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05. Januar 2016 10:36 Uhr

Wetterphänomen

El Niño droht, so stark zu werden, wie nie zuvor

Das Wetter scheint auf der gesamten Nordhalbkugel verrückt zu spielen. Und es gibt auch einen Hauptverdächtigen dafür: das Wetterphänomen El Niño, spanisch für "das Christkind".

  1. Dürre durch El Niño auf den Philippinen Foto: Francis R. Malasig

Zur Weihnachtszeit hatte die Anomalie im Pazifischen Ozean ihren Höhepunkt erreicht, daher der Name. Doch in unserem Fall ist das wütende Kerlchen wohl unschuldig: Es bringt zwar auf drei Vierteln der Erde das Wetter durcheinander, aber sein Einfluss auf Europa ist allenfalls schwach.

Wenn El Niño das Wetter hierzulande beeinflusst, dann allenfalls durch Kälte. So wird seit einigen Jahren diskutiert, ob das Christkind etwas mit dem kalten Kriegswinter 1941/42 zu tun gehabt haben könnte. Die wetterstatistischen Belege dafür sind jedoch dünn, und während des Jahrhundert-El-Niño von 1997/98 war der europäische Winter ähnlich warm wie in diesem Jahr.

Der diesjährige El Niño hat das damalige Super-Christkind bereits übertroffen. Messbojen aus dem Pazifik funken seit dem Sommer erstaunliche Temperaturdaten. Die pazifische Äquatorregion ist deutlich wärmer als üblich.

Ein El Niño kommt etwa alle zwei bis sieben Jahre vor

Wie, wann und warum sich das Wetterphänomen im Pazifik bildet, darüber gibt es nur vage Theorien. Normalerweise strebt die planetare Umwälzpumpe hier mit all ihren Elementen Richtung Westen. So schiebt der kalte Humboldtstrom einen gigantischen Warmwasserberg von der Küste Südamerikas nach Südostasien; der Passatwind weht von Osten und bewirkt, dass der Pazifik vor der indonesischen Küste mit 29 Grad zur Badewanne wird, während es vor Südamerika bloß 24 Grad auf demselben Breitengrad sind. Zugleich ist es dort vergleichsweise trocken, und der Meeresspiegel liegt um bis zu dreißig Zentimeter niedriger, weil das kältere Wasser ein geringeres Volumen hat.

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Bei einem El Niño bricht diese Zirkulation gänzlich zusammen und kehrt sich um. Das passiert etwa alle zwei bis sieben Jahre. Der Wind dreht dann von Ost auf West, so dass das warme Wasser an die südamerikanische Küste schwappt. In Südostasien dagegen zieht sich das Meer zurück. Daraufhin wird es dort kühler und trockener.

Das Wetterphänomen wirkt in Indonesien als Brandbeschleuniger

Die Folgen kann man im gesamten Pazifik beobachten. In Südostasien beispielsweise ereignet sich eine der größten ökologischen Katastrophen der jüngsten Geschichte, ohne dass die Welt entsprechend reagieren würde: Indonesien brennt in weiten Teilen. Unternehmer haben den Regenwald in Brand gesetzt, um Boden für Palmölplantagen zu gewinnen. El Niño wirkt da geradezu als Brandbeschleuniger, weil er Dürre mit sich bringt. Mittlerweile sind zwar viele der Brände wieder gelöscht, dennoch leiden die Menschen dort unter Atemwegserkrankungen.

Hat der Klimawandel da bereits seine Finger im Spiel?

Andernorts hingegen kann man sich über zu wenig Wind nicht beschweren. Der Ostpazifik hat eine stürmische Wirbelsturmsaison erlebt. Hawaii war im Herbst von tropischen Zyklonen umzingelt. In Südamerika kämpfen die Menschen an den Westküsten derzeit mit Stürmen, Überschwemmungen und Erdrutschen. Peru musste schon im Sommer in dreizehn Regionen den Notstand ausrufen. Das Land hat nicht vergessen, mit welcher Wucht das Christkind vor achtzehn Jahren zuschlug, als Andendörfer komplett von Schlammlawinen begraben wurden.

Hat der Klimawandel da bereits seine Finger im Spiel? Eines haben El Niño und europäische Winterwärme gemeinsam: Sie lassen sich schwer als Symptome eines Klimawandels deuten. Und das, obgleich sich gerade der stärkste jemals beobachtete El Niño anbahnt und obwohl man hierzulande im Dezember den Schneeglöckchen beim Wachsen zusehen konnte.

Autor: Andreas Frey