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04. August 2012

Stadt zum Anbeißen

In Andernach können Bürger gratis Obst und Gemüse ernten

Stangenbohnen im Stadtpark, Freikohl für alle: In den öffentlichen Parks von Andernach am Rhein können Bürger gratis Obst und Gemüse ernten. Andernach nennt sich selbst "die erste essbare Stadt Deutschlands". Eine Idee, die Schule macht.

  1. In Andernach gibt es nicht nur Nektar umsonst.

  2. AlleRechte Foto: m

  3. Stangenbohnen im Stadtpark: In Andernach gedeiht neues Denken

  4. In Andernach fördern sie die Artenvielfalt – mit bunten Genussbeeten und „Insektenhotels“ (Bild rechts)

  5. Lutz Kosack: „Wir wollen, dass sich die Menschen quer durch ihre Stadt naschen können.“ Foto: Marcel Burkhardt

  6. Gerhard Eberlein: „Als erste essbare Stadt Deutschlands machen wir dem grünen Freiburg Konkurrenz.“

  7. Heike Boomgaarden: „Wir machen das Wohnumfeld der Leute zu ihrem Lebensmittelpunkt.“

Wer sich Andernach am Rhein von der Autobahn aus nähert, dem bleibt der besondere Zauber dieses 30 000-Einwohner-Städtchens zwischen Koblenz und Bonn zunächst verborgen. Der Weg ins historische Zentrum führt nämlich durch ein modernes, gesichtsloses Gewerbegebiet. Supermärkte, Fast-Food-Läden, Tankstellen, viel Asphalt und Beton – Andernach wirkt hier nicht sonderlich charmant und grün, sondern eher grau.

Aber schon nach wenigen Kilometern entsteht ein ganz anderes Bild: Entlang der mittelalterlichen Stadtmauer erstreckt sich ein grünes Band, ein geradezu paradiesischer Garten, in dem neben Tomaten, Zucchini und Kartoffeln auch Blutorangen, Weintrauben und Pfirsiche gedeihen, Aprikosen, Feigen, Birnen, Äpfel, Mandeln, Esskastanien und sogar Indianerbananen! Nicht alle Sträucher und Bäumchen tragen schon Früchte, aber bald soll hier jeder nach Herzenslust auch nach ziemlich exotischen Früchten greifen können. Das klingt ziemlich unglaublich, ist aber wahr: Eine besondere Initiative der Andernacher und das milde Klima am Mittelrhein machen es möglich. Gleich neben der Hauptstraße, auf einer großen Wiese voll seltener Wildblumen, suchen Bienen, Hummeln und Schmetterlinge nach Nektar. Die heiße Sommerluft duftet nach Blüten, frischem Grün und feuchter Erde.

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Es ist der sinnliche Geruch eines echten Natur-Supermarkts, mitten in der Stadt. Viele Andernacher zieht es regelmäßig hierher, denn der Obst- und Gemüsegarten steht allen Bürgern offen. "Früher gab es Schilder mit der Aufschrift "Betreten der Rasenfläche verboten"", erinnert sich Erika Kändler. "Heute treffen sich die Leute hier, schwatzen miteinander, wo damals Efeu wuchs, wächst jetzt was Essbares, und das Pflücken der Früchte ist ausdrücklich erlaubt – das ist doch ein wunderbarer Wandel", freut sich die 80 Jahre alte Dame. "Dieser Garten ist gut für unsere Gemeinschaft", empfindet sie.

In einer Zeit, in der in Deutschland viele Großstädter den "Guerilla-Gärtner" in sich entdecken und in ihrem Kiez Brachen in Eigenregie bepflanzen oder Naturliebhaber von inniger Landlust gepackt am liebsten jedes Wochenende hinaus ins Grüne karren, verfolgt Andernach einen anderen Plan – und fördert die kontrollierte, biologische Landwirtschaft in der Stadt. Professionelle Gärtner bekommen Hilfe von Bürgerarbeitern, von denen viele lange Zeit ohne Job waren. Gemeinsam verwandeln sie einst ungeliebte Ecken der Stadt in einen Garten, in dem alle Bürger Bio-Qualität zum Nulltarif bekommen können.

