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24. November 2011

Laufrad-Papst ohne Socken

Ex-Triathlet Harald Glaser läuft am liebsten barfuß / Er hat sich im Radsport einen Namen gemacht.

  1. Harald Glaser, damals hieß er noch Dannegger, steht nach einem Triathlon ganz oben auf dem Podest. Natürlich barfuß. Foto: Privat

  2. Formeln und Berechnungen füllen mehrere Ordner: Viele der besten Mountainbiker und Rennradfahrer vertrauen auf Laufräder, die von Harald Glaser eingespeicht wurden. Foto: Jürgen Ruoff

RADSPORT. In großen Schwimmfeldern hat er sich noch nie wohl gefühlt. Harald Glaser (47), der damals noch Dannegger hieß, war in den 80- und 90er Jahren ein guter Triathlet. Aber was da im Wasser passierte, das Schlagen der Arme und Treten der Beine, war ihm "zu gewalttätig". Mitschwimmen im Strom, das ist sowieso nicht sein Fall. Viel lieber kämpft er dagegen an. Harald Glaser passt in keine Schablone. Er hat an diesem kühlen Novembertag Sandalen an und in den Schlapppen stecken nackte Füße. Er habe im Schrank zu Hause schon Socken, ein paar zumindest. "Für besondere Anlässe, damit die Leute nicht dumm schauen."

Im Winter hat er einmal Schnee geschippt. In Sandalen ohne Socken, denn Winterschuhe hat er keine. Die Nachbarn trauten ihren Augen nicht. Am liebsten würde er auch die Sandalen weglassen und barfuß laufen, denn irgendwie fühlt er sich in Schuhen "eingezwängt und gefangen". Er kramt einen Zeitungsartikel hervor. Barfuß joggen soll laut einer US-Studie gesünder sein als Laufen in Schuhen. Er ist schon oft barfuß gejoggt, sogar im Schnee, und einmal hat er die Laufstrecke eines Triathlonwettkampfs barfuß zurückgelegt. 1994 war das. Er fand’s toll, der nationale Verband aber nicht. Der hat es anschließend verboten.

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"In Schuhen fühle ich mich

eingezwängt und gefangen."

Begonnen hat er mit dem Laufen ohne Schuhe, als er eine Entzündung an der Achillessehne hatte. 1989 war das. Barfuß hatte er damals weniger Beschwerden, also ließ er die Schuhe weg. Erst beim Gehen, dann beim Joggen. Zehn bis 15 Kilometer ist er ohne Schuhe auf Asphalt gelaufen. "Die Auswirkungen auf die Muskulatur waren positiv", sagt er, "1990 war ich relativ fit".

Fünf Jahre zuvor war das noch ganz anders gewesen. Bei Harald Glaser wurde ein Tumor im Oberschenkel festgestellt. Schon als Kind waren ihm zwei Tumore entfernt worden und erneut schien eine Operation unumgänglich. Im Fall eines gutartigen Tumors sollte der herausgesägt und die Stelle mit Knochenmaterial aus der Hüfte aufgefüllt werden. Wäre er bösartig, müsse man mehr machen, sagten die Ärzte. Möglicherweise sogar das Bein amputieren. Für Glaser, der 1984 die ersten Triathlonrennen bestritten hatte, brach eine Welt zusammen. Er wollte die Operation nicht, die seine letzte Rettung sein sollte und ihn vielleicht das Bein kosten würde. Er willigte nicht ein. Tief im Innern hatte er mit dem Leben abgeschlossen. Er entschloss sich, die letzten Wochen und Monate zu genießen. Sport war seine Passion. In Ruhe schmerzte der Oberschenkel, die Beschwerden verschwanden jedoch, wenn er joggen ging. "Ich bin dann den ganzen Tag nur noch gelaufen und Rad gefahren", erzählt er. Und er stellte die Ernährung um. "Ein Tumor wächst schneller als seine Umgebung und hat einen hohen Energieumsatz", sagt er, "zum Wachsen braucht er Eiweiß". Glaser begann, Rohkost zu essen und seinem Körper Eiweiße vorzuenthalten. Sein Plan war, den Tumor auszuhungern. Neun Monate später war das Geschwür nicht mehr nachzuweisen. Mit der Ernährungsumstellung und dem Sporttreiben habe das aber nichts zu tun, versicherte ihm der behandelnde Professor, derart wundersame Heilungen gebe es immer mal wieder. Was der Professor da von sich gab, war Glaser egal, für ihn zählte das Ergebnis: Der Tumor war besiegt, er war noch am Leben und das Bein noch dran.

