei landen, blüht am Ende ihres Lebens oft ein lange dauerndes Leiden, bevor sie verenden. Die Vierbeiner gelten den Hindus als heilig und werden deshalb nicht notgeschlachtet. Statt dessen wurde das eigentlich für Menschen gedachte Schmerzmittel vor zwei Jahrzehnten in Indien erstmals alten Kühen gespritzt – mit verheerenden Folgen für die Geier. Fraßen die Vögel von dem Aas, versagten ihre Nieren. Weil die Geier zu Millionen verendeten, labten sich statt dessen frei lebende Hunde an den Kadavern. Eine der Folgen: Indien gehört heute zu den Ländern mit der höchsten Tollwutrate.

Auch die kleine und wohlhabende Religionsgemeinschaft der Parsen erlebte in der Finanzmetropole Mumbai einen tiefen Schock. Die Religionsgemeinschaft, die dem Zoroastrismus folgt, betrachtet eine Leiche als unsauber und verbietet die Vermischung mit Wasser. Indiens Parsen legen die Toten deshalb seit Jahrhunderten in einer speziellen Kammer Aasgeiern und Krähen zum Fraß vor. Doch Ende der 90er Jahre fanden die Bestatter Monate nach einer Bestattung statt blanker Knochen verweste Leichen in den Grabkammer. Die Geier waren nicht mehr erschienen.

Nun gibt es es erstmals Hoffnung, dass die Geier bald wieder in größerer Zahl über Indien kreisen. Es wäre ein Durchbruch, der noch vor zehn Jahren, nach der blitzartigen und nahezu völligen Ausrottung der Geier in Indien sowie den Nachbarländern Pakistan und Bangladesch, nahezu unmöglich erschien. In Nepal richteten Tierschützer aus Sorge um das Überleben der Vögel gar eigene "Geier-Restaurants" ein, Futterstellen, die sie nach dem "König der Geier" genannten Gott Jataya benannten.

"So etwas kann nur eine Notlösung sein", sagt Chris Bowden. Seine Organisation und ihre indischen Partner wollen die im Brutkasten gezogenen Vögel, sozusagen wertvolle Überlebende des Geier-Massensterbens, in Indien erst in die freie Wildbahn lassen, wenn in den Sicherheitszonen endgültig das Schmerzmittel Diclofenac aus den Regalen der Apotheken und den Medizintaschen der Tierärzte verschwindet, das fast überall in Indien immer noch alte Kühe glücklich macht.

Die Regierung verbot den Einsatz der Schmerzspritzen bei Tieren. Der Schweizer Pharma-Riese Novartis stellte gar die Produktion des Geier-Vernichters in Südasien ein. Aber Indien genießt schließlich den Namen "Apotheke der Armen", weil zahlreiche Generika-Hersteller billige Kopien teurer Medikamente produzieren.

Im Falle von Diclofenac verfielen die Produzenten zudem auf einen gemeinen Trick. Der "Geiertod" wird jetzt von indischen Generika-Firmen in kleinen Ampullen vermarktet, deren Inhalt bei Kühen nur zwei Tage lang reicht und die leicht in einer Tierarzt-Tasche zu verstecken sind. Dagegen half bislang nicht einmal eine Initiative des deutschen Arzneimittelhersteller Boehringer-Ingelheim. Der Konzern verzichtete in Indien auf die Patentrechte für Meloxicam, ein alternatives Schmerzmittel, das Geier verschont. Leider kostet das Mittel auf dem indischen Markt mehr als Diclofenac.

Kein Wunder, dass Geier-Retter Bowden angesichts der vielen Hindernisse manchmal schier verzweifelt. "Wir geben jährlich über 250 000 Euro für das Brutprogramm aus", sagt er, "davon verwenden wir die Hälfte zum Kauf von lebenden Ziegen." Die Tiere werden einige Tage lang genau beobachtet und untersucht, bevor sie auf Schlachtblock landen. Ein weiterer Grund für die hohen Kosten: Das Brutprogramm ist erfolgreicher als ursprünglich erhofft.

Es ist alles andere als einfach für die Geier-Helfer in Indien, die notwendigen Mittel aufzubringen. Die Aasfresser mit den zugegebenermaßen unappetitlichen Fressmanieren gehören im Gegensatz zu Seehundbabys und putzigen Koala-Bären oder Walen nicht gerade zu den Zugpferden bei Spendensammlungen. Das kann auch das putzige kleine Geier-Küken mit dem prekären Gleichgewicht, Riesenhunger und lustigem Schluckauf auf der Website von Save nicht ändern.




Autor: Willi Germund