Hermann der Barbar

Vom Stammeskrieger zum Nationalhelden

Martin Halter

Von Martin Halter

Sa, 03. Januar 2009 um 18:21 Uhr

Panorama

Er verpasste dem römischen Imperium auf dem Höhepunkt seiner Macht eine schmachvolle Niederlage: Hermann der Cheruskerfürst. Vor 2000 Jahren startete er seine deutsche Karriere.

Als die Römer frech geworden", heißt es im Spottlied, "zogen sie nach Deutschlands Norden". Dort wurden die Germanen frech und schlugen die Herren der Welt gewaltig aufs Haupt: Das Imperium, das seit hundert Jahren keine größere Schlacht mehr verloren hatte, erlitt auf dem Höhepunkt seiner Macht eine Niederlage, von der es sich nie wieder ganz erholen sollte. Umgekehrt wurde der Sieg zum deutschen Gründungsmythos: Mit einem Paukenschlag, so die Legende, traten unsere Väter aus dem dunklen Teutoburger Wald ins Licht der Geschichte, und von diesem "Urknall" ging ein Ruf wie Donnerhall aus.

Mochte Heine höhnisch "Hermann, der Recke" auf "siegte in diesem Drecke" reimen: Der erste deutsche Nationalheld steht noch heute fest auf dem Sockel des Detmolder Hermannsdenkmals, in Stein und Erz gemeißelt, 27 Meter hoch bis zum Adlerhelm und dem phallisch in den Himmel gereckten Schwert. Im September des Jahres neun nach Christus zwang der Cheruskerfürst Arminius (der Name "Heer-Mann" ist Luthers Übersetzung des römischen dux belli) mit seinen Stammeskriegern das stolze Heer des Varus in die Knie. Drei Legionen wurden aufgerieben, um die 20 000 Mann; Varus stürzte sich nach römischem Brauch in sein Schwert. Die Sieger schonten nicht einmal die Toten: Ihre Köpfe wurden aufgespießt oder an Baumstümpfe genagelt, ihre Altäre und Feldadler geschändet. Den Skalp des Varus schickte Hermann per Eilboten an seinen ostgermanischen Rivalen Marbod, als Zeichen seines Triumphes und Bündnisangebot.

Wendepunkt der Geschichte oder Rückfall in die Barbarei?

Rom zitterte vor den Barbaren im Norden wie seit dem Einfall der Kimbern und Teutonen nicht mehr. Augustus verhüllte sein Haupt in Trauer und schlug es an den Türen seines Palasts blutig; jeder Lateiner kennt sein geflügeltes Wort "Vare, legiones redde": "Varus, gib mir meine Legionen wieder". Den Germanen aber blieb, anders als Asterix’ Galliern, das Schicksal von Kolonialisierung und Romanisierung (zu gewissen Zeiten fügte man noch "rassischer Überfremdung" und "dekadenter Erschlaffung" hinzu) erspart; man kann aber auch sagen: verwehrt.

"Glorreicher hat sich kein anderes Volk in die Geschichte eingeführt", jubelte der Historiker Friedrich Koepp 1940, "als unsere Vorfahren durch diesen Sieg über die Herren die Welt". Hermanns Triumph galt nicht nur Theodor Mommsen als "Wendepunkt der Weltgeschichte", als Anfang der Deutschen und Anfang vom Ende Roms. Bis heute fängt der Geschichtsparcour im Berliner Deutschen Historischen Museum mit der Varusschlacht an, tragen Burschenschaften und Turnvereine Arminius im Namen.

Mit ihm trügen wir immer noch Bärenfelle

Aber wenn das Jubeljahr im Mai mit Ausstellungen, "Hau-den-Hermann"-Theaterschlachten und Chorälen im Teutoburger Wald seinen Höhepunkt erreicht, wird Schirmherrin Angela Merkel aus europäischer Verantwortung ein paar bittere Tropfen in den Freudenkelch gießen müssen. Ohne Hermann kein Deutschland und kein Deutsch? Ebenso gut könnte man behaupten: Mit ihm trügen wir immer noch Bärenfelle, äßen Hafergrütze und rohes Fleisch statt Pizza und Trüffel, und unsere Frauen hießen, wie Hermanns geliebtes Weib, Thusnelda. Dem Römerfresser verdanken wir das erste Einfuhrverbot für italienischen Wein und Olivenöl.

