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11. Mai 2011

Philosophische Spiegelung

Assoziativvortrag von Klaus Scherzinger im Spiegel der Ausstellung "Between the mirrors".

  1. Philosoph Klaus Scherzinger im Spiegel der Ausstellung im Georg-Scholz-Haus. Foto: Nicola Gastiger

WALDKIRCH. Der Philosoph Klaus Scherzinger, der an der Universität Freiburg einen Lehrauftrag für Bio-, Natur- und Neuro-Ethik für angehende Lehramtskandidaten innehat und über Martin Heidegger promovierte, wurde von den Künstlern Sandra Eades und Reinhard Klessinger gebeten, seinen Assoziationen zum Thema Spiegel beziehungsweise zur Ausstellung "Between the mirrors" im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch freien Lauf zu lassen.

Und das tat er dann auch. Was dabei herauskam, war ein sehr eigenwilliger Streifzug "Wahrheit und Spiegelbild" durch die Philosophie-Geschichte. Führte schon Volker Lindemann mit anspruchsvollen, philosophischem Geschütz über das Medium Spiegel, wie "das Verhältnis des Selbst zu sich selbst" oder "das Verhältnis des Selbst, wie es sich zu sich selbst verhält" erkennen (Schopenhauer), in den Abend ein, hörte sich dies bei Klaus Scherzinger dann so an: Spiegel fangen etwas ein – wie Teichwasser den Baum – oder machen grundsätzlich Unsichtbares sichtbar, können rückwärts sehen oder um die Ecke sehen – das Selbst wird gespiegelt und gibt eine Perspektive von und für uns selbst. Das Selbst wird aber durch einen Spiegel auch zum Symbol. Die ganze Welt ein Spiegel. Die Außenwelt spiegelt die Innenwelt (die äußeren Risse eines Akws, die innere Zerrissenheit unserer Gesellschaft!). Scherzinger sprach von der Seins-Philosophie, der Geist-Philosophie und der jüngsten Ich-Philosophie. Er spannte einen weiten Bogen von Emmanuel Kant (Mensch wird selbst zum Spiegel der Welt) über die Phänomenologie Husserls und Heideggers, die das über den Dingen Liegende transzendiert und offenbart wie ein Spiegel, bis zu der humanistischen Lehre der Hermeneutik.

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Scherzinger erwähnt die Existenzphilosophen und den psychoanalytischen Blick des Spiegels: Der Spiegel offenbart die Motive des Menschen, seine Absichten, seine Sehnsüchte, sein Wollen, auch Verdrängtes -– einem jeden, der in den Spiegel schaut. Der Spiegel selbst ist neutral – eine Welt ohne Spiegel gibt es nicht und so befinden wir uns auch – fast schon in einer Art "Spiegelgefängnis", so Scherzinger weiter. Psychotherapien gründen zum Teil darauf, dass der Therapeut eine Art Spiegel ist und psychologische Übertragungen – sogenannte Spiegelungen – stattfinden.

Dann holte Klaus Scherzinger aus über die sogenannten Spiegeldeuter, die schon in der Geschichte Gesellschaftskritiker waren und es zudem auch in der Antike bereits Streit über die Deutungshoheit verschiedener Ereignisse gab. Er zitierte aus dem Korintherbrief des Paulus und warnte, dass es keine vollkommene Erkenntnis geben kann, nicht für uns Menschen. Die Antwort, ob wir Menschen den Lebensentwurf, den Gott für uns vorsah, erfüllt haben, werden wir erst im Jenseits erfahren, wenn wir Gott "von Angesicht zu Angesicht" gegenübertreten. Da können wir noch so lange in gewissem Sinne auch eitel in einen Spiegel schauen, denn "wenn Affen in den Spiegel hineinschauen, kommen keine Apostel heraus!" so Scherzinger, der auch an das Märchen "Schneewittchen und die sieben Zwerge" erinnerte und auf die Verblendung hinwies, die Menschen beim Blick in den Spiegel befallen können.

Scherzinger spannte den Bogen weiter über Sebastian Brandt aus dem 15. Jahrhundert, der in seinem Werk "Narrenschiff" die abergläubische Gesellschaft der damaligen Zeit porträtierte; Erasmus von Rotterdam, Till Eulenspiegel, Frauenrechtlerinnen wie Mary Wallstone-Craft und Simone de Beauvoir. Auch Stichworte zu Karl Marx, Sinclair, Niklas Luhmann und von Sloterdijks "Menschen-Park" fehlten nicht.

Zum Abschluss stellte Klaus Scherzinger die Frage nach dem Heute. Wie sind wir heute – zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Mögliche Antworten: Entfremdung, Vereinzelung, Verfall von Werten, Verrohung der Gesellschaft und Verelendungsprozesse in nahezu jeder Gesellschaft, nicht nur in Indien, Südamerika oder Afrika. Welches sind aber unsere Spiegeldeuter heute?

Klaus Scherzinger bekam für seine Erörterungen viel Beifall von den etwa 30 Personen, die im Anschluss geistig erfrischt und mit eigenen Assoziationen in geselliger Runde den Abend ausklingen ließen.

Autor: Nicola Gastiger