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25. April 2013 07:20 Uhr

Hilfe

Tafelläden haben es schwer - Kritiker fordern Abschaffung

Weniger Lebensmittel, lange Schlangen, genervte Helfer: Die Tafeln haben es alles andere als leicht. 50.000 ehrenamtliche Helfer verteilen jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel: Kritiker fordern die Abschaffung.

  1. Tischlein, deck dich! Foto: Michael Bamberger

Nennen wir ihn Herrn H. Herr H. hat die Nummer 109 gezogen, das bedeutet, er ist beinahe als Letzter dran. Er muss warten, eine Stunde, vielleicht auch zwei. Herr H. kennt das schon. Er nimmt den Fahrradhelm ab und lässt sich auf eine Bank sinken. Er sagt: "Ditt is quasi eine Tombola." Das ist die Welt, wie sie Herr H. sieht. Die Lebensmittelausgabe im Freizeitheim der evangelischen Kirche in Berlin-Lichtenrade, ein grauer Kasten im Schatten einer Hochhaussiedlung. Es ist Donnerstag, Tafeltag. Die Kirche ruft Rentner und Hartz-IV-Empfänger zu Tisch. Es gibt Obst, Gemüse und Brot, drei Sorten, Dinkel, Vollkorn oder Märkisches Land. Alles Spenden von örtlichen Supermärkten und Discountern.

Frauen in signalroten T-Shirts haben die Nahrungsmittel auf Tischen ausgebreitet. Es sind ehrenamtliche Helferinnen, sie tragen Handschuhe aus Latex und lächeln. Tipps, wie man die Reste vom Büfett am besten verwertet, gibt es auch. "Die paar Pfifferlinge schnippeln Sie am besten in den Salat." Herr H. genießt die persönliche Beratung. Er ist siebzig Jahre alt, ein Hansdampf in Bermudas und Trainingsjacke. Er sieht aus wie ein Tourist, und ein bisschen fühlt er sich auch so, seit er in einen Wohnwagen gezogen ist, weil die Miete günstiger war – Endstation Campingplatz. Er sagt, da habe er das Schlimmste schon hinter sich gehabt. Zwei Firmenpleiten, eine Scheidung – und drei Herzinfarkte.

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Er erzählt das draußen auf einer Bank vor dem Freizeitheim, Vogelgezwitscher. Wie er drei Kinder großzog und sich vom Statiker zum Bauunternehmer hocharbeitete, bevor er die erste Firma gegen die Wand fuhr. Wie er, um seine Schulden zu bezahlen, das verramschen musste, was er seine Riesterrente nennt. Sechs Eigentumswohnungen im schicken Zehlendorf. Er reißt die Augen auf, so, als habe er das alles nur geträumt: seinen Absturz.

"Na, Korb jut jefüllt?" Eine grauhaarige Frau tätschelt ihm die Schulter. Sie pflegt ihren schwerkranken Mann. Er kennt auch ihre Tochter, die nie mehr ohne Taschenrechner einkaufen geht, seit ihr Partner sie verlassen hat. Sie reden nicht viel, aber sie wirken vertraut. Herr H. sagt, das sei ja das Schöne an der Tafel. Hier frage ihn keiner, wer er sei. Wer hierherkomme, der müsse keinem mehr etwas beweisen. Tiefer könne man ja nicht abrutschen.

Die Tafel, sie ist mehr als das, was ihren Gründerinnen vorschwebte, als sie vor zwanzig Jahren Supermärkte abzuklappern begannen, um Lebensmittel an Obdachlose zu verteilen. Damals, sagen sie, hätten sie echte Überzeugungsarbeit leisten müssen. "Was, ihr wollt an unseren Müll?" Inzwischen stopft dieser "Müll" ein Loch im Sozialstaat, das so groß ist, dass man sich lieber nicht vorstellen mag, was passieren könnte, wenn ihn die Händler ab morgen wieder in der Tonne entsorgen würden.

Bundesweit gibt es 906 solcher Ausgabestellen – in Südbaden sind es laut dem Landesverband der Tafeln e. V. inzwischen 25 Tafeln und 17 mobile Ausgabestellen. 50 000 ehrenamtliche Helfer verteilen jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel. Und längst sind es nicht mehr nur Menschen ohne festen Wohnsitz, die sich hier für den symbolischen Betrag von einem Euro die Taschen füllen. Herr H. ist einer von 1,5 Millionen Deutschen, die das Angebot nutzen. 125 000 Menschen sind es allein in Berlin, ein Drittel Rentner, ein Drittel Kinder und Jugendliche.
Hat die Tafelbewegung die Armut noch gefestigt?
Armut macht müde. Sie deprimiert. Sie legt die Nerven bloß. Das macht es auch den Helfern der Tafel schwer. "Ostern konnten wir nur einen Osterhasen pro Familie ausgeben", sagt Katrin Funke, die Leiterin der Ausgabestelle in Lichtenrade. Zoff sei da programmiert gewesen: Kunden, die glauben, ein voller Warenkorb stehe ihnen zu. Helfer, die es leid sind, den Mangel zu verwalten. Und dazwischen sie selber. Die Pragmatikerin. Sie hat die Ausgabestelle mit aufgebaut, gegen den Widerstand einiger Pfarrer. "Die behaupteten, in Lichtenrade müsse keiner hungern." Inzwischen hat das Team eine Fortbildung in Konfliktmanagement gemacht. Am Problem aber hat das nichts geändert. Wie oft hat sie seither immer diesen einen Satz wiederholt: "DIES IST KEIN SUPERMARKT."

