"Gibt es Tiere, die so etwas wie eine Biographie haben?"

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mo, 28. August 2017

Panorama

BZ-INTERVIEW: Der Verhaltensforscher Karsten Brensing plädiert dafür, eine "tierliche Person" ins Rechtssystem einzuführen.

Für manche Beobachter wirkt der Rechtsstreit um das Selfie des Affen Naruto bizarr. Für den deutschen Verhaltensforscher Karsten Brensing geht er aber in die richtige Richtung. Brensing setzt sich dafür ein, Tieren Persönlichkeitsrechte zuzugestehen. Mit ihm sprach Thomas Steiner.

BZ: Herr Brensing, würden Sie im Fall Naruto für das Tier entscheiden?
Brensing: Nein, so nicht. Der Affe weiß ja nicht, dass er ein paar Millionen Mal angeklickt worden ist, und hat keine Vorstellung davon, was das auch materiell bedeutet. Für mich geht dieses Gerichtsverfahren im Prinzip darum, eine absurde Situation publik zu machen. Es macht deutlich, was juristisch schief läuft: die Tatsache, dass wir Tiere wie Sachen behandeln. Darauf macht Peta mit der Klage aufmerksam. An einer Stelle, wo sie das mit großer öffentlicher Wirkung tun können. In den Vereinigten Staaten ist es wohl so, dass nach dem Gesetz demjenigen, der ein Bild von sich selbst macht, das Bild gehört. Von einem Menschen ist da allerdings nicht die Rede. Und damit kommt die Frage nach dem Personenstatus ins Spiel.
BZ: Sie kämpfen schon seit längerem dafür, Tieren ein Persönlichkeitsrecht einzuräumen, warum?
Brensing: In meinem Buch von 2013 habe ich das für einige kognitiv hoch entwickelte Tiere gefordert. Mittlerweile bin ich eines Schlaueren belehrt worden und meine, dass man das eigentlich grundsätzlich für Tiere tun muss. Weil unser Rechtssystem dann besser im Sinne des Tierschutzes angewandt werden könnte. Parallel zur Veröffentlichung meines neuen Buches bin ich an der Gründung einer Initiative beteiligt namens IRI – Individual Rights Initiative. Uns geht es darum, eine "tierliche Person" in unser Rechtssystem einzuführen. Bislang bringen die ganzen Schutzgesetze letztlich nicht viel.
BZ: Was würde diese neue juristische Kategorie mit sich bringen?
Brensing: Auf jeden Fall könnte dann ein Anwalt hingehen und im Namen von Tieren deren Rechte einklagen. Aber was genau das heißt, das müsste erst noch gesellschaftlich diskutiert werden. Bis jetzt geht es in der juristischen Praxis nur darum, Leiden von Tieren zu verhindern. Aber es müsste auch um das Wohlergehen von Tieren gehen. Und dafür müsste man ganz genau hinsehen, wie sie sind und wie sie leben. Gibt es zum Beispiel Tiere, die so etwas wie eine Biographie haben, die um ihre Vergangenheit wissen und in die Zukunft denken können? Und wenn ja, was folgt daraus? Oder was folgt daraus, dass – rein biochemisch gesehen – ein Vogel, der auf dem Dach singt, dieselbe Freude empfindet, wie ein menschlicher Workaholic am Schreibtisch? Solche Fragen müssten von Verhaltensbiologen oder auch Philosophen diskutiert werden.

Karsten Brensing (50) ist Meeresbiologe und promovierter Verhaltensforscher. 2013 erschien im Herder-Verlag sein Buch "Persönlichkeitsrechte für Tiere", Mitte September kommt im Aufbau -Verlag "Das Mysterium der Tiere – Was sie denken, was sie fühlen". Die Individual Rights Initiative geht ab Ende September unter www.iri.world online.