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04. März 2017 00:01 Uhr

Geschichte

Rauchzeichen – die Ära der Zigarette geht zu Ende

Allgegenwärtig steht das Gesundheitsproblem im Raum: So hat es sich bald ausgequalmt. Wir geben eine Rückschau auf 150 Jahre Zigarettengeschichte, die hierzulande allmählich zu Ende geht.

  1. Natürlich ohne Filter: Revalwerbung, in kräftigen Zügen gemalt von Gerd Grimm (1969) Foto: jonas-verlag

  2. Geheimnisvoller Orient: Plakat (1954) Foto: -

Es scheint, dass sich die Ära der Zigarette ihrem Ende zuneigt. Angesichts der sich stets intensivierenden Gesundheits- und Suchtdebatte verliert sie Stück um Stück jener gesellschaftlichen Bedeutung, die sie sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts im sozialen, emotionalen und intellektuellen Leben erobert hatte. Zeit also für eine Bilanz.

"Kein anderes Requisit gibt uns Gelegenheit zu derart graziösen Bewegungen wie die Zigarette. Kein anderes Requisit auch gibt dem Manne so hübsche Gelegenheit, der Frau ebenso harmlos wie beziehungsreich und huldigend sich zu nähern, wenn er ihr Feuer reicht. Ein Teetisch und ein Gespräch zu zweien ohne den blauen, zarten Rauch ist wie ein Raum ohne Vorhänge und ohne Blumen: nackt und hart."

Das überbordende Zigarettenlob stammt von der Dichterin Luise Rinser. Zu lesen in einer Werbeanzeige im Rahmen der Kampagne "Rauchen mit Verstand" für eine 1954 neu eingeführte Filterzigarette. Dass sich Schriftsteller als Reklametexter betätigten, erregte damals zwar die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, die bundesdeutsche Öffentlichkeit jedoch störte sich daran kaum.

Werbung


Im Gegenteil galt es als durchaus legitim, dass unter hoher geistiger Anspannung stehende Menschen wie Politiker, Ärzte und Schriftsteller sich mit und in blauem Dunst anregten und Konzentration suchten. Und wer gar eine existenzielle Botschaft ausdrücken wollte – wie Jean-Paul Sartre, Juliette Gréco oder Humphrey Bogart –, für den war die Zigarette ein unverzichtbares Stück seiner Persönlichkeit. Noch bis weit in die siebziger Jahre hinein gehörte sie wie selbstverständlich zum öffentlichen Leben. Unvergessen die Fernsehabende, in denen Erik Ode alias "Der Kommissar", in dichte Rauchschwaden gehüllt, über verzwickten Kriminalfällen brütete, bis ihn offenbar der Geistesblitz aus der Tabakwolke ereilte, der ihn instinktsicher auf die Fährte des Mörders brachte.

Von dieser Zigaretten-Präsenz ist nichts mehr da. Ihr schubweiser Rückzug aus unserem Alltag setzte bereits Anfang der siebziger Jahre ein, als das Werbefernsehen keine Spots mehr ausstrahlte und damit auch eine so beliebte Figur wie das tobende HB-Männchen dem Bewusstsein entglitt. Seither haben sich ihre Möglichkeiten öffentlicher Auftritte immer mehr eingeschränkt. Sie zu empfehlen, ist in Deutschland heute nur noch per Plakatanschlag erlaubt. Umgekehrt haben Zahl und Intensität der Warnhinweise in den Medien als auch auf den Packungen kontinuierlich zugenommen – bis hin zu den jetzt gesetzlich vorgeschriebenen Schockbildern mit Bronchialkarzinomen und anderem mehr.

Übermächtig steht das Gesundheitsproblem im Raum. Das deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg will allein in den letzten acht Jahren gut 500 neue Gefahrenstoffe im Zigarettenrauch ausfindig gemacht haben – insgesamt mehr als 5300. Bis jedoch der Kausalzusammenhang zwischen Rauchen und Herzkreislauf- beziehungsweise Atemwegserkrankungen allgemeine Akzeptanz gefunden hatte, brauchte es Jahrzehnte.