Das alte Missverständnis. Linke Politiker, Menschenrechtler und Gewerkschafter prangern es schon lange an. In Berlin machen sie deshalb vom 26. bis 28. April mobil gegen die Tafeln. "Armgespeist – 20 Jahre Tafeln sind genug", unter diesem Motto stehen die Aktionstage. Ein Soziologieprofessor aus Furtwangen führt das Bündnis der Kritiker an: Stefan Selke, 45 Jahre, ein Glatzkopf, charismatisch und eloquent. Viele kennen ihn schon aus dem Fernsehen. Selke profiliert sich als Anwalt der Armen. Für sein neues Buch "Schamland" hat er Tafeln in ganz Deutschland besucht. Die Interviews mit den Besuchern zieht er heran, um zu belegen, was er schon als Wissenschaftler zu belegen versucht hat.

Dass die Tafelbewegung die Armut nämlich noch gefestigt habe, da sie ihren Nutzern suggeriere, es sei der Staat, der den Tisch gedeckt habe. Das alte Missverständnis. Denn tatsächlich mache die Politik ja keinerlei Anstalten, den Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger von 382 Euro auf ein menschenwürdiges Maß zu erhöhen. Eine Forderung, mit der Grüne oder Linke immer nur vorpreschen, wenn es gerade opportun ist. Selke seufzt. In dem Maße, wie sich die Charity-Bewegung institutionalisiere, habe sich eben jener Sozialstaat aus der Verantwortung gestohlen. Die Konsequenzen seien verheerend.

Derzeit beziehen hierzulande sieben Millionen Menschen Arbeitslosengeld II. Weitere 1,3 Millionen bekommen staatliche Leistungen, weil ihr Gehalt nicht zum Leben reicht. Ein Armutszeugnis, findet der Soziologe. Schließlich zähle die Republik zu den zwanzig wohlhabendsten Ländern der Welt. Sabine Werth kennt diese Zahlen. Eine burschikose Mittfünfzigerin mit randloser Brille und kräftigem Händedruck. Die Chefin eines Familienpflegeunternehmens hat die Tafelbewegung vor zwanzig Jahren mit anderen Frauen nach dem Vorbild der New Yorker Obdachlosenhilfe "City Harvest" gegründet.

Supermärkte, die zwanzig Prozent aller Lebensmittel entsorgten, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war. Obdachlose, die hungerten. Eine Tafel, die den Überschuss verteilte. Das war die Idee. Sabine Werth hat das Bundesverdienstkreuz dafür bekommen. Doch richtig freuen kann sie sich darüber nicht. Der Bedarf an Lebensmitteln wächst, der Einzelhandel spendet immer weniger. Deprimierend sei das, sagt sie. Lidl zum Beispiel liefert schon lange kein Fleisch und keine Wurst mehr. "Denen ist das Risiko zu hoch, dass sie wegen verdorbener Ware verklagt werden."

Die meisten Kunden haben sich längst im notdürftig subventionierten Elend eingerichtet. Daran muss man denken, wenn Stefan Selke bei PR-Auftritten für sein Buch warnt, der "Sozialstaat im Sozialstaat" breite sich immer weiter aus, mit freundlicher Unterstützung der Politik.

Sabine Werth kann ihm da nicht widersprechen. Anfangs hat sie das Aktionsbündnis der Kritiker sogar unterstützt. Dann forderten andere Mitglieder ihren Austritt, und die "böse Mutter" der Tafel warf das Handtuch. Sie sagt, das Bündnis habe auch kein Konzept, wie man Armen effektiver helfen könne. Die einen fordern eine Vermögenssteuer, andere einen flächendeckenden Mindestlohn.

Doch reicht das, damit die Politik im Bundestagswahlkampf auf das Thema aufspringt? In den Programmen der Parteien finden sich dafür keine Anhaltspunkte. Herrn H. wundert das nicht. Er sagt, wer gehe denn noch wählen, wenn er sich nicht mal eine Zeitung leisten könne.


Autor: Antje Hildebrandt