Unglück in Tianjin

Eine Kette von Behördenfehlern

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Mo, 17. August 2015

Panorama

Hafenaufsicht erlaubte Lagerung hochgefährlicher Chemikalien.

In der chinesischen Großstadt Tianjin wächst die Angst vor gefährlichen Chemikalien, die sich bei einer gewaltigen Explosion am vergangenen Mittwoch über ein ganzes Stadtviertel gelegt haben. Wie am Wochenende klar wurde, lagerten in der detonierten Halle große Mengen von Blausäureverbindungen, die schon in kleinen Mengen giftig sind. Auf dem Gelände am Hafen schwelen auch am vierten Tag nach der Katastrophe noch Brände, am Samstag hatte es weitere Explosionen geben. Die Einsatzkräfte vor Ort tragen Gasmasken, darunter Polizisten, die die Absperrung der Katastrophenzone in drei Kilometern Entfernung vom Explosionszentrum bewachen. Die Armee hat Experten für Chemiewaffen nach Tianjin geschickt. Bewohner der Zehn-Millionen-Metropole klagten über Gestank und über gereizte Augen. Zahlreiche Feuerwehrleute mussten ihren Einsatz angeblich abbrechen, weil sie nichts mehr sehen konnten.

In den Trümmern fanden Feuerwehr und Armee bis Sonntagmittag 112 Leichen, darunter zahlreiche Kollegen, die Opfer der ersten großen Explosion geworden waren. Knapp 100 Personen werden noch vermisst. Dafür konnten die Helfer am Wochenende zwei Überlebende überraschend aus Frachtcontainern bergen, die ihnen in der Nähe des Zentrums der Explosion Schutz geboten hatten. Die Feuerwehr befindet sich nun in einem Zwiespalt: Sie müsste die verbliebenden Brandnester eigentlich mit großen Mengen Chemiepulver löschen, fürchtet jedoch, damit möglichen Überlebenden in den Trümmern zu schaden.

Einem Bericht der Neuen Pekinger Zeitung zufolge befanden sich in dem explodierten Lagerhaus 700 Tonnen der Substanz Natriumcyanid, die hochgiftig ist. Peking hat den Artikel der Zeitung im Netz unterdrücken lassen und die Zensur generell verschärft.

Die Regierung kündigte jedoch angesichts der Katastrophe an, die Gesetze zum Umgang mit Chemikalien zu verschärfen. Die Arbeitssicherheit und der Umgang mit Risiken müssten "auf breiter Front" verbessert werden, sagte Staatschef Xi Jinping am Samstag. Tatsächlich stellt sich das Unglück derzeit als Kette von Behördenfehlern dar. Die Kommission für Arbeitssicherheit des Staatsrats führte die Katastrophe vor allem auf eine nachlässige Umsetzung bestehender Sicherheitsvorschriften zurück. "Irreguläre Vorgehensweisen in der Arbeitspraxis" seien eher die Regel als die Ausnahme gewesen.

Auch die Feuerwehr selbst könnte zu der Explosion beigetragen haben – wenn auch unwissentlich. Sie hat versucht, einen kleineren Brand in dem Chemielager am Mittwochabend mit Wasser zu löschen und dabei offenbar nicht darauf geachtet, was die Firmen dort gelagert haben. Eine Reihe der Chemikalien, darunter das Natriumcyanid, dürfte mit Wasser heftig reagiert haben. Das würde erklären, warum die große Explosion sich erst ereignete, als die Feuerwehr bereits mit mehreren Wagen vor Ort war. Nachdem die Natur des Brandes klar wurde, hat die Feuerwehr mit Sand weitergelöscht.

Angesichts der schlechten Dokumentation des Inhalts der Lagerhallen macht jedoch niemand der Feuerwehr einen Vorwurf, zumal die Einsatzkräfte von Anfang an mutig und entschlossen gehandelt haben. Am Pranger steht die Hafenaufsicht, die die Lagerung von gefährlichen Substanzen in der Binhai-Sonderwirtschaftszone erlaubt hat – einem Gebiet mit Mischnutzung aus Industrie, Logistik, Büros und Wohnen. Direkt an das Warenlager schließen sich Mietshäuser an, deren Bewohner in Sicherheit gebracht wurden. Offenbar fehlte den Verantwortlichen jedes Gefahrenbewusstsein.

Angehörige von getöteten und verletzten Feuerwehrleuten stürmten am Samstag eine Pressekonferenz, um auf die hohen Opferzahlen durch die Schlamperei aufmerksam zu machen. Sie beklagten, dass die Feuerwehr nicht für Chemieunfälle ausgebildet und ausgerüstet sei.

Augenzeugen verglichen die Detonation am Mittwoch mit der Explosion einer Atombombe. Ein von innen leuchtender Ball aus Flammen entwickelte sich zu einer pilzförmigen Rauchwolke. Die Druckwelle zerstörte weiträumig Fensterscheiben und riss Menschen um. Der Knall der Explosion war noch in einem Dutzend Kilometern Entfernung von Tianjin zu hören. Zurück blieb ein tiefer Krater im Hafengelände.