Nutztier und Glücksbringer

Schwein gehabt!

Stephan Clauss

Von Stephan Clauss

Sa, 03. Januar 2009 um 18:34 Uhr

Panorama

Nutztier im Dreierpack: Es bringt Glück, hat den Bauch voller Geld und mampft manchmal mit uns Chips – das Schwein.

Das wird jetzt keine Belehrung über den politisch korrekten Umgang mit Nutztieren, schon gar keine veganische Bußpredigt oder eine Abhandlung über geschlechtsspezifische Charaktermerkmale. "Männer sind Schweine" sangen Farin Urlaub und "Die Ärzte" ja auch nur, um sich als coole Frauenversteher besser einzuschmeicheln.

Ich will mich vielmehr drei saisonalen Erscheinungen zuwenden, die stets in der Zeit "zwischen den Jahren" ihr Gastspiel auf der Bühne der Sitten und Gebräuche geben – und die nur indirekt mit dem treuen Tier zu tun haben, das uns seit Jahrtausenden ernährt, weil es fast alles frisst, was der Mensch ihm so hinwirft. Es geht um das patente Trio Glücksschwein, Sparschwein und Schweinehund.

Das Glücksschwein ist ein Silvesterartikel, wird am liebsten aus rosigem Marzipan geformt und ist in der Größe variabel, aber selten schwerer als ein Pfund. Meistens steckt ihm noch ein vierblättriges Kleeblatt aus grüner Pappe in der Schnauze. Man verschenkt die putzigen Dinger als Glücksbringer. Damit der/die Beschenkte Schwein hat und immer gut zu essen – und was der Wünsche diesseits des großen Lottogewinns noch so sind. Bevor man das Glücksschwein dazu befragen kann, ob es die guten Wünsche erfüllen half, ist es schon gegessen. Dann gibt’s ein neues. Aber woher kommt diese Idee, dass die rosa Tierchen mit dem Ringelschwanz Glücksbringer darstellen?

"Schwein haben" – die Sau als Preis für den Sieger

Das Glücksschwein war ursprünglich ein eher peinlicher Trostpreis. Die Redewendung "Schwein haben" wird zurückgeführt auf mittelalterliche Wettspiele, die sehr beliebt waren. Dabei erhielt auch der verlierende Teilnehmer einen Preis, und zwar meist ein quiekendes Ferkel, begleitet von den spöttischen Glückwünschen des Publikums. Der kleine Trostpreis war aber ebenso gut ein Wertobjekt mit Wachstumspotential, wenn sein Besitzer das richtige damit anstellte – es nämlich anständig mästen bis zur Schlachtreife. In Zeiten knapper Lebensmittel konnte es überlebenswichtig sein, etwas Schweinernes zu besitzen.

"Wer Eindruck machen will, kaufe sich ein Pferd, wer Reichtum erwerben will, züchtet Schweine", lautet das noch nicht überholte Credo altbäuerlichen Menschenverstands. Und "tout est bon dans le cochon", reimen die Franzosen.

Das Schwein mit dem Schlitz im Rücken

Ein eher zwiespältiges Verhältnis hat der Mensch zum Sparen. Hat man Geld, denkt man kaum daran, hat man keins, fällt’s einem wieder ein. Daran erinnert auch ein pummeliges, oft rosafarbenes Tier mit einem Schlitz im Rücken. Wenn man es schüttelt, erkennt man angeblich den Charakter seines Besitzers. Mein Sparschwein fand ich auf einem Floh-markt. Es sieht eher bekümmert aus, lässt die Ohren hängen, es ist aus braun gebranntem Ton und hat zwei Löcher: einen schmalen Schlitz auf dem Rücken und eine kreisrunde Öffnung am prallen Bauch, die sich mit einem Gummipfropfen verschließen lässt. In dieses Sparschwein wollte ich eigentlich alle Zwei-Euro-Stücke tun, die mir im Jahr so zufallen. Doch trotz guter Vorsätze war die Versuchung zu groß, an die kleine Reserve zu gehen. Das Sparschwein blieb zwar ganz, aber leer. Das ist nicht im Sinne des anonymen Erfinders. Aber woher stammt der Brauch?

Im British Museum in London steht zwar ein etwa 2000 Jahre altes Exemplar, doch Experten sind sich nicht einig, ob es nicht doch eher als Öllampe diente. In Deutschland ist das tönerne Schwein als Geldsparbüchse schon im Mittelalter aufgetaucht, angeblich bereits im 13. Jahrhundert in Thüringen. Die ausgegrabenen Exemplare weisen neben Hängeohren und Ringelschwanz auch den typischen Rückenschlitz auf, durch den die Münzen in den Hohlkörper fallen können.