Andernach nennt sich selbst "die erste essbare Stadt Deutschlands". Rund 10 000 Quadratmeter der städtischen Grünflächen sind inzwischen mit Obst und Gemüse bepflanzt – und das ist nur der Anfang. Im Park ragen Bohnen an langen Stangen empor, in den Beeten sind nicht nur Rosen gepflanzt. Statt Stiefmütterchen sehen die Andernacher nun Schnittlauch und Salat auf ihren Grünflächen. Die Idee dazu haben die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden und Andernachs Stadtökologe Lutz Kosack in den vergangenen Jahren gemeinsam entwickelt. Während eines Spaziergangs durch die Stadt erklärt Kosack die Zukunftsvision der beiden.
"Wir wollen, dass sich die Menschen einmal quer durch die Stadt naschen können!" Der 48-Jährige sagt das mit einem verschmitzten Jungenlächeln und läuft mit schnellen Schritten einem Tisch entgegen, auf dem kleine Salatköpfe wachsen. Ein "Esstisch" unter freiem Himmel, immer gedeckt. Denn sobald der Salat geerntet ist, kommen neue Setzlinge in die schwarze, fette Humuserde.

Kosack nimmt eines der Salatblätter zwischen Daumen und Zeigefinger, zupft es ab und steckt es in den Mund. Für einen Moment schließt er die Augen, brummt leise und genussvoll "mhm". Die zarten Blätter zergehen fast von selbst auf der Zunge und stecken voll angenehm süßlich-bitterem Geschmack.

Überall in Andernach entstehen solche Naschecken. Heike Boomgaarden erklärt das Konzept der Bürgergärten so: "Wir möchten die Stadt ökologisch aufwerten und das direkte Wohnumfeld der Leute zu ihrem Lebensmittelpunkt machen – das heißt, dass wir Lebensmittel zurück in die Stadt bringen, Obst, Gemüse, seltene Kräuter."

Für ihr Projekt haben Boomgaarden und Kosack einige vormals ungenutzte oder gar vernachlässigte Plätze für die Gemeinschaft zurück gewonnen, den Stadtgraben etwa, der als Hundeklo verkommen war, inzwischen aber wie ein gepflegter Klostergarten anmutet, in dem rotstieliger Mangold, nach Gurken schmeckender Boretsch und orange blühende Kapuzinerkresse wachsen. Wo früher Flaschenscherbenhaufen waren, ragen nun Sonnenblumen ihre Blütenköpfe gen Himmel. Es wirkt fast zu schön, um wahr zu sein. Mit den urbanen Gärten scheint auch ein wenig mehr Rücksichtnahme und Behutsamkeit eingekehrt zu sein.

Die Andernacher sind stolz auf das neue Antlitz ihrer Stadt. Die Mittagspause verbringen nicht wenige an der Stadtmauer, um dort eine Kleinigkeit zu essen oder um einfach nur zu entspannen. "Die Pause hier ist wie ein kleiner Urlaub im Alltag", sagt eine junge Angestellte, die auf einer schattigen Bank sitzt und ein wenig ausruht. Wenn sich bei den Andernachern solche Gefühle einstellen, scheint das Konzept von Heike Boomgaarden aufzugehen, die neben kulinarischem auch auf optischen Genuss setzt: "Wir achten darauf, dass wir ein harmonisches Miteinander aus Ess- und Blühpflanzen haben", sagt sie. "Das Auge der Betrachter muss sich freuen – was hier wächst, muss ästhetisch aussehen." Boomgaarden blickt auf die Blumenwiese in direkter Nachbarschaft zur Hauptstraße. Was für ein Kontrast: Oben auf der Straße der dichte Autoverkehr und direkt daneben ein vielfarbiges Blütenmeer. Kornblumen, Malven, Kappenmohn und Kosmosblumen wachsen hier. Die Wiese dient Hochzeitspaaren als idyllischer Hintergrund für Fotos.

Die Farbenpracht verzückt die Romantiker u nd die Blumenvielfalt hilft den Insekten, die sich in den Blüten satt saugen können. Selbst, wer kein Imker oder passionierter Hobbygärtner ist, wird bei dem Summen und Brummen in der Wiese eine wirkliche Freude empfinden – dieses Stück Erde steckt voller Leben! Um die Artenvielfalt in Andernach zu fördern, haben sie sogar an "Insektenhotels" gedacht. Die kleinen Holzkästen mit dem Aufdruck "Zimmer frei" hängen an vielen Plätzen der Stadt.

