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05. Januar 2016 10:39 Uhr

Rekordtemperaturen

Winter light mit wärmstem Dezember seit Messbeginn

Der Winter ist in Südbaden ein Totalausfall – auch wenn es jetzt doch etwas abkühlt, jagt bislang ein Wärmerekord den nächsten. Und bis Mitte Januar ist mit Schnee und Eis nicht zu rechnen.

  1. Viel Luft statt Schnee: ein „Schneemann“. Foto: dpa

  2. Stiefmütterchen blühen Anfang Januar auf dem Schloßplatz in Stuttgart. Foto: dpa

  3. Im Flachland sprießen schon die Krokusse (Archivbild). Foto: Ute Wehrle

Der Schwarzwald ist grün, im Flachland fliegen Pollen, sprießen Krokusse, begegnen einem Menschen mit Sonnenbrand im Gesicht – von den ausgiebigen Spaziergängen zwischen den Jahren natürlich. Noch nie seit Messbeginn im Jahr 1881 gab es einen so warmen Dezember. Deutschlandweit lagen die Temperaturen bei 6,4 Grad, teilt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst mit. Ist das viel? "Das ist der Hammer", sagt er. Um 5,6 Grad wärmer als die Norm sei der Dezember gewesen.

Schon wieder also ein Rekord. Hier der wärmste Dezember, dort der trockenste November. Dazu dieser Hitzesommer.

"Mir fallen schon gar keine Superlative mehr ein." Uwe Kirsche
"Mir fallen schon gar keine Superlative mehr ein", sagt Uwe Kirsche. Man jage von Rekord zu Rekord. Der Winter bisher fühlt sich nach Frühling an. Im Schnitt war es warm wie im April. In Freiburg stieg das Thermometer an neun Tagen über 15 Grad. Die bundesweit höchste Dezember-Temperatur meldete Emmendingen-Mundingen mit 18 Grad.

Der Hamburger Meteorologe Frank Böttcher vom privaten Institut für Wetter und Klimakommunikation hat sich die Dezemberwerte genauer angeschaut – und sogar eine historische Dimension festgestellt. Noch nie seit Beginn der Messungen in Deutschland fiel ein Monat so viel wärmer aus als normal. "Das ist etwas für die Geschichtsbücher", sagt er. Bisherige Rekordhalter waren Februar 1990 und Januar 2007 mit einem Ausschlag von 5,3 Grad.

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Schwarzwald feiert 125 Jahre Wintersport auf grünen Hügeln

Rekordverdächtig sind auch die Sonnenstunden dieses Dezembers. Bundesweit schien sie im Schnitt 65 Stunden und damit um 75 Prozent länger als sonst. Der Süden war mal wieder von der Sonne verwöhnt. In Neubulach im Nordschwarzwald haben die Meteorologen sogar mehr 125 Sonnenstunden gemessen – ein absoluter Spitzenwert. Und Schwäbisch Gmünd, wo in einem durchschnittlichem Dezember 17 Stunden die Sonne zu sehen ist, bringt es auf mehr als 100 Stunden. Das ist sechsmal so viel wie üblich.

Seit November dominierte ein riesiges Subtropenhoch die Wetterlage in Mitteleuropa. Es zwang die Tiefdruckgebiete auf eine nördliche Bahn und hielt die Kälte fern. In den Bergen ist der Winter deshalb nur noch ein Produkt von Schneekanonen – wenn überhaupt. Der Schwarzwald feiert ja gerade 125 Jahre Wintersport auf grünen Hügeln, mit neuem Parkhaus und Sessellift auf dem Feldberg. Man kann das Ironie nennen. Es ist aber schlimmer: Es ist die völlig ironiefreie Gegenwart und Zukunft.

Ein gewaltiger Orkan wirbelt das Wetter durcheinander

Doch jetzt hat sich endlich etwas getan: Die Wetterlage hat sich zum neuen Jahr grundlegend umgestellt. Über dem Atlantik hat sich ein gewaltiger Orkan gebildet, der das Wetter gehörig durcheinanderwirbelt. Island, Irland und Großbritannien wurden zum Jahresende mit einem gefährlichen Sturm, Starkregen und Hochwasser konfrontiert.

Der gesamte Nordatlantik hat sich in ein wildes Schlechtwettergebiet mit haushohen Wellen verwandelt. Für große Teile Englands, das noch mit den Fluten von Weihnachten kämpft, sind das weitere schlechte Nachrichten.

Nach Südbaden kommt der Orkan allerdings nicht voran. Dafür schaufelt er auf seiner Vorderseite Subtropenluft in einer riesigen Schleife zum Nordpol und lässt die Temperaturen, dort wo normalerweise zum Jahresende minus 30 Grad herrschen, knapp über den Gefrierpunkt steigen. Zugleich verlagert der Orkan auf seiner Rückseite die Kälte vom Pol nach Ostkanada. Grund für diese gewaltige Umverteilung: der Höhenwind, der über der Nordhalbkugel derzeit große Schleifen zieht. So prallen extreme Luftmassen aufeinander, die – wie in den USA – krasse Temperaturunterschiede und eine ganze Tornadoserie ausgelöst haben.

Bis Mitte Januar kommt der Winter kaum nach Südbaden

Ähnlich groß sind die Unterschiede derzeit auch in Europa: Die Frostluft aus Osteuropa ist mittlerweile in den Norden Deutschlands gekommen, und auch im Südwesten fiel in den höheren Lagen Schnee. Ins südbadische Flachland kommt die Kälte aber nicht, es bleibt weiter warm, wenn auch weniger freundlich. Das grotesk stabile Mittelmeer-Hochdruckgebiet jedenfalls hat sich bereits in Luft auflöst.

Und wann kommt endlich ein richtiger Winter zu uns, einer mit Schnee und Eis und Frostbeulen statt Sonnenbrand? Bis Mitte Januar zeigen die Wettermodelle nichts, das danach aussehen könnte. So bleibt es bei Winter light. Was danach kommt, weiß kein Mensch.

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Autor: Andreas Frey