Einer der ersten, der schon 1929 im Glimmstängel Krebs verursachende Substanzen vermutete, war der deutsche Facharzt Fritz Lickint.
Weltweite Aufmerksamkeit erzielte aber erst der von US-Präsident Kennedy initiierte Terry-Report von 1964, in dem ein vielköpfiges Team von Wissenschaftlern aufgrund ausgedehnter Reihenuntersuchungen den Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Karzinombildungen erhärtete. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit zeigte sich damals nur kurz geschockt. Schon wenige Wochen später stieg der Pro-Kopf-Verbrauch an Zigaretten wieder rasant an und erreichte 1981 mit knapp 130 Milliarden Stück seine Höchstmarke. Erst die in den 80er Jahren einsetzende Diskussion um das "Passivrauchen" kehrte den Trend dann um. Jetzt sah sich die Industrie herausgefordert, mit Kampagnen, in denen das Selbstbestimmungsrecht der Raucher beschworen wurde, dagegen zu halten. Und natürlich die Entwicklung immer leichterer und weniger schädlicher Zigaretten voranzutreiben. Zu den wirksamsten Argumenten für den weiterhin unbeschwerten Griff zum Glimmstängel gehörte natürlich der Schadstoff absorbierende Filter. Seine Karriere in der Nachkriegszeit ist beispiellos: Bereits 1958 verdrängte die mit Filter ausgestattete Zigarette vom Typ "American Blend" die klassischen Strangzigaretten in der Publikumsgunst, vorzugsweise in den damals führenden Marken HB und Peter Stuyvesant.

Heute ist die Markenvielfalt jener Zeit, als noch jeder kleine Kiosk 150 Sorten vorhielt und die Industrie Jahr für Jahr mindestens 20 Versuche von Neueinführungen wagte, Geschichte. Längst haben die Konzentrationsprozesse in der Branche dazu geführt, dass ehemals so mächtige deutsche Hersteller wie Reemtsma oder Haus Neuerburg in internationalen Konzernen wie Philip Morris oder Imperial Tobacco aufgegangen sind. Der nachhaltigste Einschnitt geschah 2006 mit der Durchsetzung des gesetzlichen Rauchverbots in Gaststätten und öffentlichen Räumen. Als sich 2007 der Verband der deutschen Zigarettenhersteller VdC auflöste, war damit auch dessen Lobbyarbeit beendet. In den Jahrzehnten zuvor hatte er es immer wieder vermocht, die politischen Entscheidungsträger in ihrer Gesundheitsfürsorge durch litaneihaft vorgetragene Verweise auf entgehende Steuermillionen zu lähmen. Seither geht es mit den Absatzahlen steil bergab. Selbst bei Jugendlichen, bei denen die Zigarette vor fünfzig Jahren zum Initiationsritual gehörte, ist es nicht mehr cool zu rauchen. Längst hat das Smartphone ihre wohl wichtigste Alltagsfunktion übernommen: Nervosität abzuleiten. Und so werden wir heute zu Zeugen des wohl letzten Kampfs einer Branche, der nichts mehr einfällt, als mit flehentlichen Appellen wie "Don’t be a maybe" ihren in die aussichtslose Defensive getriebenen Konsumenten den Rücken stärken zu wollen.

Die Zigarette, so wie wir sie kennen, ist eine vom Typ "American-Blend". Je nach Marke besteht sie zu 50 bis 60 Prozent aus sehr zuckerhaltigem Virginia-, zu etwa einem Drittel aus Burley- und einer 10 bis 20 prozentigen Beimischung aus Orient-Tabaken. Beim Abbrand entwickelt sie einen sauren Rauch, was Lungeninhalation ermöglicht und damit das Krebsrisiko steigert – im Gegensatz zur reinen Orient-Zigarette, deren alkalischer Rauch sich kaum inhalieren lässt. Dass der deutsche Zigarettenmarkt nach 1945 von in den USA gewachsenen Tabaken dominiert werden konnte, war vor dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal vorstellbar.

Als nämlich 1862 hierzulande erstmals Zigaretten produziert wurden, bestanden sie ausschließlich aus Orient-Tabaken. Dies blieb bis 1945 so. Immigranten aus Südosteuropa und Kleinasien waren es, welche von Dresden aus die Zigarette in Deutschland heimisch machten. Ihr Aufstieg bis 1914 kann mit im Schnitt 15 Prozent Absatzsteigerung pro Jahr als geradezu atemraubend bezeichnet werden. Schon 1909 verdrängte sie die Zigarre an Beliebtheit, erreichte alle Gesellschaftsschichten, große Teile der Frauenwelt eingeschlossen. Gesundheitsbedenken gab es damals noch keine: im Gegenteil wurde das leicht zu handhabende, Kontakt stiftende neue Produkt als weltoffen, glaubwürdig und modern erlebt. Sage und schreibe 9000 verschiedene Marken entführten die Zeitgenossen über schillernde Markennamen und opulente Bildwelten wahlweise in den zauberhaften Orient, die Welt des hohen Adels oder die Welt der internationalen Hautevolée.

