Raunächte

Räucherrituale begleiten den Übergang vom alten Jahr ins neue

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Mi, 26. Dezember 2018 um 11:19 Uhr

Bildung & Wissen

Der Sonntag Die Raunächte zwischen Weihnachten und Dreikönig sind eine Zeit für Rückschau, Reinigung und Rituale. Dazu gehört für die Freiburger Heilpraktikerin Anna Koppold auch das Räuchern.

Holunder und Beifuß, Salbei und Fichtenharz finden sich in Koppolds gut gefülltem Räucherkasten, in dem sie die getrockneten Blütenspitzen, Blätter und Harze aufbewahrt. Auch der Wacholder darf nicht fehlen. Das Mariengras, das Koppold zu einem Zopf geflochten hat, riecht süß mit einer zimtigen Note. Sofort stellt sich ein Wohlgefühl ein.

Räuchern fürs Wohlfühlen und Reinigen

"Der Geruchssinn ist eng mit dem limbischen System verbunden", sagt Koppold und erklärt damit, wieso das Räuchern, bei dem die in den Pflanzen enthaltenen Duftstoffe freigesetzt werden, besonders dazu geeignet ist, Emotionen freizusetzen. "Das funktioniert auch mit Omas Plätzchen, da stellen sich sofort Erinnerungen ein und ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme", sagt Koppold. Das erklärt auch den Erfolg der Aromatherapie, einer Verwandten des Räucherns, wenn man so will, die mittlerweile auch in der Schulmedizin Anerkennung erfährt. Koppold, die Kunstgeschichte studierte, bevor sie zur Heilkunde wechselte, hat sich auch mit dem Räuchern als Kulturgut auseinandergesetzt.

Vor allem in ländlichen Regionen wie dem Schwarzwald, so erzählt sie, habe sich der Brauch, Haus und Stall mit Räucherungen zu reinigen, lange gehalten. Auch die Kirche hat ihre Räucherrituale bewahrt und schwenkt auch heute noch mit Weihrauch den Kirchenraum aus. Die keimtötende Wirkung der durch Verbrennung freigesetzten ätherischen Öle, besonders des Wacholders, ist auch von den Pestfeuern des Mittelalters bekannt. "Das Wissen ist noch da, aber etwas vergraben", sagt Koppold, die auch Vorträge und Seminare zu dem Thema anbietet. In ihrer Praxis in Freiburg-Haslach setzt die Heilpraktikerin das Räuchern auch über das Jahr hinweg ein, etwa wenn es in einer Therapie um das Thema Loslassen geht. "Da kann das Wohlgefühl, das durch angenehme Düfte entsteht, entspannend und somit unterstützend wirken."

Tage für die Rückschau und fürs Loslassen

In den Raunächten – je nachdem, wie sie gezählt werden, sind es zwölf oder 13 – ist das Loslassen aber nur ein Element. Koppold empfiehlt, die ersten sechs Nächte zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und Neujahr der Rückschau auf das alte Jahr zu widmen. Was ist geglückt? Was war nicht so toll? Salbei und Fichtenharz sollen dabei helfen, den Prozess zu begleiten. Reinigen, Loslassen und Segnen stehen im Mittelpunkt dieser Innenschau. Ist das neue Jahr angebrochen, geht der Blick nach vorne. Jetzt ist es Zeit, die "Orakelpflanzen" über der Räucherkohle oder dem Stövchen zu verbrennen. Hierzu zählen etwa der Engelwurz, der Beifuß und die Schafgarbe; aber auch Lavendel und Wacholder kommen zum Einsatz, wenn es darum geht, Wünsche zu formulieren. "Das Räuchern gibt dem Ganzen einen rituellen Rahmen", sagt Koppold. Und gibt noch einen Tipp. Wer dem Mystischen, das den Raunächten anhaftet, Raum geben will, sollte in der Dämmerung räuchern, in der Zeit, wenn Licht und Dunkelheit sich begegnen.