München

In einem Jahr eröffnet das neue NS-Dokumentationszentrum

Patrick Guyton

Von Patrick Guyton

Mi, 23. April 2014 um 10:34 Uhr

Panorama

Weißer Kubus gegen die braune Zeit: 2015 eröffnet das neue NS-Dokumentationszentrum in München. Es zeigt, wie wichtig die "Hauptstadt der Bewegung" für den Nationalsozialismus war

Es war der 10. März 1933, als der Rechtsanwalt Michael Siegel mit abgeschnittenen Hosen und barfuß vom Münchner Polizeipräsidium – zwischen Marienplatz und Stachus – zum Hauptbahnhof getrieben wurde. Der von einer Nazi-Meute bedrohte Mann hatte sich ein großes Schild um den Hals hängen müssen, auf dem stand: "Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren." 

Siegel, ein Jude, hatte am Vortag Anzeige erstatten wollen, weil NS-Truppen die Fenster des Geschäftes eines jüdischen Kaufhauses zertrümmert hatten. Bei der Polizei wurde er zusammengeschlagen und musste dann das Spießrutenlaufen absolvieren. Das war in München, der "Hauptstadt der Bewegung". Keine sechs Wochen zuvor war Adolf Hitler in Deutschland an die Macht gekommen.

Die Fotos des gedemütigten Michael Siegel, die so viel vom Unheil der kommenden zwölf Jahre der nationalsozialistischen Verbrecherherrschaft ahnen lassen, werden wieder öffentlich gezeigt; im Münchner NS-Dokumentationszentrum, das am 30. April 2015 eröffnet werden soll.

Ein großes, ein nicht nur für München, sondern für Deutschland bedeutendes Projekt entsteht da gerade am Münchner Königsplatz unweit der Stadtmitte.

Der Platz ist ein Zentrum des von Leo von Klenze für München so prägenden Klassizismus des 19. Jahrhunderts. Und es ist ein Platz und eine Umgebung, die die Nazis perfekt für ihre Zwecke umzudeuten wussten. Ein von Bauzäunen abgegrenzter Würfel mit sechs Stockwerken steht an einer Ecke des Areals – 22,5 Meter lang und breit und hoch. Momentan ist es noch eine einzige Baustelle, Tausende Meter Kabel werden gerade verlegt, im Innern stößt man auf jeder Etage auf Bauarbeiter.

Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums und emeritierter TU-Professor für Architekturgeschichte, sowie Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers laden ein, das Haus zu besichtigen. Es ist gerade im Werden. "Das ist kein Museum", sagt Nerdinger, "sondern ein Lern- und Erinnerungsort." Gezeigt werden soll auf Bildern, mit Filmen und Texten, welch zentrale Bedeutung München für die Nationalsozialisten hatte, warum dies so war und welche Folgen es für die Gegenwart hat.

Zur Architektur des Würfels mit 950 Quadratmetern Ausstellungsfläche meint Nerdinger: "Das ist ein Zeichen der Gegenwart in diesem einstigen NS-Viertel. Ein Störfaktor im klassizistischen Ensemble." Am 30. April 1945 bei der Befreiung Münchens montierten zwei amerikanische Soldaten das Stadtschild ab, auf dem gestanden hatte: "München: Hauptstadt der Bewegung." Genau 70 Jahre nach diesem historischen Datum soll das Museum seine Pforten öffnen. Doch der Entstehungsweg war mitunter steinig und von Pannen und Verzögerungen geprägt. Eigentlich sollte das Haus in diesem Frühjahr eröffnen. Nach zeitverschlingendem Hickhack jedoch kam es im Herbst 2011 zur "einvernehmlichen" Trennung der Stadt und der Gremien mit der vormaligen Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak, einer Bochumer Historikerin. Ihr war im Kern vorgeworfen worden, dass sie keinen konkreten Plan für die Umsetzung des Projektes vorlegen konnte und ihr Kommunikationsverhalten zu wünschen übrig ließe.

