Bangkok

Dutzende Krokodile sind in Thailands Städten unterwegs

Siraphob Thanthong-Knight

Von Siraphob Thanthong-Knight (dpa)

Sa, 17. Oktober 2015 um 00:00 Uhr

Panorama

Kroko-Alarm auf Thailands Straßen: Immer mehr Tiere entkommen aus den Krokodilfarmen. Mit denen lässt sich viel Geld machen – doch sie sind oft schlecht gesichert.

Sie werden einige Meter lang, haben messerscharfe Zähne – und laufen zu Dutzenden derzeit durch Thailands Städte. Krokodile sind in dem südostasiatischen Land zwar in freier Wildbahn sehr selten geworden, dafür entkommen immer mehr aus den zahlreichen Krokodilfarmen. Dort sind die imposanten Panzerechsen für Unternehmer und Bauern eine wichtige Einkommensquelle. Verwertet wird nicht nur ihr Leder, sondern auch das Fleisch und sogar das Blut. Doch die Sicherheitsvorschriften sind oft lasch.

Das Zwei-Meter-Krokodil schiebt sich langsam auf einen Betonsockel. Wie zum Gähnen reißt es das Maul auf, und seine messerscharfen Zähne kommen bedrohlich zum Vorschein. Besucher gruseln sich, aber sie halten sicheren Abstand. Eine doppelte Betonwand und Metallgitter sorgen dafür, dass das Reptil aus einer der größten Krokodilfarmen der Welt in Thailand nicht entkommen kann. Das gilt aber leider nicht überall. Es ist Regenzeit in Thailand, und da herrscht in einigen Regionen Krokodilalarm.

Anfang Oktober sind schon wieder 28 Krokodile aus einem Gehege entkommen, im September waren es sieben. Die Behörden sind aufgeschreckt. Das passiert vor allem, wenn schwere Niederschläge Krokodilgruben überschwemmen und die Tiere mangels vernünftiger Sicherung der Anlagen davonkommen.

Probleme bereiten vor allem die Kleinbauern

"Die Gesetze sind zu vage, sie sehen nur vor, dass Krokodilgruben stabil und solide gebaut sein müssen", sagt Chanin Sangrungrueng. Er ist in der Provinz Ratchaburi, 100 Kilometer westlich von Bangkok, für die Krokodilfarmen zuständig, wo der jüngste Zwischenfall passierte. Krokodilzucht ist ein Riesengeschäft in Thailand. Das Land hat eine der größten kommerziellen Krokodilindustrien der Welt. Nach Schätzungen der nationalen Fischereibehörde werden 700 000 Tiere in den Krokofarmen im Land gehalten. Die allermeisten davon in rund zwei Dutzend Großbetrieben. Die Besitzer verkaufen die Häute für Taschen und Schuhe, das Fleisch zum Essen und das Blut zur Herstellung traditioneller Medizin. Pro Jahr werden mit den Tieren rund 100 Millionen Euro Umsatz gemacht, meint die Agrarbehörde (ACFS).

In so einem Großbetrieb ist auch das Zwei-Meter-Krokodil zu Hause, in Samut Prakan, rund 30 Kilometer südlich von Bangkok. Besitzer Uthen Youngprapakorn hält dort 60 000 Tiere. Er ist Vize-Chef der "Gruppe Krokodilspezialisten", ein Verband, dem laut Webseite Wissenschaftler, Farmer, Händler und Tierschützer angehören. "Man braucht mindestens 1,40 Meter hohe Betonwände und Stahlroste, vor allem in den Ecken der Gruben." Krokodile seien nämlich bei Gewitter ängstlich. Sie drängten sich in die Ecken, kletterten aufeinander und könnten dann leicht entkommen.

Sorge machen den Experten vor allem kleinere Betriebe. Mehr als 900 Kleinbauern haben Lizenzen zur Krokodilhaltung. Es handelt sich oft um Bauern mit Schweinezucht, die nebenbei ein paar Dutzend Krokodile halten. Sie mästen die Reptilien mit zum Verkauf nicht geeigneten Schweinen, haben aber oft keine guten Sicherheitsstandards. "Sie haben einfach wenig Ahnung", sagt Uthen.

Nach dem Ausbruch der 28 Krokodile Anfang Oktober hat Chanin Alarm geschlagen. Er nimmt die 31 Betriebe in seiner Provinz nun selbst unter die Lupe. "Wer keine sicheren Anlagen hat, muss seine Lizenz abgeben", sagt er. Die 28 Tiere wurden nach wenigen Tagen alle eingefangen oder erschossen. Aber das gelingt nicht immer: Letztes Jahr attackierte ein Krokodil eine buddhistische Nonne beim Gemüsepflücken und biss sie in den Arm. Ein Mann entkam einem Reptil vor seinem Haus mit knapper Not durch den Sprung in sein Auto.

"Ich habe Angst vor Krokodilen", sagt Supanida Rangsriseneepitak. Sie stammt aus der Provinz, in der die Krokodile ausbüxten. "Ich will in Ruhe zum Fluss gehen können, ohne Sorge, dass mich ein Krokodil anfallen könnte."

Thailand hat zwar im Jahr 25 Millionen Besucher, aber Touristen sind nicht gefährdet. Die kleineren Krokodilfarmen liegen fernab der Touristengebiete. Die großen Farmen tragen eher zur Bespaßung der Gäste bei. In Samut Prakan unterhalten Mitarbeiter an diesem Tag mehr als 100 chinesische Besucher mit einer Show. Sie sperren etwa das Maul eines Krokodils auf und stecken den Kopf hinein. Und hier gilt: Die Anlage ist gut gesichert.