Die grauen Drahtesel sind nicht überall der Renner

Aude Gambet

Von Aude Gambet

Di, 22. Juli 2008

Straßburg

In Paris ist das Mietrad-Modell ein Erfolg, im Elsass kommt es aber nur schwer in die Gänge.

STRASSBURG. Während Paris den Erfolg seiner beliebten Mietfahrräder feiert, fasst das Leihsystem in Mulhouse schwer Tritt. Es soll den Anteil der Radler im Stadtverkehr erhöhen. In Straßburg wird diskutiert, ob man so einen Service überhaupt braucht. In Freiburg wird diese Frage klar mit Nein beantwortet – anders als in Stuttgart, das auf den Miet-Drahtesel mit Hilfsmotor gekommen ist.

In Paris haben es die schweren, grauen Mieträder namens "Vélib" binnen eines Jahres geschafft, dass Radeln in der Hauptstadt plötzlich "chic" ist. Da tut sich Mulhouse deutlich schwerer. Vergangenen September hat die Stadt 200 Räder für ihr Projekt "Vélocité" (Fahrradstadt) angeschafft, doch in der kalten Jahreszeit wurden sie kaum benutzt. "Wir hätten später starten sollen", sagt Denis Rambaud, im Rathaus zuständig für Mobilität. Zudem waren die 20 Stationen, an denen man ein Rad für eine halbe Stunde leihen und wieder abgeben kann, alle im Zentrum konzentriert. Seit die Stadt vor einem Monat die Zahl der Stationen und Räder aufstockte, habe der Verkauf der 15 Euro teuren Jahresabos um 45 Prozent zugelegt – auf 300. In Mulhouse, das als Frankreichs Autohauptstadt gilt und dessen Politiker erst vor zehn Jahren das Rad entdeckten, radelten Rambaud zufolge lange nur die, die sich kein Auto leisten können. Beim Mentalitätswandel soll auch die neue Straßenbahn geholfen haben.

In Straßburg ist Radfahren schon seit fast 30 Jahren ein Thema. Die Stadt, die mit ihren 130 000 privaten Rädern und 500 Kilometern Radwegen geradezu prahlt, lag im Wettbewerb um die fahrradfreundlichste Stadt vorn, nun setzt Paris zum Überholen an. Straßburgs Oberbürgermeister Roland Ries hat vor seiner Wahl versprochen, ein SB-Ausleihsystem einzuführen. 71 Prozent der Einwohner sind dafür, ergab eine Umfrage. Doch die Stadtverwaltung lehnt das System von Paris und Mulhouse ab. Beide Städte überlassen der Firma, die die Räder verleiht, Werbefläche in der Stadt. Dieser Deal ist Straßburg zu teuer: Es würde 3000 Euro pro Jahr und Rad kosten, hat die Stadtverwaltung berechnet. Das System der Deutschen Bahn, bei dem man in großen Städten per Handy ein Rad mieten kann, wurde als anarchisch bezeichnet. Die Frage ist, ob die Stadt so etwas tatsächlich braucht. Trotz des Vélib-Erfolgs bleibt in Paris der Anteil der Räder am Verkehr unter drei Prozent; in Mulhouse sind es sieben, in Straßburgs Innenstadt waren es schon in den 90er Jahren 27 Prozent. In Freiburg liegt der Anteil knapp darüber. Auch gebe es genug Möglichkeiten, Räder zu mieten, heißt es im Rathaus. Um den Anteil zu halten oder auszubauen, setzt die Stadt darauf, die Radinfrastruktur und die Verkehrssicherheit zu verbessern.

Das vom Feinstaub geplagte Stuttgart will den Radanteil am Stadtverkehr von sieben auf 20 Prozent erhöhen. Deshalb wird im Herbst ein großer Feldversuch mit "Pedelecs" gestartet – Fahrrädern mit Motor. Dieser soll selbst Radmuffeln in der hügeligen Stadt in den Sattel helfen.