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22. Juni 2010

"Wir sind abhängig und dadurch auch verletzlich"

BZ-INTERVIEW mit dem Techniksoziologen Johannes Weyer über die Chancen und Gefahren von Computern.

  1. Johannes Weyer Foto: BZ

Der Computer hat die Welt verändert. Nicht nur zum Guten, findet Johannes Weyer von der Technischen Universität Dortmund. Mit dem Techniksoziologen sprach Michael Neubauer.

BZ: Wie glücklich kann die Welt sein über Zuses Erfindung?

Weyer: Computer sind Fluch und Segen gleichzeitig. Sie sind eine Technologie, die unser Leben in mehreren Schüben radikal verändert hat. In den 80er Jahren kam der Computer als Desktop zu uns nach Hause. Dann wurde er mobil als Laptop. Heute können wir ihn als Smartphone überallhin mitnehmen …

BZ: … und uns damit sehr schnell Informationen beschaffen.

Weyer: Wir verdanken Erfindern wie Zuse den Zugang zu Informationen und Recherchemöglichkeiten, die Vernetzung der Welt und damit auch eine Demokratisierung. Das Beispiel China zeigt das systemverändernde Potenzial des Computers, vor allem wenn er Teil eines weltumspannenden Netzes ist. Gegenstände wie das Auto sind hochgradig computerisiert. Wir sind inzwischen sehr abhängig von Computer-Steuerungen und dadurch auch verletzlich – denken Sie an die Air-France-Maschine, die vor einem Jahr vermutlich wegen Computerfehlern über dem Atlantik abstürzte. Wenn Computer ausfallen, sind wir manchmal nicht mehr in der Lage, Prozesse zu steuern, die wir früher noch von Hand steuern konnten. Außerdem nimmt in der Arbeitswelt durch die Computer der Zeitdruck zu. Wir hatten gehofft, dass wir durch die E-Mail unendlich viel Zeit sparen. Mittlerweile hat der Stress durch die Mails erheblich zugenommen.

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BZ: Könnte es sein, dass wir durch diese Schnelligkeit auch anders denken?
Weyer: Hirnforscher scheinen tatsächlich nachweisen zu können, dass unser Denken verändert wird durch dieses hektische Zusammensuchen von Informationsschnipseln per Links. Man liest ja nicht mehr richtig, man surft eher. Das ist ein sehr oberflächliches, flüchtiges und hastiges Lesen. Da gehen auch Qualitäten verloren. Ich vermisse übrigens auch das Gefühl dieses mühsamen Tippens auf der Schreibmaschine. Wenn man sich vertippt hatte, musste man das Blatt rausreißen und neu anfangen. Das war auch ein zeitlicher Puffer im Leben, eine Art autogenes Training am Schreibtisch. Heute hat man den Fehler schnell korrigiert und kann sofort den nächsten Job machen, der einem zugeschickt wird. Der Computer von heute verdichtet unser Arbeitsleben enorm – manche Menschen werden dadurch krank.

BZ: Wie würde unser Alltag ohne Computer aussehen?

Weyer: Das kann man beobachten an Kulturen, die noch nicht so sehr vom Computer dominiert sind. Wir würden uns mehr bewegen, wären mehr draußen an der frischen Luft, wir würden soziale Kontakte aktiver suchen und mehr persönlich miteinander kommunizieren und telefonieren. Meine Mitarbeiter schreiben sich eine E-Mail von einem Büro ins Nachbarbüro: Sich bewegen und miteinander sprechen – das nimmt erheblich ab. Diese Veränderung in der Lebensweise macht mir Sorgen. Denn dadurch gehen auch Fähigkeiten verloren – etwa die, Konflikte zu lösen.

Autor: mic