Rückmeldefahrten für Senioren

Sicherer durch Feedback?

Claudius Lüder

Von Claudius Lüder (dpa)

Sa, 06. Oktober 2018 um 08:40 Uhr

Auto & Mobilität

Wie fit sind Senioren hinterm Steuer? Immer wieder gibt es Diskussionen über medizinische Fahreignungstests im Alter. Experten plädieren stattdessen für sogenannte Rückmeldefahrten.

Sehkraft und Reaktionsfähigkeit lassen nach, der Schulterblick fällt zunehmend schwerer. Doch der altersbedingte Rückgang verschiedener Fähigkeiten heißt noch lange nicht, dass Autofahrer nicht auch im hohen Alter noch fahrtüchtig wären. Aber was können sie tun?

Weil es immer wieder auch sehr schwere Unfälle mit älteren Verkehrsteilnehmern gibt und diese Altersgruppe im Straßenverkehr noch stark zunehmen wird, sieht Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer Handlungsbedarf: "Schon heute verursachen Senioren drei Viertel aller Unfälle, an denen sie beteiligt sind." Dieser Anteil sei damit höher als bei der Hochrisikogruppe der 18- bis 21-Jährigen.

Die absoluten Unfallzahlen sind allerdings noch nicht auffällig. Das liegt Brockmann zufolge auch daran, dass in der aktuellen Generation der Senioren die Zahl der Führerscheininhaber eher gering ist, da gerade viele ältere Frauen nicht Auto fahren. Brockmann plädiert für Rückmeldefahrten. Darunter werden begleitete Fahrten mit einer Dauer von 45 bis 60 Minuten verstanden, in denen Senioren zum Beispiel mit einem Verkehrspsychologen im ganz normalen Straßenverkehr unterwegs sind.

"Das Ziel ist es, der Altersgruppe ab 75 eine Rückmeldung zu geben, wie fit sie für den Straßenverkehr ist und was sie möglicherweise auch noch besser machen kann", sagt Brockmann. Denn unbestritten sei, dass ältere Autofahrer vor allem bei komplexen Verkehrssituationen Probleme hätten. Daher würden im Alter die Kreuzungsunfälle zunehmen, wohingegen die Überhol- und Geschwindigkeitsunfälle abnähmen.

Keine Alternative sind nach Meinung von Experten rein medizinische Untersuchungen, wie sie in einigen europäischen Nachbarländern vorgenommen werden. "Es bringt praktisch nichts, einfach nur einen Sehtest zu machen und/oder andere körperliche Funktionen in einem Schnelltest zu checken", sagt Professor Matthias Graw von der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin. Dies habe auch das Beispiel Schweiz gezeigt, wo ältere Autofahrer alle zwei Jahre eine Untersuchung bei einem Hausarzt machen lassen müssen. Auf die Unfallzahlen habe sich dies bislang jedoch nicht positiv ausgewirkt.

Eine Rückmeldefahrt unter realistischen Bedingungen sei die beste Methode, die Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr tatsächlich zu überprüfen, sagt Graw. Er rechnet damit, dass in den kommenden Jahren bis zu 300 000 Autofahrer mehr im Alter um 75 Jahre in Deutschland unterwegs sind. Wie allerdings solche Rückmeldefahrten durchgeführt werden und ob es hierzu eine Verpflichtung geben soll, darüber gehen die Meinungen dann doch auseinander. Brockmann sieht Verkehrspsychologen, Fahrlehrer oder Fahrprüfer als den grundsätzlich geeigneten Personenkreis für diese begleiteten Fahrten an.

Durch die Fahrten werde auch das Anspracheproblem in vielen Familien angegangen, wenn die jüngere Generation sich nicht traut, die Eltern auf das heikle Thema Fahreignung anzusprechen. Das Ergebnis einer Fahrt bleibe unter vier Augen. Der Senior wisse dann aber, wo er steht und könne eigenverantwortlich seine Schlüsse daraus ziehen.

Freiwillig oder verpflichtend?

Brockmann plädiert dafür, die Rückmeldefahrten zunächst auf freiwilliger Basis einzuführen. "Wenn weniger als die Hälfte eines Jahrgangs teilnimmt, müssen wir aber auch über eine Verpflichtung nachdenken", so der Unfallforscher. Das Thema Freiwilligkeit sieht Thomas Wagner von der Expertenorganisation Dekra anders: "Unsere Erfahrung mit Mobilitätschecks zeigt, dass sich kaum jemand freiwillig meldet", sagt der Verkehrspsychologe. "Bei freiwilligen Untersuchungen wie auch bei wissenschaftlichen Erhebungen melden sich vor allem die Interessierten und Leistungsfähigen."

Wagner plädiert auch für eine zweistufige Rückmeldefahrt ohne rechtliche Konsequenzen für den Fahrer. Im ersten Schritt gebe der Experte eine Rückmeldung nur an den Senior. "Stellt er jedoch Defizite wie zum Beispiel Aufmerksamkeits- oder Reaktionsleistungsschwächen fest, müssten diese in einer zweiten Überprüfung, zum Beispiel durch einen Verkehrspsychologen oder Verkehrsmediziner, weiterführend abgeklärt werden."

Beachtet werden müsse im Zusammenhang mit den Rückmeldefahrten, dass es hier vor allem um die Überprüfung kognitiver Fähigkeiten gehe, so Wagner, und nicht um Verkehrsregeln wie in einer Fahrstunde. "Es muss also beurteilt werden, wie der Verkehrsteilnehmer Signale aus der Umwelt wahrnimmt und weiterverarbeitet." Studien belegten auch, dass ältere Kraftfahrer ihre Fähigkeiten systematisch überschätzten.

Detaillierte Auswertungen von Mobilitäts- und Unfallerhebungen hätten aber gezeigt, dass Senioren einige altersbedingte Defizite durch Fahrerfahrung und einen defensiven Fahrstil kompensieren könnten. So ließen Senioren einen größeren Sicherheitsabstand und mieden die Hauptverkehrszeiten eher.