Diesen Reichtum, den die Artenvielfalt mit sich bringt, soll für die Andernacher fühl- und schmeckbar sein. Deshalb steht auch jedes Jahr ein anderes Gemüse im Mittelpunkt des Interesses. Vor zwei Jahren reiften über 400 Tomatensorten in der Stadt heran. 2011 war das Jahr der Bohne und in diesem Jahr stehen Kartoffeln und Zwiebelgewächse im Blickpunkt.

Über die Kartoffelpflanzen haben sie dünne, grüne Netze gespannt. "Zum Schutz", sagt Boomgaarden, "weil die Kartoffeln noch nicht reif sind, manche Leute das aber nicht wissen und die Knollen zu früh aus der Erde ziehen". Demnächst wollen sie kleine Ampeln aus Holz neben den Pflanzen aufstellen, als Hilfe. Rot signalisiert dann "noch nicht reif", orange "fast reif" und grün "jetzt ernten". Nur etwas größer als eine Fingerkuppe sind die Blüten der Kartoffeln. Im Sonnenlicht schimmern sie im zarten Weiß und Violett und machen Heike Boomgaarden große Freude. "Sind die nicht wunderschön?", fragt sie und antwortet sich gleich selbst: "Einfach herrlich, diese zierliche Pracht."

Bevor diese Pracht Einzug hielt in Andernach, gab es aber einige Bedenken, erinnert sich Boomgaardens Begleiter Lutz Kosack. Anfangs war da Skepsis in den Gesichtern mancher Politiker im Stadtrat. Schnittlauch statt Stiefmütterchen? Rosenkohl statt Rosenblüten? Werden das die Steuerzahler akzeptieren, wenn ihr Geld nicht mehr für hübsche Blumenrabatten, sondern für Blumenkohl ausgegeben wird? Inzwischen sind die Bedenken einer Art Euphorie gewichen und Bürgermeister Achim Hütten sagt während eines zufälligen Treffens vor dem Rathaus: "Mit Öko verbinden die meisten Deutschen zu allererst ja Freiburg, aber mit dem Konzept der essbaren Stadt sind wir ganz vorn." Hinter seinem Rücken schleppen zwei Gärtner schwere Gieskannen zu einem Anhänger, der mitten in der Fußgängerzone steht: der fahrbare Schulgarten, der voll bepflanzt ist mit Ringelblumen, Salat und Kirschtomaten. Die Idee der essbaren Stadt macht nun auch anderswo Schule. Andernach ist auf dem besten Weg, eine Öko-Vorzeigestadt zu werden. Inzwischen kommen Delegationen aus vielen deutschen Städten zu Besuch, um sich etwas abzuschauen. Das Konzept findet sogar im holländischen Heerlen und im österreichischen Tulln Gefallen. Lutz Kosacks Gästeliste wird im Wochentakt länger.

Ihren Gästen zeigen die Andernacher nicht nur den Bürgergarten an der alten Stadtmauer. Sie fahren mit ihnen hinaus vor die Tore der Stadt. Auf der Landstraße geht es bergauf nach Eich. Von hier aus reicht der Blick weit in herrlich hügeliges Land, aber auch hin zum Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich unten im Tal. In Eich ist das "eigentliche Herzstück des Projekts essbare Stadt", wie Boomgaarden sagt. Dort haben die Andernacher neun Hektar Brachland in einen strahlenförmig angeordneten "Lebenswelten"-Garten umgewandelt. Das Stück Land dient gleichzeitig als Naturschutz-Ausgleichfläche und zur Produktion von Lebensmitteln.

Boomgaarden streift durch den Gemüsegarten, zieht eine dicke gelbe Rübe aus der Erde, reinigt sie grob mit den Händen und beißt ein großes Stück davon ab. Ein wenig knirscht es zwischen ihren Zähnen, aber der Geschmack sei herrlich und der schnelle Genuss auch völlig unbedenklich: Schließlich kommen in dem Permakultur-Garten weder Herbizide noch Pestizide zum Einsatz, die den Boden vergiften könnten.
Auf einer Streuobstwiese wachsen seltene Obstbaumsorten. Für jeden Baum hat ein Andernacher die Patenschaft übernommen. Im Stall dösen Fuchsschafe vor sich hin. Den Obst- und Gemüsegarten bewirtschaften die Arbeiter der gemeinnützigen Gesellschaft "Perspektive", die Arbeitslose qualifizieren soll für einen neuen Job.

