Die Folgen der großen Politik

Katharina Dockhorn

Von Katharina Dockhorn (KNA)

Mi, 08. August 2018

Computer & Medien

"Für meine Tochter": Stephan Lacant hat das TV-Drama um die verzweifelte Suche eines Vaters mit Dietmar Bär in der Hauptrolle verfilmt.

Apotheker Benno Winkler (Dietmar Bär) lebt seit dem plötzlichen Tod seiner Frau wie in Trance. Er versinkt in einem Meer voll Traurigkeit und kann sich nicht von ihren Sachen im Kleiderschrank trennen. Auch nicht, als seine Angestellte die Jacken und Kleider einem Flüchtlingsheim spenden will. Stattdessen gibt Winkler Geld für die Versorgung der Menschen, die ihr Hab und Gut in ihrer Heimat zurücklassen mussten.

Wenige Tage später wird er selbst direkt mit dem Schrecken des Krieges konfrontiert. Der Pass seiner Tochter Emma (Anna Herrmann) wurde bei einer toten Frau an der türkisch-syrischen Grenze gefunden. Diese Nachricht steht am Beginn von Stephan Lacants herausragendem Fernsehfilm "Für meine Tochter", der nach dem Buch von Michael Helfrich und Sarah Schnier entstand. Das ZDF strahlt ihn am Mittwochabend aus.

Von Emma fehlt jede Spur, die deutschen Behörden zucken mit den Schultern. Daher macht sich Winkler selbst auf die Suche und reist ins türkisch-syrische Grenzgebiet. Die Studentin war trotz aller Warnungen ins Kriegsgebiet gereist, um die Familie eines Freundes nach Deutschland zu holen. Er war 2015 alleine nach Deutschland gekommen. Seine Hoffnung, Frau und Kinder nachzuholen, zerschlug sich durch die Entscheidung der Bundesregierung, diese Regelung für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz für zwei Jahre auszusetzen.

Emma wollte angesichts der täglichen Bombardements nicht abwarten, ob die Angehörigen ihres Freundes zu den wenigen Glücklichen gehören, die nach Deutschland dürfen. Die Verbindung zu Emma ist seit einigen Tagen abgebrochen. In einem Flüchtlingslager sucht Benno Winkler vergeblich. Er ergreift den letzten Strohhalm und geht auf das Angebot eines Unbekannten ein, ihn in die syrische Stadt zu bringen, wo sich Emmas Spur verliert. Winkler wird von dem vermeintlichen Helfer ausgeraubt und in der Wüste seinem Schicksal überlassen. Er irrt ohne Wasser und bei glühender Hitze durch die Einöde, wird vom IS aufgelesen und entgeht nur durch einen glücklichen Zufall dem Wüten der islamistischen Terroristen. Seine Odyssee endet an der gut gesicherten Grenze zur Türkei. Zaun und Schießbefehle erinnern an die einstige innerdeutsche Grenze. Winkler ist nun selbst ein hungriger, äußerlich abgerissener Flüchtling ohne Pass und Geld, um den sich niemand kümmert. Er ist am Boden zerstört, als er im Flüchtlingslager Emmas Freund Max (Merlin Rose) trifft, der sie nach Syrien begleitete. Der junge Mann ist traumatisiert von einem Angriff des IS auf die Stadt und den Erschießungen der Bewohner. Max hält Emma für tot, aber Winkler ist überzeugt, dass seine Tochter lebt.

Dramaturgisch orientiert sich der Film an großen Vorbildern wie "Vermisst" von Costa Gavras. Wie einst Jack Lemmon auf der Suche nach seinem von der Junta verschleppten Sohn in Chile ist Winkler ein Normalbürger, der wegen des Engagements seines Kindes mit den Folgen der großen Politik für den Einzelnen und dessen gesellschaftliches Engagement konfrontiert wird. Er ist alles andere als ein Held, der selbst zur Waffe greifen würde. Er zahlt seine Steuern, um den Rest soll sich der Staat kümmern.

Selten hat es ein Spielfilm geschafft, die Schrecken des syrischen Bürgerkrieges für die Bevölkerung und die Gefahren der Flucht so hautnah begreiflich zu machen. Der großartige Dietmar Bär durchlebt als "einer von uns" die Schrecken der Angriffe und die psychische Belastung der täglichen Bedrohung sowie die Gefahren der Flucht durch unwirtliche Landstriche. Er wird Opfer von Menschen, die ihr Geschäft mit dem Krieg machen wollen. Und er erfährt selbst Solidarität von Menschen, die kaum etwas besitzen.

Emma steht für die vielen Helfer, die einst an der Balkanroute die Menschen betreuten oder ehrenamtlich in der Seenotrettung arbeiten. Der Versuch, Menschen aus dem Kriegsgebiet zu holen, ist indes fahrlässig und gefährlich. Das macht der sehenswerte Film unmissverständlich klar.

"Für meine Tochter" (Regie: Stephan Lacant) ZDF, Mi, 8. August, 20.15 Uhr.