Dass so wenige Sparschweine die Jahrhunderte überdauern, ist kein Wunder. Schließlich verwirkt ein Sparschwein sein Leben am Tag seiner vollstmöglichen Stopfung. Dann kommt Chris Howland und singt seinen 60er-Jahre-Schlager: "Und dann hau’ ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein, mein Sparschwein kaputt". Die Kreditinstitute versuchten zu jener Zeit mit Spardosen die Kinder zum Geldhorten zu animieren, lange bevor sie ihnen das Taschengeld mit dem Überziehungskonto zwecks Erwerbs von Klingeltönen entzogen. Geblieben ist die Symbolik, dass "Sparen vor Haben kommt", was ja heutzutage sogar viele Banker vergessen haben.

Der Schweinehund als Ausrede

Der innere Schweinehund, der Dritte im Trio, schließlich ist eine Schimäre, die für alles mögliche taugt, vor allem als Ausrede. Sparen tut er höchstens an der eigenen Energie. Jedenfalls hat das unsichtbare Tier einen ausgeprägten Hang zur Horizontalen oder Halbhorizontalen: Bett, Sofa, Fernsehsessel und Hängematte sind seine liebsten Reviere. Man findet ihn nicht auf dem Crosstrainer, im Fitnessclub oder bei der Gartenarbeit. Er gilt gemeinhin als das Symboltier der Willensschwäche, dabei hat er einen ausgeprägten Willen zur Bequemlichkeit, bekennt sich beharrlich zum Weg des geringsten Widerstandes.

Der seltsame Begriff stammt eigentlich aus der Studenten- und Soldatensprache, war einmal ein übles Schimpfwort und stand für die niedrigsten Instinkte im Menschen. Als der SPD-Abgeordnete Kurt Schumacher am 23. Februar 1932 im Reichstag mit Hitlers Partei abrechnete, bevor die Nazis ihn ins Konzentrationslager sperrten, sagte er: "Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen". Womit er einen Tumult im Saal auslöste.

Die Metamorphose des Schweinehundes vom miesen Charakter zur harmlosen Couch-Potato spiegelt also auch ein paar Kapitel deutscher Geschichte – von der Diktatur zur Wohlstandsgesellschaft mit Fitnessneurose.

Rekrutenschinder und Trainer alter Schule benutzen das Wort vom i. Schw. gern zur brutalstmöglichen Motivation. Während neumodische Coaches dazu auffordern, sich mit dem Tier zu verbünden und es zu zähmen für die eigenen Zwecke der Selbstreform.

Im Grunde muss der i. Schw. heute für alles herhalten, was einen von der Verwirklichung großer Ideale und ehrgeiziger Ziele abhält. Er steckt angeblich in jedem; Menschen, die ohne ihn auskommen, nennt man Gutmenschen. Auffällig ins Gerede kommt das Tier in der Zeit zwischen den Jahren, wenn man beim Verdauen des Festtagsbratens Zeit zum Grübeln und Planen hat. Dann haben die guten Vorsätze Hochkonjunktur und die Jagd auf den "inneren Schweinehund" ist eröffnet. Dieses Mal werde ich dich besiegen, dieses Mal halte ich durch.

Mit dem Schweinehund auf der Couch



Der Schweinehund sagt dazu nichts, hält sich zurück und lässt die Leute reden. Er weiß, wer am längeren Hebel sitzt, spätestens Ende Januar erlebt er sein Comeback. Dann fährt er neben uns im Fahrstuhl (weil wir das Treppensteigen wieder gestrichen haben), er mampft mit uns Chips auf der Couch, die wir mit dem Hometrainer getauscht haben – und sucht stets unsere Gesellschaft, wenn wir es uns gemütlich machen. Ein schlechtes Gewissen ist nicht sein Problem, ganz im Gegenteil. Denn er bleibt so treu wie ein Hund und so klug wie ein Schwein, das auch nicht wählerisch ist mit dem Futter – und das beim Fressen keine Zeit hat, sich auch noch um seinen guten Ruf zu kümmern. Wenn es von allen nicht genutzten Fitnessstudio-Abos nur zehn Prozent Provision bekäme, wäre es ein reiches Schwein. Aber unsere Anhänglichkeit ist ihm wichtiger als finanzielle Vorteile. So einen Freund kann man sich doch nur wünschen, oder?