Ein Zeitgenosse schilderte dies 1914 so: "Die Zigarette gehört zu uns wie die feine Wäsche, das Bad, der Lackschuh, der Smoking, wie die Elektrizität, das Auto, der Aeroplan und tausend andere Dinge ... Die abgeknabberte Pfeife, die schmuddelig zerkaute Cigarre müssen zwischen den Zähnen gehalten werden und bedingen dadurch eine mehr oder minder hässliche Grimasse des Rauchers; die leichte Cigarette liegt appetitlich und graziös zwischen den Lippen."

Nah an den Sehnsüchten

der Menschen

Das änderte sich mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs radikal. Über Nacht opferte die Industrie sogar ihre erfolgreichsten "Welt"-Marken auf dem Altar deutschnationaler Propaganda: Flugs wurde aus "Dandy" "Dalli" oder aus "Gibson Girl" "Wimpel". Ihre eigentliche Bewährungsprobe und existentielle Bedeutung erwuchs der Zigarette aber erst in den Schützengräben: als der letzte, schwache Notnagel in "Stahlgewittern", unverzichtbar als Währung, als Freundschaftsgeste und letzte Gabe für sterbende Kameraden – selbst dann noch, als ihre Qualität gegen Kriegsende so miserabel geworden war, dass ihr bis zu 85 Prozent Buchenlaub beigemischt werden durften.

Dies sind die Geschichten, die ein Gang über den Zigaretten-Markenfriedhof für Historiker und Sozialwissenschaftler so ergiebig macht. Kein Produkt war näher an den Ritualen, Gesten, Wunschbildern und Sehnsüchten der Menschen als sie. Auch wenn heute nur noch die wenigsten unter uns mit Marken wie Senoussi, Salem Nr. 6 oder Zuban eine Vorstellung verbinden können – es lohnt sich, ihnen nachzuspüren, gerade weil die in diesem Markt schon früh einsetzende Globalisierung vieles an deutschen Traditionen verschüttet hat. Seit der sattsam bekannte Cowboy 1971 am deutschen Zigarettenmarkt erschien und mit seiner Botschaft von "Freiheit und Abenteuer" seine Marktführerschaft kontinuierlich ausbaute, breitete sich letztlich immer mehr Langeweile aus. Am Ende war das beschränkte Bildrepertoire aus Lasso, Sattel und Lagerfeuer nur noch schal und ließ keine spannenden Geschichten mehr zu. Zu den letzten, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind, gehören die Anbietszenen mit schrägen Zeitgenossen in der Kampagne "Test the West" aus den neunziger Jahren.
Natürlich war die Zigarette immer wieder einmal auch Instrument und Gegenstand brutaler Machtpolitik. "Man kann Kriege führen ohne Frauen, ohne Munition, sogar ohne Stellungen, aber nicht ohne Tabak…" wusste schon der Soldat Kroysing in Arnold Zweigs Roman "Erziehung vor Verdun". Entsprechend gestaltete sich die Ausplünderung besetzter Gebiete im Zweiten Weltkrieg, als deutsche Tabakexperten den vorrückenden Truppen der Wehrmacht auf dem Fuße folgten und ganze Jahresernten auf der Krim oder in Griechenland beschlagnahmten. Doch auch auf der heimischen Scholle wurde im Zuge nationalsozialistischer Autarkiebestrebungen der Anbau von steuerbegünstigtem Inlandstabak gefördert – wovon gerade der Oberrheingraben profitierte, da nun hier wieder Sorten wie Badischer Burley oder Geudertheimer angebaut wurden.

Ein Produkt, das so nah an den Menschen ist, schreibt auch immer wieder Geschichten von Erfolg und Misserfolg. Noch in den siebziger Jahren galt der Zigarettenmarkt in Werbefachkreisen als "hohe Schule der Markentechnik", von dem der Rest der gesamten Konsumgüterindustrie nur abschauen könne. Wer hier Erfolge vorweisen konnte, stand in der Branche für alle Zeit im Ruf eines Markenmagiers. Schließlich bewies jeder Blindtest, dass kein Konsument die Qualität des von ihm bevorzugten Rauchkrauts auch nur annähernd einschätzen konnte, dass sein Urteil im Gegenteil vom suggestiven Markennamen und deren Vorstellungsbildern beeinflusst und geleitet worden war. Horrende Summen wurden seinerzeit für Zigarettenprojekte in den Sand gesetzt, nur weil eine kleine Unstimmigkeit in der Produktauslobung die Neueinführung scheitern ließ. Allein zwischen 1970 und 1980 lancierte die Industrie 202 neue Marken am bundesdeutschen Markt – davon überlebten gerade einmal zwei.