Wie soll man diesen Recken aus dunkler Vorzeit feiern? Als der Schüler Berthold in Lion Feuchtwangers Roman "Die Geschwister Oppermann" in seinem Aufsatz "Was bedeutet uns Heutigen Hermann, der Deutsche?" den Sieg als sinnlosen Umweg der Geschichte beschreibt, brüllt sein Lehrer ihn nieder. So etwas durfte man 1933 nicht einmal denken: "Ich dulde das nicht. Wenn Ihnen schon selber jeder Funke deutschen Gefühls abgeht, dann verschonen Sie doch wenigstens uns vaterländisch Fühlende mit Ihren Kotwürfen".



Germanien – ein Konstrukt ohne ethnische Substanz

Seit zwei Jahrtausenden ist das Ereignis überwuchert von deutschnationalen Mythen und Tabus, verschüttet unter ideologischem Müll und widersprüchlichen Grabungsbefunden. Schon Caesars Begriff "Germanen" war ja eine politische Konstruktion ohne ethnische Substanz: Die Übergänge zwischen den vielen verfeindeten Stämmen – Chatten, Cherusker, Usipeter, Langobarden, Sueben, Markomannen – und den Kelten etwa waren fließend; die Germanen hatten weder eine gemeinsame Kultur noch Sprache, ihre Verwandtschaft mit den Deutschen ist umstritten.

Die Schlacht im Teutoburger Wald war weder ein Volksaufstand noch fand sie im Teutoburger Wald statt. Tacitus’ Ortsangabe "unweit des Teutoburger Waldes" ist vage, der gleichnamige Bergrücken heißt erst seit dem Mittelalter so. Aber wo immer nach dem Schauplatz gesucht wird, findet man ein Stück deutsche Identität. Lokalhistoriker und Hobbyarchäologen siedelten das deutsche Troja schon bei Detmold und Duisburg, Magdeburg oder Mainz an, gern in der Nähe ihres Wohnorts. Es gibt heute ungefähr siebenhundert Theorien.

Mommsen lokalisierte den Tatort bei Kalkriese im Wiehengebirge, einem Ausläufer des Harz’, wo denn auch seit sechs Jahren ein Museum steht; aber die hier ausgegrabenen Graswälle, Pfeilspitzen und Tonscherben deuten nach neueren Erkenntnissen eher auf einen Nebenkriegsschauplatz hin.

Selbst der Spiegel, dem die Germanen lange als womöglich kannibalische Waldschrate galten, spricht heute von der "Geburt der Deutschen" und von Hermann als einem großen Feldherrn und Staatsmann.

Aber der deutsche Held kam nicht frisch, fromm und frei aus der Kälte und der Tiefe der Wälder. Er war ein römischer Offizier, ein verschlagener Trickser und Spieler, der nicht in einer offenen Feldschlacht siegte, sondern, wider Soldatenehre und Fahneneid, durch Hinterhalt, Verrat, vielleicht sogar Meuterei. Hermann war schon als Kind, vermutlich als Geisel, nach Rom gekommen; in der Hauptstadt der Welt hatte er seine militärische Grundausbildung und seinen Schliff, als Kommandeur cheruskischer Hilfstruppen die Titel eines römischen Bürgers und Ritters erhalten; er sprach fließend Latein und war mit Varus oft zu Tische gelegen.

Durch den Überraschungseffekt zum Sieg

Seinen Sieg verdankte er nicht zuletzt dem Überraschungseffekt: Als Varus erkannte, dass die Cherusker, bis dahin Roms treueste Verbündete in Germanien, in feindlicher Absicht kamen, war es zu spät. Zwar konnten sich die Römer unter schweren Verlusten noch einmal sammeln und in einem Lager verschanzen. Aber als sie am nächsten Tag in der Hoffnung, den rettenden Rhein zu erreichen, einen Ausfall wagten, wurden sie auf unwegsames Gelände gelockt und aus dem Hinterhalt niedergemetzelt. Die Kunde von Varus’ Schlappe hatte bisher zögernde Beutegermanen und Leichenfledderer unwiderstehlich angezogen, und im Sumpf und Wald kamen die römischen Stärken – weit reichende Waffen, disziplinierte Ordnung, Kampf im Verbund – nicht zum Tragen.