Er gab sich anschließend hemmungslos dem Ausdauerdreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen hin. An intensiven Trainingstagen aß er sieben Kilogramm Obst, "trinken brauchst du dann nichts mehr, denn das sind ja sechs Liter Flüssigkeit". Wenn vor einem harten Triathlonrennen das Gros der Athleten regenerierte und die Kohlenhydrat-Depots in Fressorgien auffüllte, schwamm, radelte und lief Glaser noch wie ein Wilder. Mitgemacht hat er den "Regenerationszirkus", wie er es nennt, nie. 1992 startete er beim Langstreckenrennen in Roth. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag vor dem Rennen spulte er auf dem Rad jeweils noch 200 Kilometer ab. "Ich brauche das, für die Spannung in der Muskulatur", hat er einmal gesagt. In 8:43 Stunden schaffte er die klassische Ironman-Distanz – 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen – eine Zeit, die sich auch international sehen lassen kann. In den fünf Wochen nach Roth hat Glaser drei Kurz- und zwei Mitteldistanz-Rennen absolviert sowie eine weitere Triathlon-Langstrecke. Ein Pensum für eine ganze Saison. Eigentlich.

Lange Strecken mit bergigem Radkurs mochte er besonders, ebenso Hitze beim Laufen. Der Triathlon in Nizza war sein Rennen. Achtmal hat er dort mitgemacht, stets war er in dem internationalen Feld unter den Besten zu finden. In Embrun, dem Langstrecken-Rennen in den französischen Alpen, wurde er 1992 Achter. Ein Jahr später fand dort die Europameisterschaft statt, der deutsche Verband nominierte keine Athleten. Der Franzose Philippe Lie gewann den Titel. Der war ein Jahr zuvor auf dem gleichen Kurs nur anderthalb Minuten schneller gewesen als Glaser. Er hätte eine Chance gehabt, zweifellos, aber sie wurde ihm nicht gewährt.

"Wer rechnen kann, kann oft nicht schrauben. Und wer schrauben kann, kann oft nicht rechnen."

Er steht in seinem Radladen, den er vor dreieinhalb Jahren in Sulzburg in einer ehemaligen Schreinerei eingerichtet hat. Er steht da in Sandalen ohne Socken. "In der Werkstatt würden die Füße schwarz werden, wenn ich keine Schuhe anhätte." Laufkundschaft gibt es hier nicht. "Wenn ich mich qualitativ heraushebe, kommen die Leute auch nach Sulzburg", sagt Glaser. Er will sich herausheben, er will auch als Zweiradmechaniker anders sein. Er will mit guter Arbeit überzeugen. Vor Jahren hat er sich eines Randthemas angenommen: dem Laufrad. Er wusste aus seiner aktiven Zeit, dass viele Laufräder nicht lange halten. Dass Speichen knallen und Felgen sich verziehen. "Wer rechnen kann, kann oft nicht schrauben. Und wer schrauben kann, kann oft nicht rechnen", sagt Glaser. Er kann beides. Er hat schon als Jugendlicher in Hüfingen in einem Zweiradladen gejobbt, später arbeitete er in einem Fahrradgeschäft in Freiburg. Er hat ein Händchen für die Schrauberei – und er hat Mathe bis zum Vordiplom studiert. "Ich kann mir viel herleiten, aber wenig merken", sagt er. Das Studium hat er hingeschmissen, weil es zu theoretisch war. Weil es ohne Auswendiglernen nicht ging. Er kramt mehrere Ordner hervor, die Blätter sind voller Gleichungen und Formeln. Er hat berechnet, wie die Kräfte in einem Laufrad wirken. Und wie sie sich gleichmäßiger verteilen lassen, damit Speichen, Felge und Nabe halten. Mittlerweile gilt Harald Glaser als der Laufrad-Papst in der Radsportszene, etliche der besten Mountainbiker und Straßenfahrer sind auf seinen Laufrädern unterwegs. Vor Jahren schickte die Weltfirma Shimano einen Praktikanten zu Harald Glaser, damit er sich über Laufräder informiert. Auch viele andere haben bei ihm schon Laufrad-Wissen abgezapft, aber so wie er kriegt sie immer noch niemand hin.

Auf einem Regal liegt eine Batterie von Zauberwürfeln. Man muss den bunten Würfel, der auch Rubik’s Cube genannt wird, so ordnen, dass die Seitenflächen am Ende wieder einfarbig sind. Ein kniffliges Drehpuzzle. Anfänger brauchen Stunden oder Tage. "Mein Rekord liegt bei 21 Sekunden", sagt Glaser und schaut in staunende Augen. "Ich habe irgendwann mal drei Wochen herumgerechnet, dann hatte ich die Logik dahinter verstanden", erzählt er und dreht ein bisschen an einem der Würfel, so als könne er ihn jederzeit und überall besiegen.

Auf dem Weg zur Tür reden wir über Gesundheit und die kleinen Wehwehchen, die uns im Alltag plagen. "Wenn dir das linke Knie weh tut, dann konzentriere dich auf das rechte. Das bewegt sich noch richtig", sagt Harald Glaser beim Abschied. Irgendwie lief es sich den Rest des Tages viel leichter.

Autor: Jürgen Ruoff