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23. Dezember 2016 21:30 Uhr

BZ-Interview

Welche Bedeutung das gemeinsame Essen an Weihnachten hat

Sich mit den Liebsten den Bauch vollschlagen: Für viele ist das ein elementarer Bestandteil des Weihnachtsfests. Der Kulturwissenschaftler Konrad Kuhn erklärt die Entwicklungen um die mit dem Weihnachtsessen verbundenen Bräuche.

  1. „Fondue ist für Individualisten“ sagt Konrad Kuhn Foto: dpa-tmn

BZ: Herr Kuhn, angenommen, Sie müssten wählen, worauf Sie an Weihnachten am ehesten verzichten können: Wären es die Geschenke oder das Weihnachtsessen?

Kuhn: Ich glaube, es wäre das Essen. Geschenke sind so stark mit der prägenden Kindheitserinnerung an Weihnachten verbunden. Diese lässt uns das Fest alle Jahre wieder aufführen. Andererseits gibt es immer mehr Familien mit einer Keine-Geschenke-Regelung, also Konsumverzicht. Da wird das Essen zum zentralen Element.

BZ: Es gibt kaum eine Familie, die sich bewusst gegen ein schönes Weihnachtsessen entscheidet, obwohl auch das für Überfluss steht?

Kuhn: Genau. Denn an irgendwas muss der Mensch ja merken, dass es etwas Besonderes ist. Als Kulturwissenschaftler kann ich sagen: Zu Festen gehört Essen dazu. Anderes und mehr Essen als sonst. Die Feststellung und das Klagen darüber, dass zu viel da ist, gehört ein Stück weit auch dazu.

BZ: Wichtig ist also nicht nur, dass der Tisch voll ist, der Bauch muss auch spannen, damit wirklich Weihnachten war?

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Kuhn: Traditionell ist das so. Dieser Umstand gerät jedoch zunehmend in Konflikt mit dem heutigen Anspruch, bewusst und ethisch zu konsumieren. Und dem Wunsch, auf zu viel Zucker und Fett zu verzichten. Das führt zu Spannungen.

BZ: Können Sie schon einen Wandel ausmachen?

Kuhn: Ja, das immer beliebter werdende Fleisch- oder Käse-Fondue ist ein gutes Beispiel. Es braucht, wie Raclette, weniger Vorbereitung – es ist nicht mehr die Hausfrau, die sich stundenlang um die Gans im Ofen kümmert. Aber vor allem passt dieses Essen sehr gut zu einer individualisierten Gesellschaft, wie der unseren: Jeder bereitet sich zu, was und wie er es will. Überspitzt gesagt kann dann der Figurbewusste sein Hühnchen in die Fonduebrühe tunken, während ein anderer noch fettiges Schweinefleisch wählt. Obwohl die Ansprüche unterschiedlich sind, können alle gemeinsam essen. Das beugt auch Konflikten vor.

BZ: Sie beschreiben eine neue Entwicklung. Wie sieht der Klassiker aus?

Kuhn: Klassisch gibt es an Heilig Abend nur etwas Kaltes, zum Beispiel Kartoffelsalat mit Kochschinken. Das Essen ist einfacher, weil man später noch zur Christmesse geht. Der Hauptweihnachtstag war ursprünglich der 25. Dezember – das verschiebt sich langsam hin zum 24., der zum Hauptfest wird. Das Essen verschiebt sich mit, man isst etwas Größeres und länger.

BZ:
Wie aufwendig muss es denn sein, damit das Essen noch als festlich durchgeht?

Kuhn: Prospekte von Lebensmittelmärkten sind da ein gutes Indiz: Alkoholika sind im Angebot, Trüffel und Lachs sind en vogue. Die Suche nach etwas Neuerem und Exklusiverem verschiebt sich. Dabei kann sich eine breite Masse diese Produkte zumindest theoretisch das ganze Jahr über leisten, die Kaufkraft in Bezug auf Lebensmittel war noch nie so groß.

BZ:
Es muss also einigermaßen teuer sein, aber niemand muss stundenlang in der Küche stehen, damit es was Besonderes ist?

Kuhn: Ja, doch auch da wandelt sich der Trend. Ein selbstgemachter Kuchen gilt in einigen Kreisen wieder als wertiger als ein gekaufter, weil wir uns ja alle einen Kuchen kaufen könnten. Man hat Zeit und Liebe investiert. Und das Wissen um die geschickte Zubereitung geht ein wenig verloren, auch dadurch gewinnt das Selbstgemachte.

BZ: Wenn wir bei den Süßspeisen sind: Können Sie bestätigen, dass Lebkuchen im Mai nicht schmeckt?

Kuhn: Ja. Und das verweist darauf, dass es beim Essen nicht nur um den Lebkuchen geht – da werden, wenn man so will, auch ganz viele Gefühle mitgegessen. Die stellen sich im Mai einfach nicht ein, weil sie mit anderen Sinneseindrücken verbunden sind – Temperatur und Dunkelheit zum Beispiel. Da zeigt sich, dass Nahrungsaufnahme immer auch mit Identität, Gefühlen, Hierarchien verbunden ist.
Zur Person

Konrad Kuhn (38) ist wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel. Seine Schwerpunkte liegen in der Ritual- und Brauchtumsforschung.

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Autor: vfmk