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10. März 2015 00:00 Uhr

Rheintalstrecke

Wissenschaftler: Bahnlärm macht Zehntausende krank

Krach, der krank macht: Experten sehen zu wenig Schutz vor Bahnlärm – vor allem an der Rheintalstrecke. Doch warum gilt der Lärm von Zügen eigentlich als besonders schlimm?

  1. Bahnlärm macht krank. Foto: dpa

Die Rechnung, die der Bremer Epidemiologe Eberhard Greiser am Montag bei einer Pressekonferenz in Mainz aufmacht, klingt erschreckend. Er schätzt, dass innerhalb von zehn Jahren rund 75 000 Menschen entlang des Rheins erkranken könnten, weil Zuglärm in der Nacht sie um den Schlaf bringt. Ob seine Hochrechnung einer umfassenden Untersuchung standhält, muss sich zeigen. Fest steht aber, dass die Bahnstrecke, die sich von der deutschen Grenze nahe Basel bis in die Niederlande schlängelt, nur eines von vielen Lärmproblemen in Deutschland ist. Fragen und Antworten:

Warum kann Lärm krank machen?
Lärm stresst. Studien des Umweltbundesamtes haben gezeigt, dass starker Schall die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigert. Bluthochdruck und Herzinfarkte können die Folge sein. Zu möglichen Langzeitfolgen zählen Gehörschäden.

Warum ist der Lärm an der Bahnstrecke am Rhein ein Thema?
Die Transversale Rotterdam-Genua gehört zu den Hauptstrecken des Güterverkehrs. Seit Jahren wehren sich Bürgerinitiativen gegen den Krach. Zugleich gibt es ein Defizit bei der Forschung. "Es gibt relativ wenige systematische Studien zum Bahnlärm. Fluglärm war immer auch ein politisches Thema, daher weiß man über seine Wirkungen schon viel", sagt der Umweltpsychologe Rainer Guski von der Uni Bochum.

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Was unterscheidet Bahnlärm von anderem Krach?
"Beim Bahnlärm haben wir die Besonderheit, dass die Distanz zwischen Strecke und Wohnung oft so dicht ist wie bei keinem anderen Verkehrsträger", sagt Guski. "Flugzeuge sind weiter entfernt und ändern deshalb ihre relative Lautstärke langsamer", sagt Guski.

Auf was stützen sich die Bahnlärmgegner?
Der Epidemiologe Eberhard Greiser hat aus verschiedenen Datensätzen zu Lärmpegeln, Bevölkerungsstruktur und Risikofaktoren eine Prognose für Krankheitsfälle entlang der Rheinstrecke errechnet. Demnach könnte es in einem Zeitraum von zehn Jahren 75 000 Krankheitsfälle und nahezu 30 000 Todesfälle wegen des Lärms geben. "Wir haben etwas gemacht, das man vorsichtig interpretieren muss. Wir haben gesagt: Die Ähnlichkeit der Lärmcharakteristik erlaubt es, die Risikoerhöhung des Fluglärms auf eine durch Schienenlärm belastete Bevölkerung zu übertragen", sagt Greiser.

Was tut die Bahn bislang gegen den Krach?
Die Deutsche Bahn will den Schienenlärm bis 2020 halbieren. Unter anderem sollen alle 60 000 Wagen der Gütersparte DB Schenker Rail auf sogenannte Flüsterbremsen umgerüstet werden. Das Verkehrsministerium bereitet ein Gesetz vor, mit dem ab 2020 keine Güterwagen ohne die lärmsenkende Technik ins deutsche Netz dürfen.

Reichen die Bemühungen?
Der Verkehrstechnik-Experte Markus Hecht von der Technischen Universität Berlin meint: Nein. Die leisen Bremsen senkten den Lärm nicht wie notwendig. Er geht von mindestens 80 Dezibel an der Mittelrheintrasse aus und rechnet bis 2020 mit fünf Dezibel weniger dank der Flüsterbremsen. Auch Schallschutzwände seien ineffektiv. Günstiger und wirkungsvoller sei es, Loks und Gleise leiser zu machen. "An Lokomotiven wird gar nichts gemacht", sagt der Professor der TU Berlin – dabei seien diese das lauteste Element.

Autor: dpa