In der vergangenen Woche nun hat das NS-Dokuzentrum den bisherigen Ausstellungsgestalter vor die Tür gesetzt, das Berliner Büro Carsten Gebhards. Warum? "Manche Anforderungen wurden abgearbeitet, andere nicht", heißt es aus dem Umkreis des wissenschaftlichen Beirats, der die Arbeit betreut. Vermutungen über Streitigkeiten weist Winfried Nerdinger zurück: "Es gab keine Auseinandersetzungen über die Konzeption und die Umsetzung." Schließlich liege genau fest, wie jeder einzelne Punkt umzusetzen sei. Man wolle aber nun andere Gestalter haben, weil man die "tagtägliche Begleitung braucht." Das NS-Dokumentationszentrum steht – keine 100 Meter entfernt vom Ensemble aus Glyptothek, Antikensammlung und Propylon – auf einem Gelände, das seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr bebaut war. Zuvor war hier das "Braune Haus", die Parteizentrale der NSDAP bis zum Ende im Jahr 1945. "Das ist ein authentischer Ort", erzählt Winfried Nerdinger. Wenn er über die Nachbarschaft, die Blickachsen und geschichtlichen Zusammenhänge redet, dann spürt man die Leidenschaft des 70-Jährigen und dass ihm das alles sehr wichtig ist. Die ganze Umgebung war tiefbraunes NSDAP-Parteiviertel. Dutzende Ableger der Nazi-Organisation waren hier untergebracht. Direkt neben dem Dokuzentrum steht der einstige "Führerbau", errichtet für repräsentative Anlässe. Dort wurde 1938 das verhängnisvolle "Münchner Abkommen" zwischen Deutschland sowie Großbritannien, Frankreich und Italien unterzeichnet. Es war Ausdruck der Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler, der "Anschluss" des Sudetenlandes an Deutschland wurde gebilligt. Von der Nachkriegszeit bis heute ist die Hochschule für Musik dort untergebracht. Schon im Mai 1933 fand auf dem später monströs erweiterten Königsplatz die Bücherverbrennung statt von Werken, die der NS-Ideologie nicht genehm waren. Es gab dort martialische Nazi-Aufmärsche. An dem Platz standen die von den Alliierten gesprengten "Ehrentempel" zum Andenken an die beim Hitler-Putschversuch 1923 getöteten Nazis. In unmittelbarer Umgebung waren Organisationen wie der NS-Studentenbund, NS-Frauenschaft, NS-Propagandazentrale oder die SA-Führung untergebracht. Insgesamt existierten in dem Viertel 5000 NSDAP-Arbeitsplätze. München hat sich seiner tiefbraunen Geschichte noch immer nicht gestellt; dieser vor allem von außen erhobene Vorwurf ist richtig, auch wenn der Kulturreferent Küppers auf viele Stadtteil-Projekte hinweist, in denen die NS-Zeit aufgearbeitet wurde und wird. Auch politisch interessierten Münchnern ist die Geschichte des ehedem braunen Viertels in der Maxvorstadt, südlich von Schwabing gelegen, nicht in ihrer großen Dimension bekannt. Dort sind die Pinakotheken, das Haus der Kunst, die Sammlung Brandhorst. Es ist ein lebendiges Uni-Viertel, auf dem Königsplatz gibt es im Sommer feinste Open-Air-Konzerte – von Klassik bis zu Eric Clapton. Und München wurde, so die Lesart, durch den Neoklassizismus und seine sonnigen Prachtbauten geprägt, die Münchner nennen es gerne die nördlichste Stadt Italiens. Und durch das wilde Schwabing nach dem Krieg, durch die Olympischen Spiele 1972, die das demokratische, friedliche Deutschland repräsentierten. Nationalsozialismus? Da wird auf das ehemalige KZ Dachau verwiesen. Die zivilisationsvernichtenden Gräuel der späten NS-Jahre gingen von Berlin aus. Dennoch: München ist mindestens 20 Jahre zu spät dran mit dem Dokumentationszentrum. Längst gibt es in Nürnberg auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände einen großen Lern- und Informationsort, ebenso auf dem Obersalzberg, dem Feriendomizil Hitlers und der NS-Nomenklatura. Michael Siegel übrigens, der durch die Straßen gehetzte jüdische Rechtsanwalt, konnte sein Leben retten. Er emigrierte mit seiner Familie nach Lima in Peru. Dort arbeitete er als Jurist und starb 1979 im Alter von 96 Jahren.