Die Suche nach dem schwarzen Rettich

Christina Horsten

Von Christina Horsten (dpa)

Mi, 27. Dezember 2017

Panorama

In den USA erscheint das erste jüdisch-deutsche Kochbuch / Positive Erinnerungen an Deutschland.

NEW York (dpa). Auf einem Bauernmarkt in Bamberg fand der Großvater von Sonya Gropman Anfang der 70er Jahre endlich das wieder, wonach er sich seit Jahrzehnten gesehnt hatte: einen schwarzen Rettich. "Er rannte auf dem Markt herum, bis er einen Stand mit einem großen Berg davon fand", erinnert sich die Enkelin. "Zurück im Hotel schnitt er ihn auf, streute Salz darauf und gab uns allen ein Stück."

Es war der erste gemeinsame Besuch der Familie Rossmer Gropman in Bamberg. Die Großeltern Rossmer waren Ende der 30er-Jahre vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen. "Meine Großmutter war nicht begeistert davon, für einen Besuch zurückzukehren, aber mein Großvater hatte nach wie vor eine starke Bindung an seine Geburtsstadt Bamberg – und vor allem an das Essen von dort. Heute ist schwarzer Rettich in den USA ja relativ einfach zu finden, aber in den 70ern gab es das nicht. Mein Großvater hatte die ganze Zeit, seitdem er 1939 geflohen war, danach gesucht."

Die Leidenschaft für deutsch-jüdisches Essen hat sich auf Tochter und Enkelin übertragen. Gabrielle Rossmer Gropman und Sonya Gropman haben ein deutsch-jüdisches Kochbuch herausgebracht – in ihrer amerikanischen Heimat, aber sie hoffen, dass eine deutsche Übersetzung folgen wird. Nach ihren Angaben ist es das erste auf diese Küche spezialisierte Rezeptbuch. Es feiere "Spezialitäten aus einer vergangenen Ära", so der Boston Globe.

Deutsch-jüdische Küche lasse sich in drei Kategorien unterteilen, erklärt die 55-jährige Gropman. Erstens deutsche Gerichte, die unangepasst übernommen werden konnten, wie etwa Kartoffelknödel oder Reisauflauf. Zweitens original jüdisch-deutsche Gerichte wie Berches, ein Brot für Festtage mit Kartoffelbrei im Teig. Und drittens deutsche Gerichte, die koscher gemacht, also an die speziellen jüdischen Speisevorschriften angepasst, wurden, etwa Fleischgerichte wie Sauerbraten ohne Milchprodukte in der Soße, oder Würstchen ohne Schweinefleisch, dafür aber mit Rind oder Lamm. Als Milchersatz wird Gänsefett verwendet.

Für die Rezepte kramten Mutter und Tochter in ihren eigenen Küchen und Kochbuchsammlungen und befragten Dutzende Menschen in den USA und Deutschland, etwa in einem Altenheim in München. "Die Menschen haben begeistert ihre Familienrezepte mit uns geteilt." Auch sie selbst habe ihre "Geschmackserinnerungen" herausgekramt, sagt die 79-jährige Rossmer Gropman – zum Beispiel als es um einen Krautsalat ging. "An den erinnere ich mich gut, es gab ihn immer zu besonderen Festtagen als Beilage zum Fleisch. Ich habe dann überall nach Rezepten geschaut, aber es hat nie so geschmeckt – bis ich gelernt habe, dass man den Kohl zuerst in heißes Salzwasser einlegen muss, dann schmeckt es nachher so wie das, an was ich mich erinnere."

Über das Essen hätten sie sich auch mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt, sagen Mutter und Tochter. "Deutsch und jüdisch zu sein ist wie eine Minderheit in einer Minderheit", sagt Rossmer Gropman, die als Baby mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten floh. "Wir kamen in den 1930ern in die USA und waren in einem schrecklichen Krieg mit Deutschland – wer wollte da deutsch und jüdisch sein? Es gab eine Tendenz, abzutauchen, amerikanisch zu werden, Deutschland zu vergessen." Die Rossmers zogen nach Washington Heights in den Norden von Manhattan, wo mehr Juden aus Deutschland beieinander lebten als sonst irgendwo in den USA. Rossmer Gropmans Großeltern wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. "Mein Vater hat ein Leben lang versucht, das zusammenzubringen – die Ermordung seiner Eltern und die sehr positiven Erinnerungen, die er an seine Kindheit in Deutschland hatte." Über das Essen gab er diese Erinnerungen an Tochter und Enkelin weiter, die nun genauso leidenschaftlich wie er einst nach den Zutaten suchen.