Natürlich hatte Varus die Guerillakrieger auch sträflich unterschätzt, so wie General Custer später die Sioux bei Little Big Horn oder die US-Army den Vietcong. Was hatte eine taktisch, waffentechnisch und mental haushoch überlegene Kampfmaschine schon von einer Horde von Barbaren zu fürchten, die mit nacktem Oberkörper, rotgefärbten Haaren und Gebrüll in die Schlacht zogen? Die Germanen waren gefürchtet für ihren Kampfgeist, den "furor teutonicus"; nicht umsonst stellten sie die Leibwache des Kaisers und wurden überall an die Front geschickt, wo es brenzlig wurde. Arminius selber hatte noch kurz zuvor in Pannonien, dem heutigen Ungarn, einen Aufstand niederzuschlagen geholfen. Aber was war schon von diesen undisziplinierten Hitzköpfen zu halten?

Barbaren – von den Toga-Trägern laut belächelt

Germanen waren, mehr als Parther oder Afrikaner, Barbaren. Sie tranken den Wein unvermischt und Met bis zur Raserei; sie besaßen weder Schrift noch Bäder, nicht einmal richtige Schwerter. Mit ihren langen Hosen und struppigen Bärten wurden sie von den glatt rasierten Togaträgern in Rom halb belächelt, halb bestaunt. Wenn die Römer frühe Globalisierer waren, dann waren sie die Indianer des Nordens, ihr kaltes, dunkles Reich der "Ostblock der Antike".

Quinctilius Varus dagegen war ein vornehmer Patrizier, der sich als Konsul, Feldherr und Statthalter von Syrien, Afrika und Judäa (in seine Amtszeit fiel übrigens die   Geburt Jesu) um Rom verdient gemacht hatte; erst viel später wurde er von Historikern wie Tacitus aus innenpolitischen Gründen als leichtsinnig und überheblich denunziert.

Für Rom war die Niederlage zunächst nur ein peinlicher Betriebsunfall. Man hatte nur eine Schlacht, nicht den Krieg verloren, aber selbst wenn es in Germanien außer Söldnern, Auerochsen und Elchen nichts zu holen gab, musste die Schmach gerächt werden. Schon ein Jahr später brach ein Riesenheer von acht Legionen zur Strafexpedition auf. In den folgenden Jahren wurden mit unschöner Regelmäßigkeit jeden Sommer germanische Dörfer niedergebrannt, ganze Stämme ausgerottet, versklavt oder in Reservate am Rhein umgesiedelt; selbst Thusnelda und ihr Sohn wurden nach Rom verschleppt und im Triumph gedemütigt.

Gab Rom Germanien auf?

Aber Rom feierte, wie Tacitus klagte, mehr Triumphe als Siege gegen den Erzfeind. Germanicus, der Neffe des neuen Kaisers Tiberius, konnte zwar zwei der drei verlorenen Legionsadler zurückholen und die Gebeine der Gefallenen würdig bestatten, aber am Ende stand auch er mit leeren Händen da. Die Verluste    durch Hinterhalte, logistische Probleme und Naturkatastrophen wogen den Aufwand nicht auf, die Politik der verbrannten Erde verprellte die letzten germanischen Bundesgenossen, und so verlor Tiberius 17 n. Chr. die Geduld: Sollten die Barbaren doch im eigenen Saft und Sumpf schmoren. Kaum dass der Racheengel Germanicus abgerückt war, fielen die Germanen wieder übereinander her; vier Jahre später fiel Hermann durch die Mörderhand eines Verwandten.

Neuere Funde belegen, dass Rom Germanien nie ganz aufgab. Süddeutschland und der Rhein blieben unter römischer Verwaltung, und als der Wanderungsdruck durch die aus dem Osten nachrückenden Stämme zunahm, drangen römische Expeditionskorps immer wieder tief ins germanische Hinterland vor. Caligula, Claudius und Domitian ließen sich als "Bezwinger Germaniens" feiern; aber ihre Vorstöße waren nur noch imperiale Schaukämpfe, präventive Vorwärtsverteidigung. Rom verlor das Interesse am wirtschaftlich und strategisch bedeutungslosen Germanien. Es gab in klimatisch freundlicheren Weltgegenden genug Völker, die den Segnungen römischer Zivilisation mit weniger Ablehnung begegneten.

Der Hermann-Mythos und die deutsche Nation

Bei den Germanen setzte sich die Einsicht, dass ein gewisser Komfort und kultureller Austausch der selbstgenügsamen "Freiheit" manchmal vorzuziehen war, erst später durch. Heute würde kein Deutscher mehr für Bier und nationalen Stumpfsinn auf seinen Brunello oder sein Ferienhaus in der Toskana verzichten. Aber ehe entspannte Lebensart und romantische Italiensehnsucht Platz greifen konnten, mussten sich die Hinterwäldler erst einmal zur deutschen Nation zusammenschließen (und in zwei Weltkriegen eine blutige Nase holen). Der Hermann-Mythos leistete dabei unschätzbare Dienste.

