Nordische Kombination

Fabian Rießle hat sich zwei deutsche Meistertitel gesichert

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mo, 15. Oktober 2018 um 10:51 Uhr

Nordische Kombination

Vor 2000 Fans, die die Schanze in Hinterzarten und die Skirollerstrecke in Breitnau säumten, hat der Olympiasieger Fabian Rießle erstmals den DM-Einzeltitel geholt und Team-Gold mit Manuel Faißt.

Tagelanger Innendienst mit Spachtel und Hammer liegt hinter Fabian Rießle. Die DM im Hochschwarzwald ist für den Nordischen Kombinierer aus St. Märgen eine Befreiung, der zurzeit ein neues Heim in Kirchzarten renoviert. Vor 2000 Fans, die an zwei Wettkampftagen die Schanze in Hinterzarten und die Skirollerstrecke in Breitnau säumen, gewinnt der 27-jährige Team-Olympiasieger vor den beiden Sachsen Eric Frenzel und Terence Weber erstmals den deutschen Meistertitel im Einzelwettkampf und holt im Teamsprint auf Skirollern mit Manuel Faißt (Baiersbronn) Gold.

Eine DM in kurzen Hosen und T-Shirts

Es ist eine DM in kurzen Hosen und T-Shirts, mit Sonnenmilch statt Glühwein, Schwitzen statt Schneegestöber. Ist das die Winter-Zukunft? "Eine DM ist eine DM", sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch, der den Kombinierern in den vergangenen zwölf Jahren dutzende Medaillen beschert hat. Auch ohne Schnee und aus dem Training heraus seien die Titelkämpfe eine ernste Sache. Der Himmel spielt Azzurro, der Bayer guckt finster. "Nein, gar nicht zufrieden", sei er mit den Sprungleistungen, grantelt Weinbuch nach dem Einzelwettkampf auf der Hinterzartener Adlerschanze. "Wir waren einfach nicht gut." Die Weltspitze markiert bei der DM einer, der als Gast für unbequeme Aufregung sorgt. Maxime Laheurte, daheim im Vogesen-Nest Gérardmer, dominiert am Samstag mit einem 102,5 Meter weiten Sprung auf der Schanze und bringt auf dem 1,25 Kilometer langen Skirollerkurs in Breitnau als Solist über zehn Kilometer den Vorsprung auf die DM-Starter ins Ziel. Weinbuch gefällt das gar nicht. Schließlich beginnt in sechs Wochen der richtige Winter – mit dem Weltcupstart im hohen Norden. "In den nächsten zwei Sprunglehrgängen muss etwas passieren", fordert der Bundestrainer, die Weltspitze schlafe nicht, "Schludrigkeiten können wir uns nicht erlauben". Es ist eine kleine Ohrfeige für einen scheinbar Unantastbaren. Vierfach-Weltmeister Johannes Rydzek, Abonnement-Meister und DM-Titelverteidiger, ist bei den in familiärer Herzlichkeit organisierten Titelkämpfen der große Verlierer des DM-Wochenendes.

Rydzek wird disqualifiziert

Samstag, kurz nach zwölf: "He, nö", sagt Materialkontrolleur Uwe Mühln mit der Unnachgiebigkeit eines Schaffners und deutet auf den Sprunganzug unter Rydzeks Gürtellinie: "Zu lang im Schritt." Ein Zentimeter zu viel Stoff, gewertet als unerlaubte Auftriebshilfe, bedeutet das Aus. Rydzek wird disqualifiziert. Seine zweite Chance am Sonntag ist keine: Im Teamsprint wird der Oberstdorfer, nach Rang sieben auf der Schanze, zusammen mit Simon Hüttel (Weißenstadt) "nur" Dritter. Hermann Weinbuch ist am Sonntagmorgen gnädiger gestimmt. Ordentliche Sprünge hat er gesehen, Fabian Rießle, der am Samstag noch einen 94 Meter kurzen Satz auf den Hang gekachelt hatte, gelingt ein 102,5 Meter weiter Sprung, Manuel Faißt zementiert mit 104 Metern Rang zwei hinter dem Teamolympiasieger-Duo Frenzel/Weber. Rießle wirkt gelöst, vergessen ist der Ärger, den er tags zuvor hinter dem Franzosen gefühlt hatte: "Das wurmt mich, dass wir den Maxime nicht geholt haben." Wir: das sind Rießle, der auf dem 1,25 Kilometer langen, achtmal zu bewältigenden Skirollerrundkurs mit 1,14 Minuten Rückstand auf den Elsässer ins Einzelrennen geht, nach vier Runden mit Frenzel und Terence Weber an der Spitze des zerfasernden 30-Mann-Feldes Tempo macht und im Sprint um 0,8 Sekunden vor Frenzel seinen ersten DM-Einzeltitel gewinnt. Doch Laheuerte ist 10,6 Sekunden schneller.

"Schwamm drüber", sagt Rießle am Tag danach und umarmt Manuel Faißt (25), der in Oberried daheim ist. Ein konzentriertes Skiroller-Rennen über zwölf Runden und 15 Kilometer gelingt den beiden, die sich bei jeder Umkreisung ablösen. Faißt kurvt mit dem Sachsen Terence Weber rund um "Kreuz" und Kirche, Rießle mit Eric Frenzel. Zwei Duos, die dem Feld enteilen. Die Entscheidung fällt am letzten Buckel: Rießles Skiroller jaulen. Frenzel japst. Der St. Märgener sticht die Stockspitzen in wildem Stakkato in den Asphalt und stürmt zum zweiten DM-Titel.