Provokationen kommen nur von rechts

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Mi, 25. April 2018

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: "Is This the End?" – Georg Seeßlen fragt sich, was aus den Freiheitsversprechungen der Popmusik geworden ist.

Auch ohne dieses Buch findet der eine oder die andere gewiss gute Gründe, um Helene Fischer und das, wofür sie steht, nicht zu mögen. Nach einer mitunter vergnüglichen, oftmals aber auch zähen Lektüre dieser rund 200 Seiten wird man die Schlagersängerin ("Atemlos") aber richtig schlimm finden – zumindest wird das theoretische Rüstzeug hierfür bereit gestellt. Georg Seeßlen, der renommierte Münchner Filmkritiker, Autor und Essayist, spürt 50 Jahre nach 1968 dem nach, wofür Pop einst stand – Aufbruch, Rebellion, Freiheitsversprechen, Grenzüberschreitung, Subkultur, Linkssein. Doch er findet wenig, was ihm noch Hoffnung gibt. Da sind nur noch dem neoliberalen Diktat unterworfene Peinlichkeiten oder eine Popkultur, die zur Beute der gegenwärtigen rechten Wende geworden ist.

"Nicht, dass Pop einmal richtig unschuldig gewesen wäre, höchstens in ein paar Millisekunden der Kulturgeschichte. Aber was die Ökonomie mit Pop seit den neunziger Jahren macht, ist nicht mehr komisch", klagt Seeßlen, Jahrgang 1948 und damit qua Geburt ein (Alt-)Achtundsechziger, und schließt sich dem Lamento des 2017 gestorbenen britischen Kulturwissenschaftlers Marc Fisher an, der sinngemäß feststellte: "Wäre man im Jahr 1940 eingefroren worden und im Jahr 1970 wieder erweckt, dann hätte man, wenn man Popkultur geliebt hätte, wahrscheinlich nur ausgerufen: Wow! Wäre man im Jahr 1990 eingefroren worden, würde im Jahr 2020 wieder aufwachen und hätte sich nach der Entwicklung der Popkultur umgesehen, dann würde man wahrscheinlich sagen: Was? Mehr hat sich nicht getan?"

Seeßlen stellt die Frage, warum die Frei- und Zwischenräume und die linken Utopien verschwunden sind. Er fragt, warum sich völkisches, rassistisches, sexistisches und nationalistisches Denken in der Popkultur einnisten und den Alltagsverstand vergiften konnte – und warum zugleich der einst politische Pop zur Entpolitisierungsmaschine und zum Garant für Langeweile werden konnte.

Viele seiner Fragen wurden schon vor 25 Jahren gestellt, als damals aus angloamerikanischen Universitäten die Cultural Studies, das akademisch Ernstnehmen populärer Kultur und ihr Abklopfen auf emanzipatorische Inhalte, in deutsche Hörsäle und Feuilletons geschwappt war.

Seine düstere Analyse ist dabei so vielschichtig wie theoretisch diffus. Er übt etwa materialistische Kulturkritik (wem gehören die Produktionsmittel des Pop und was bedeutet dies?) und konstatiert, dass mit dem Fortschritt der technischen Mittel der Rückschritt der Inhalte einhergeht. "Man überlebt nicht mit Ideen, man überlebt mit more of the same, wenn irgendwo Klicks, Käufe, Besuche und Zustimmung generiert werden." Die Zeiten, als Pop dem Mainstream den Hintern zeigte, sind vorbei, der Mainstream hat ohnehin schon lange alles einst Widerständige geschluckt, transformiert und dann verwertet.

Nicht von ungefähr bemüht Seeßlen daher auch die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aufgestellte These von der Kulturindustrie, wonach populäre Massenkultur zur Ware wird und der Herrschaftssicherung dient, oder orientiert sich an Michel Foucault und Gilles Deleuze und ihren Theorien von der Disziplinar- und Kontrollgesellschaft. Und über allem schwebt der Geist des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, der einst gefordert hat, die linken Intellektuellen müssten organisch werden, also in der populären Kultur aufgehen, und so den Weg für die kulturelle Hegemonie ebnen. Was heute aber nur den Rechten gelungen ist, die dem Individuum, das dem neoliberalen Markt schutzlos ausgeliefert und von prekären Lebensumständen bedroht ist, die Angebote Heimat und Identität erfolgreich verkauften. "Aus der Vielfalt wurde Segmentierung, aus dem großen Liebesbrief an das Leben eine Hassbotschaft", schreibt Seeßlen. Als Rebellentum würden heute nur noch Grenzüberschreitungen nach rechts wie von den Südtirolern Freiwild oder von Xavier Naidoo, schlechter Geschmack und Vulgarität geadelt. Den Rest besorge der Mainstream. Womit wir bei Helene Fischer wären, die laut Seeßlen zwar nicht unmittelbar schuld an diesem neuen Faschismus sei, die aber den popkulturellen Raum entleert habe, so dass dieser sich dort entfalten konnte.

Ist dies nun das Ende? Ja und nein. Denn Pop, und darin liegt die tragisch-schöne Dialektik, stand schon immer für beides: Befreiung und Unterdrückung, Wahrhaftigkeit und Verlogenheit, Rebellion und Angepasstheit. Werden wir also bald Besseres als Helene Fischer oder Rapper wie Kollegah und Farid Bang vorgesetzt bekommen? Und haben wir das überhaupt verdient? Seeßlen bleibt vage. Etwas trotzig fordert er neue Utopien, Leidenschaft und Teilhabe ein. Er will Gramscis Erbe retten: "Wir holen uns den Pop zurück!"

Georg Seeßlen: Is This the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung. Edition Tiamat, Berlin 2018. 224 Seiten, 16 Euro.