Deutsche Humanisten destillierten schon im 16. Jahrhundert aus Tacitus’ Lob für die alten deutschen Tugenden – Treue, Tapferkeit, Ehrlichkeit, Keuschheit, Freiheitsliebe – flugs den neuen deutschen Nationalcharakter. Wie Hermann einst den Kaiser, so wollte Luther jetzt den Papst herausfordern; das machte ihm den alten Germanen "von Herzen lieb". Sein Mitstreiter Ulrich von Hutten feierte Hermann als unüberwindlichen "ersten deutschen Helden und Vaterlandsverteidiger".

Hermann als Volksheiland

Allerdings war "der Deutscheste" der Deutschen Heide, und das Vaterland stand noch weit hinter dem Seelenheil zurück. Erst im 18. Jahrhundert und vor allem in den Befreiungskriegen stieg Hermann zum strahlenden "Volksheiland" (Turnvater Jahn) auf. Möser, Klopstock, Herder, Wieland, Hölderlin, Kleist, Caspar David Friedrich, Grabbe: Alle feierten in Hymnen, Tragödien, Bildern und Opern die Hermannsschlacht als Gründungsakt Deutschlands; manche Philologen wollten in Arminius gar den Drachentöter Siegfried wiedererkennen. Goethe standen die gesitteten Griechen und Römer näher als die ungehobelten Teutschen: Hermann, diktierte er seinem Eckermann, "ist zu weit entfernt; niemand hat ein Verhältnis dazu, niemand weiß, was er damit machen soll". Das änderte sich, als der Kampf gegen den neuen Varus, gegen Napoleon, wieder einmal an der deutschen Kleinstaaterei zu scheitern drohte. "Teutsche, vergesset Hermann nicht. Flehet die Vorsehung an um einen solchen Mann und Befreier", donnerte Ernst Moritz Arndt, "und er wird kommen, und ihr werdet ein Volk seyn und ein freies, starkes Volk". Was Hermann glorreich begonnen hatte, sollte jetzt siegreich zu Ende geführt werden: Der totale Krieg gegen welsche Fremdherrschaft und deutsche "Ausländerei".

Die Geschichte des Hermannsdenkmals zeigt, wie das nationale Projekt von oben usurpiert und instrumentalisiert wurde: Aus der Sache des Volkes wird kaiserliche Chefsache; Krupp spendet das 600-Kilo-Schwert. Erst als Fürsten und Könige ihre Privatschatullen öffneten, wurde der 1836 begonnene Riesen-Hermann 1875 endlich fertig. Am Ende sah er nicht zufällig aus wie Wilhelm I. im Germanenkostüm. "Der lang getrennte Stämme vereint mit starker Hand", hieß es auf einem Porträtrelief, "der welsche Macht und Tücke siegreich überwand, der längst verlorne Söhne heimführt zum deutschen Reich, Armin, dem Retter, ist er gleich".

Hermann als nationale Ikone

"Solche Führer wie der/ gieb uns, Wodan, mehr/ und die Welt, sie gehört den Germanen!" reimte Felix Dahn. Aber als dann einer kam, rückte Hermann doch ins zweite Glied deutscher Blutzeugen. Gewiss, er war der "Urvater aller rassisch reinen Deutschen", Opfer eines perfiden Dolchstoßes; aber Hitler nahm lieber an Rom als an einem gescheiterten Buschkrieger Maß. "Keine red’ von alten Recken der Vergangenheit, der nicht die Pflicht zu gleichem Wirken für die Zukunft in sich fühlt", schrieb er bei einem Besuch des Hermanndenkmals 1926 ins Gästebuch.

Nach 1945 war Hermann als nationale Ikone erledigt. Sein Denkmal wurde von amerikanischen Soldaten zerschossen, sein Mythos von kritischen Historikern demoliert. Heute hat man sich mit Hermann wieder arrangiert. Zumindest in seinem westfälischen Stammland, wo man "Römer-Mett" und die Schlacht im Teutoburger Wald neuerdings als "Marke" verkauft, hat er heute wieder ein Heimspiel. Der Mann, den Tacitus "im Felde unbesiegt", für einen Barbaren erstaunlich schlau und "ohne Zweifel Befreier Germaniens" nannte, ist als Standortfaktor einer immer noch strukturschwachen Region wertvoller denn je.