Auch diese Geschichten des fast schon kollektiven Scheiterns sind heute vergessen – ebenso wie es umgekehrt immer wieder einmal Selbstläufer gab, deren Aufstieg selbst Branchenkenner ratlos machte. Das betraf beispielsweise die Ende der sechziger Jahre einsetzende Hochphase der als stark – und besonders gesundheitsgefährdend! – geltenden schwarzen Zigaretten aus der Badischen Tabakmanufaktur in Lahr. Entgegen dem sich damals verfestigenden Zeittrend nach immer nikotinärmeren Zigaretten machten sie aus ihrer Stärke nicht den geringsten Hehl. Offenbar entsprach gerade die filterlose Strangzigarette der vom Zeitgeist getragenen Protesthaltung gegen das "Establishment". Die Marke Roth-Händle, so notierte das Jahrbuch der Werbung 1969, könne "wie eine Mode getragen oder wie eine Visitenkarte gezückt werden. Mit ihr will man etwas Ungewöhnliches in Lebensstil und Rauchgenuss ausdrücken. Sie bedeutet Extravaganz, Gewagtheit, Snobismus, Männlichkeit, Jugendlichkeit und Opposition." In der Tat bedeutete "die rote Hand" eine Herausforderung, an der man sich abarbeiten musste – was sich in noch heute in starken Erinnerungsbildern niederschlägt. Ebenso konnte eine zur rechten Zeit auf den Markt gebrachte Zigarettenmarke Millionen Menschen aus der Seele sprechen – so geschehen 1959 mit dem Versprechen am "Duft der großen weiten Welt" teilzuhaben.

Noch ist nicht ausgemacht, was an Stelle der Zigarette, von der ein Werbefachmann 1967 noch zu Recht behaupten konnte, sie sei ein "soziales Vergnügen", treten wird. Schon die Zigarettenpause war nicht nur ein Name, sondern eine Institution, die über Jahrzehnte hin den Alltag von Millionen arbeitender Menschen strukturierte. Nicht zu vergessen, welch wichtige Rolle die Zigarette im Koordinatensystem des populären Aberglaubens spielte. Volkskundler beginnen erst allmählich damit, ihre verschiedenen Funktionen als Orakel des Alltags, Zaubermittel, Laienmedizin, Ritual und Anbietgestik zu erforschen – Stammtischansichten eingeschlossen, wonach, wer die Asche am längsten halte, jedes Mädchen in der Stadt bekommen könne, oder, dass wer Roth-Händle rauche, auch kleine Kinder fresse. Allein das Motiv der "Zigarette danach" böte genügend Stoff für eine opulente Kulturgeschichte. Das Smartphone jedenfalls mag Nervosität ableiten können, kontaktstiftend im Sinne eines unmittelbaren Gesprächs von Mensch zu Mensch – wie weiland die Zigarette (vgl. Luise Rinser oben) – ist es nicht...
Vier Bände zur Zigarette

Unser Autor, der Freiburger Dirk Schindelbeck, hat maßgeblich an einer mehrbändigen Geschichte der Zigarette mitgearbeitet, die 2017 im Jonas Verlag in Kromsdorf erschienen ist, verfasst von Historikern, Sozial- und Literaturwissenschaftlern und Museumspädagogen.
Bd. 1: Dirk Schindelbeck u.a.: Zigaretten-Fronten. Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs, 176 S., 25 Euro
Bd. 2: Sandra Schürmann u.a.: Die Welt in einer Zigarettenschachtel. Transnationale Horizonte eines deutschen Produkts, 192 S., 25 Euro
Bd. 3: Gerulf Hirt u.a.: Als die Zigarette giftig wurde: Ein Risiko-Produkt im Widerstreit, 192 S., 25 Euro
Bd. 4: Stefan Knopf: Rauchen im Sozialismus. DDR-Alltag im blauen Dunst. (erscheint in Kürze)

Autor: Dirk Schindelbeck