Etwa 20 Männer und Frauen sind aktuell dabei, hacken und rechen, befreien die Beete von Unkraut, kümmern sich um die Schafe und die Schwäbisch-Hallischen Landschweine. Projektleiter Bernd Schumacher ist angetan von dem Schwung, der viele seiner Mitarbeiter inzwischen erfasst hat. "Manche verzichten sogar auf ihren Urlaub, um hier weiter mit anzupacken", erzählt er. Diese sinnliche Arbeit scheint sich für alle zu lohnen. Engagierte Bürgerarbeiter haben gute Aussichten, im Gartenbau weiterbeschäftigt zu werden. Auch die Stadt hat einen hübschen Gewinn aus dem Engagement. Schließlich wird das Obst und Gemüse, das hier oben angebaut wird, entweder direkt in Eich oder im Eine-Welt-Laden in der Andernacher Innenstadt zum Verkauf angeboten. Die Blumenstauden sind für Beete in der Stadt bestimmt. Das ist lukrativ, denn Stauden sind langlebig und die Kosten der Beetpflege um 90 Prozent geschrumpft.

Noch gibt es aber viel zu tun für die grünen Vordenker in Andernach. Etwa ein Fünftel der städtischen Grünflächen wird bislang alternativ bepflanzt. "Da gibt’s noch genügend Flächen, auf denen wir anpacken können", sagt Heike Boomgaarden und ballt beide Hände lachend zu Fäusten. "Wir brennen hier ja kein kurzes Feuerwerk ab", sagt die Gartenbauingenieurin. "Das Projekt ist langfristig angelegt." In der Fußgängerzone haben sie schon neue Ziele. An einigen Hauswänden ragen nun junge Weinpflanzen empor. Aber es gilt noch viele Zauderer zu überzeugen und Skeptiker, die meinen, der Wein ruiniere die Hausfassaden.

Dabei sieht Lutz Kosack in den Weinpflanzen einen weiteren wichtigen Baustein für ein gutes Stadtklima. Um noch mehr Leute von den neuen Ideen zu überzeugen, bekommen Kosack und Boomgaarden bald eine neue Hilfskraft, denn das Andernacher Vorzeigeprojekt hat sich bis nach Edinburgh herumgesprochen. "Eine junge schottische Ethnologin schreibt ihre Abschlussarbeit über die essbare Stadt", erzählt Heike Boomgaarden. Die Studentin wird ein Jahr lang in Andernach leben und auch Kurse anbieten, die bei dem einen oder anderen Stadtbewohner die Gartenlust entfachen soll. Denn das ist die Idee: Bald sollen alle gemeinsam pflanzen für ein Andernach, das zum Anbeißen schön ist.

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INFO

In Notzeiten, in denen Lebensmittel knapp waren, haben Stadtbewohner immer wieder öffentliche Grünflächen in gemeinschaftliche Gemüsegärten verwandelt. In Deutschland war das so nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ausbleiben der Hilfen aus Moskau haben auch die Kubaner in Havanna große Nutzgärten angelegt. Sie sind noch heute erhalten und eine Touristenattraktion. Die Kubaner können sich so als Vorreiter der urbanen Landwirtschaft feiern. In englischsprachigen Ländern, aber auch in Deutschland und der Schweiz, ist oft von "Urban Gardening" die Rede. Und das ist chic. Ob in Hamburg St. Pauli, auf dem alten Berliner Flughafen in Tempelhof oder in Basel, wo das "Urban Agriculture Netz" die Vision einer essbaren Stadt zunächst mit einem Gemeinschaftsgarten-Projekt vorantreibt. All diese Initiativen eint eines: Vor allem junge Städter verwandeln Freiflächen in Gärten – ganz ohne Not, einfach aus Lust. Raus aus dem Büro, rein in den Garten: Das ist die neue grüne Bewegung.  

Autor: buma

Autor: Marcel Burkhardt