Tierschutz

Seit 15 Jahren gibt es das Tierschutzgesetz - ein Interview

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Di, 01. August 2017

Panorama

BZ-INTERVIEW mit Thomas Schröder, dem Präsidenten des Deutschen Tierschutzbunds, zu 15 Jahren Tierschutzgesetz.

BERLIN. Massentierhaltung, Tierversuche, Qualzuchten: Eigentlich sollte das vor 15 Jahren erlassene Tierschutzgesetz vielen solcher Praktiken einen Riegel vorschieben. Doch die Bilanz ist laut Deutschem Tierschutzbund durchwachsen. Bernhard Walker sprach darüber mit Thomas Schröder, dem Präsidenten des Tierschutzbunds.

BZ: Herr Schröder, seit August 2002 ist der Tierschutz ein Staatsziel im Grundgesetz. Was hat sich dadurch verändert?

Schröder: In der Gesellschaft hat sich seither viel bewegt: Das Bewusstsein für den Tierschutz ist auf jeden Fall größer geworden, was sich auch daran zeigt, dass die Medien ihm mehr Aufmerksamkeit schenken als früher.

BZ: Und was ist auf politischer Ebene geschehen?

Schröder: Viel zu wenig. Der Tierschutz ist seit 15 Jahren ein Auftrag, ja eine Verpflichtung an alle, die in Bund, Ländern und Kommunen politisch Verantwortung tragen. Trotzdem haben wir bis heute zum Beispiel keine Verordnung, die besagt, wie Milchkühe oder Puten zu halten sind. Es gibt also keine Regelung für den Umgang mit diesen Tieren, die beispielsweise besagte, wie viel Platz sie im Stall haben sollen oder wie der Stall aussehen muss. Bei Kaninchen, die als Nutztier gehalten werden, gibt es das erst seit kurzem. Und die Haltungsverordnung für Schweine gibt es zwar, sie hat aber aus Tierschutzsicht viele Lücken. Bei den Nutztieren herrscht eben viel zu stark noch das alte Denken vor.

BZ: Wie meinen Sie das?

Schröder: Der Verwertungsgedanke steht ganz im Vordergrund. Wie nütze ich das Tier und nicht: wie schütze ich es – so lautet der Grundgedanke. Und er schlägt sich in der Zucht nieder, die extrem auf Leistung aus ist – auf eine höhere Milchleistung bei Kühen oder mehr Fleischansatz bei Puten, Hühnern oder Schweinen. Das Ergebnis sind dann die Puten, die vornüberkippen, weil ihre Brust so groß und schwer ist, dass sie nicht stehen können. Und andere Nutztiere leben viel kürzer, als es von ihrem natürlichen Lebenszyklus her möglich wäre und erkranken häufiger, was Antibiotikagaben nötig macht.

BZ: Gibt es noch andere Bereiche, in denen das Staatsziel ins Leere läuft?

Schröder: Leider ja. Man würde ja vermuten, dass die Staatszielbestimmung dazu führte, dass es weniger Tierversuche in der Forschung gäbe und alternative Verfahren stärker genutzt würden. Aber wie ist die Lage? Die Zahl der Tierversuche steigt. Oder nehmen wir die Tierheime. Die sind wirklich in Not, weil viele Fundtiere dort abgegeben werden. Das ruft nach einer Stärkung des Ehrenamts einerseits und mehr staatlichen Mitteln für Bau oder Unterhalt eines Heims. Beides bleibt aber aus.

BZ: Warum bleibt die Politik da untätig?

Schröder: Ich glaube, die Politik übersieht, wie sehr das Thema viele umtreibt. Das ist einfach noch nicht überall als wichtiges Anliegen angekommen. Das hat, um auf den Nutztiersektor zurückzukommen, mit verfestigten Lobbystrukturen zu tun, die sich in manchem Agrarministerium und manchem Parlament im Lauf vieler Jahre eingestellt haben. Im Bund jedenfalls hat bisher kein Minister wirklich versucht, da durchzugreifen und die Dinge von Grund auf zu ändern. Bundesagrarminister Schmidt setzt in puncto Verbesserungen bei der Nutztierhaltung allein auf freiwillige Vereinbarungen. Passt das zu einem Auftrag, zu einer Verpflichtung, wie sie seit 15 Jahren im Grundgesetz steht? Ich meine nein.

BZ: Was schlagen Sie vor?

Schröder: Wer einen Stall bauen will, kann das vor Gericht einfordern. Wer einen Tierversuch machen will, kann das vor Gericht einfordern. Der einzige, der vor Gericht keine Stimme hat, ist das Tier. Also braucht es jemanden, der für das Tier seine Stimme erhebt. Das heißt: Wir brauchen auch auf Bundesebene ein Verbandsklagerecht für Tierschutzverbände.

BZ: Wie wirkte sich das Gesetz auf die Haustierhaltung aus?

Schröder: Nicht in dem Maße, wie ich es mir wünschte. Wir sehen ja die Qualzuchten wie die Nacktkatze oder den Mops, der kaum atmen kann. Jeder muss vor der eigenen Tür kehren, das sage ich ganz klar. Es wäre falsch, so zu tun, als gäbe es nur bei den Nutztieren und der industriellen Tierhaltung Missstände. Jeder muss sich folgende Frage stellen: Ist wirklich alles erlaubt, was nicht verboten ist? Ich meine nein. Aber an manchen Stellen gibt es Hoffnung. Möpse werden inzwischen wieder auf mehr Schnauze gezüchtet, womit sie besser atmen können, als mit der extrem kurzen Schnauze, die eine Zeit lang als chic galt.

Thomas Schröder (52) ist gelernter Buchhändler und Kommunikationswirt. Er war lange Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbunds. Im Jahr 2011 wurde er zu dessen Präsidenten gewählt.