"Es hat sich etwas verändert"

kam

Von kam

Sa, 08. Juni 2013

Panorama

BZ-INTERVIEW mit Inge Dännart, die sich mit dem Verein "Wasser ist Leben" erfolgreich für Mädchen in Indien einsetzt.

Der Gundelfinger Verein "Wasser ist Leben" engagiert sich für Mädchen in Indien. Er begleitet und fördert Projekte des Ordens Helpers of Mary, der an 60 Brennpunkten im Land aktiv ist. Katharina Meyer befragte Inge Dännart, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, zur Arbeit des Ordens.

BZ: Sie fördern fünf Mädchenheime der Helpers of Mary. Was bringt diese Mädchen ins Heim?

Dännart: Alle kommen aus schwierigsten Situationen. Es sind Mädchen aus Leprafamilien, HIV-positive Kinder, ausgesetzte Mädchen, die am Straßenrand und in Bahnhöfen gefunden wurden, von der Polizei aufgegriffene Kinderprostituierte und Sozialwaisen, deren Eltern zu ihrem Unterhalt nicht in der Lage sind. Die Schwestern versuchen, ihnen im Heim einen neuen Weg zu eröffnen.

BZ: Sie bemühen sich um eine gute Ausbildung der Mädchen – etwa zur Krankenschwester oder Lehrerin. Kommen sie damit aus dem Elendskreislauf heraus?

Dännart: Ja, zu 100 Prozent. Die Schwestern halten Kontakt zu ihren ehemaligen Schützlingen. Wir hatten auch selbst schon viele Begegnungen. So habe ich zwei ehemalige Heimmädchen getroffen, die beide über ihren Stand geheiratet hatten. Die eine ist Krankenschwester, die andere Kosmetikerin – und sie sind beide nach der Heirat in ihrem Beruf geblieben. Sie haben hohe Erwartungen an ihre Kinder: Sie sollen mindestens Ärzte werden – und zwar nicht nur die Söhne.

BZ: Die Heirat ist vermutlich keine geringe Gefahr für die Emanzipation der Mädchen. Es gibt ja viel Gewalt in der Ehe.

Dännart: Das stimmt. Aber die Mädchen haben, wenn sie die Heime verlassen, eine ganz andere Vorstellung von ihrem Wert. Heiraten wollen sie alle. Aber sie schauen viel genauer hin, wen sie heiraten. Und die Schwestern kümmern sich um sie wie eine Familie: Da wird genau geprüft, ob der Ehemann nur eine billige Haushaltskraft sucht, oder ob es Zuneigung ist. Der Orden stattet die Mädchen auch mit einer Mitgift aus. Sollte doch etwas schiefgehen, kümmert er sich auch um die rechtlichen Schritte.

BZ: Das klingt nach einer Beziehung auf Lebenszeit.

Dännart: Ja, absolut. Viele der Mädchen helfen später selbst in den Heimen mit.

BZ: Wie bewerten Sie denn die Chance des Ordens, über die Heime hinaus etwas für die Frauen in Indien zu bewirken?

Dännart: Die Schwestern wirken intensiv in die Gesellschaft hinein. Ihr Berufsbild hat sich völlig gewandelt. Sie arbeiten zunehmend als Streetworkerinnen, gründen Frauengruppen und klären sie über ihre Rechte auf: Es gibt zum Beispiel viele Fördermaßnahmen auch vonseiten des Staates, doch kaum eine weiß darüber Bescheid. Es gibt auch Alphabetisierungskurse. Schon alleine, wenn eine Frau ihren Namen schreiben kann, bewirkt das etwas. Es sind kleine Schritte – aber doch wichtige Schritte in die Freiheit hinein.

BZ: Haben die Männer nicht auch Angst vor einer stärkeren Position der Frau?

Dännart: Ja, deshalb muss man das alles sehr sensibel angehen. Es sind uralte Traditionen, die sich nicht von heute auf morgen ändern. Es hat tatsächlich auch schon Handgreiflichkeiten gegen die Schwestern gegeben: Weil die Männer in einem Dorf die Förderung ihrer Frauen – es ging unter anderem um Mikrokredite – verhindern wollten. Jetzt haben die Schwestern einen Sozialarbeiter, der ihnen von der Regierung zur Seite gestellt wurde, das hat die Lage entspannt.

BZ: In Neu Delhi sind in diesem Jahr 158 Prozent mehr Vergewaltigungen angezeigt worden. Ist das ein gutes Zeichen?

Dännart: Bislang wurde nur etwa jede 40. Vergewaltigung angezeigt. Nun sind es viel mehr. Es hat sich etwas verändert. Auch dass jetzt Männer Protestmärsche gegen die Vergewaltigungen begleiten, ist neu. Das Thema ist ins Bewusstsein gerückt, es ist kein Tabu mehr. Die Kehrseite ist allerdings, dass nun allen Frauen – auch den Schwestern – erst so richtig klar geworden ist, was für Gefahren da draußen lauern.

Inge Dännart (58) ist einmal pro Jahr für die Indienhilfe "Wasser ist Leben" vor Ort. Spendenkonto : Raiffeisenbank Gundelfingen, BLZ 680 642 22, Kto. 3030300. Infos unter:

http://www.indienhilfe-wasser-ist-leben.de