BZ-Serie

Tanja Hollander besucht alle ihre Facebook-Freunde

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mo, 28. April 2014 um 08:46 Uhr

Computer & Medien

Tanja Hollander hat Hunderte von Freunden. Auf Facebook. Sind das wirklich Freunde? Die Fotografin wollte es herausfinden – und machte sich auf die Reise. Jetzt kommt sie nach Freiburg.

Tanja Hollander hatte Hunderte von Freunden. Auf Facebook. Viele Menschen haben Freunde auf Facebook. Manche weniger, manche mehr. Hollander hatte so viele, dass sie sich fast zwei Jahre lang jeden Tag mit jemand anderem hätte treffen können. Trotzdem saß sie Silvester 2010 allein vor ihrem heimischen Computer in Maine, USA. Gut, sie chattete mit einer Freundin in Jakarta und kontaktete einen Freund in Afghanistan, aber war sie deswegen schon in Gesellschaft? Sie kam ins Grübeln. Wie ist das überhaupt mit all diesen Menschen, die einem auf Facebook nahestehen? Sind das wirklich Freunde?

Manche Menschen hätten nun lange und gründlich über diese Frage nachgedacht, vielleicht sogar Psychologen, Medientheoretikerinnen, Theologen oder sonstige Expertinnen befragt. Tanja Hollander hatte eine andere Idee. Warum nicht einfach mal hinfahren und schauen, was los ist? Also fasste sie sich als guten Vorsatz fürs neue Jahr, genau das zu tun. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie exakt 626 Freunde auf Facebook. Der Plan war, die alle zu besuchen und, da Hollander Fotografin ist – damals noch nebenberuflich – ein Porträtfoto von ihnen zu machen. Also fügte sie alle ihre Facebook-Freunde fein säuberlich nach Wohnort in eine Excel-Tabelle ein, kündigte ihren Besuchswunsch an und begann, einen nach dem anderen abzuklappern. Ihr Antrieb dazu war immer die gleiche Frage, die dem Projekt auch seinen Titel gab: "Are You Really My Friend? (Bist du wirklich mein Freund?)".

Roadmovie der Grenzüberschreitung

Inzwischen, gut drei Jahre später, hat Hollander rund die Hälfte ihrer Facebook-Freunde besucht. Ihre damaligen, muss man einschränkend hinzufügen, denn die aktuellen Zahlen schossen mit wachsender Bekanntheit ihres Projekts deutlich in die Höhe. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Facebook-Seite des Projekts einem endlosen Roadmovie gleicht und zwar einem Roadmovie der Grenzüberschreitung. Hollander unterstellt einfach mal, dass, wer ihr seine Facebook-Freundschaft anbietet, damit auch sagt: Klar, komm vorbei, schlaf bei mir, mach ein Foto von mir und meinem Wohnzimmer und zeig es allen unseren andern Freunden.

Interessanterweise hat aber genau das bisher 360 Mal funktioniert. So viele Freunde hat Hollander bisher besucht und porträtiert. Seit Sommer vorigen Jahres sammelt sie zusätzlich kleine Klebezettel, auf denen Menschen handschriftlich notieren, was ein richtiger Freund ist: Er "weiß, was du sagen willst, bevor du es aussprichst", "löscht, wenn du stirbst, sofort deine Festplatte" und "ist wie ein BH, immer eine Stütze!"

Zeit kaufen

Und was hat Hollander über Freundschaft gelernt? Zunächst dass, da sie an der Ostküste der USA auf dem Land aufgewachsen ist, die meisten Freunde weiß sind. Dass Menschen, die sie kaum kennt, ihr ihre Wohnungsschlüssel überlassen, sie zum Rodeo mitnehmen, sie durchs Weiße Haus führen oder ihr unvermutete historische Fotoarchive zeigen. Außerdem hat sie gelernt, zu allem Ja zu sagen, egal, ob die Frage lautet, willst du einen Kaffee, mit in die Bar oder auf die Beerdigung einer Nichte.

Das scheint auf den ersten Blick eine schöne Botschaft zu sein: Trau einer wie auch immer zustande gekommenen Freundschaft etwas zu, stelle sie in der Praxis auf die Probe und die meisten werden sagen: Schön, dass du da bist, komm rein. Das ist doch grundsätzlich mal eine sympathisch offene Weltsicht mit durchaus subversiver Sprengkraft für alle, die sich gern in den Stricken unserer vermeintlichen Neidgesellschaft verheddern.

Anderseits ist alles auch wieder irgendwie komplexer. Was für eine Art Freundschaft entsteht zum Beispiel, wenn man sich für 5 000 Dollar plus Spesen in die Freundesporträtreihe einkauft, wie Hollander es auf ihrer Fundraising-Seite anbietet? Natürlich ist es schön, wenn ein Mensch von Freundschaft leben kann und seinen Freunden für fünf Dollar im Monat regelmäßig über sein und ihr Leben berichtet. Was kann man Besseres für eine Freundin tun, als ihr mehr Zeit zu kaufen? Schließlich kann Hollander "mit Ihrer Unterstützung mehr Zeit damit verbringen, Kunst zu machen, statt mich um die Finanzierung zu kümmern". Und im Gegenzug erzählt sie uns, was unser "Wissen über die Natur von Freundschaft, und wie sie sich zwischen on- und offline verändert, beflügelt". Für uns Freiburger Freunde hat sie sogar ein Geschenk: Das Treffen mit ihr am kommenden Dienstag ist gratis.
"Are You Really My Friend?" Vortrag von Tanja Hollander in englischer Sprache und Eröffnung der Fotoausstellung: Dienstag, 29. April, 18.30 Uhr, im Carl-Schurz-Haus, Eisenbahnstr. 62, Freiburg. Ausstellung bis 30. Mai. Montag bis Freitag 10–18 Uhr.

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