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30. Juli 2010

Die Welt ist eine Google

"Wollen die bloß spielen oder sitzen wir schon in der Falle?": Eine Freiburger Podiumsdiskussion über den Internetkonzern Google.

"Die Welt ist ein Netz, das Netz ist Google, also ist die Erde eine Google": Der Dreisatz, den Moderator Volkhart Schönberg vom veranstaltenden Freiburger Software-Forum SPIQ aufmachte, ist mehr als nur ein Wortspiel. Binnen zwölf Jahren hat sich der Internetkonzern Google von einer kleinen, smarten Suchmaschine zu einem globalen "Triple Player" und zur teuersten Marke der Welt gemausert.

Selbst wenn Google nicht, wie Paranoiker glauben, ein Scientology-Mastermind ist, der nach totaler Kontrolle und Weltherrschaft strebt: Es ist schon eine unheimliche Datenkrake, die mit ihren Tentakeln alles und alle erfasst und durchleuchtet, die so gewonnenen Konsum- und Psycho-Profile für kontextsensitive Werbung und immer neue Geschäftszweige ausbeutet oder auch an Dritte verrät und verkauft.

Googles Stellung auf dem Informationsmarkt grenzt an ein Monopol: 90 Prozent aller Suchanfragen in Deutschland werden "gegoogelt", ein Wort, das sogar schon Eingang in den Duden gefunden hat. Dabei wird das Unternehmen, das durch Mund-zu-Mund-Propaganda und "virales Marketing" groß geworden ist und noch heute mit relativ wenig Werbung, Lobbyarbeit und einer geradezu nordkoreanischen Öffentlichkeitsarbeit auskommt, oft nicht einmal als solches wahrgenommen. Viele Nutzer, so berichteten Diskussionsteilnehmer, halten Google nicht für eine Firma, die Gewinn (immerhin zehn Milliarden Dollar im laufenden Jahr) machen will, sondern für einen gemeinnützigen Teil des Netzes; schließlich heißt das Firmenmotto ja "Don’t be evil", Tu nichts Böses.

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Google gilt offenbar weithin immer noch als Club netter, schlauer, bescheidener IT-Freaks und Nerds, die selbstlos und gratis beste Software verteilen, Weltkulturgüter scannen, China, Microsoft und der Zensur die Stirn bieten und überhaupt immer nur das Beste wollen. In den letzten Jahren bekam das strahlende Image zwar durch Datensammelwut, Monopol- und Manipulationsverdacht zwar Kratzer ab, doch verglichen mit Monstern wie Microsoft oder nun Facebook gilt Google immer noch als netter großer Bruder.

Wie wenig reflektiert selbst Insider dieses Bild transportieren, zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion im Schwarzen Kloster: Die Freiburger Informatik-Professorin Hannah Bast, die in der Zürcher Google-Zentrale zwei Jahre lang die – größtenteils geheimen – Algorithmen der Google-Suchmaschine erforschen durfte, schwärmt noch immer von den "tollen" Leuten, dem "Super"-Betriebsklima und den konkurrenzlosen Produkten. Google sei vielleicht etwas zu schnell gewachsen, habe sich aber die Visionen und Ideale der Gründer bewahrt. Wer ein Problem mit dem Datenschutz hat, soll sich, so Bast an die eigene Nase fassen: Das Internet vergisst nichts, und das vergäßen eben manche in ihrer Naivität oder Inkompetenz.

Auch André Martens, Landesgeschäftsführer der "Piratenpartei", sah keinen größeren Handlungsbedarf: Der Markt wird’s richten; das Internet dulde keine Monopole. "Das Bessere ist der Feind des Guten", und wie schnell ein Internet-Hype wieder vergeht, sehe man ja an Netscape, Altavista und anderen gescheiterten Google-Konkurrenten. Martens, hin und her gerissen zwischen fasziniertem Software-Ingenieur, marktliberaler Zuversicht und Panikmache, empfahl daher ein "Paranoid-Pack" zum Verwischen der Surf-Spuren, dessen technische Details aber nur etwas für Profis waren.

So blieb es den anderen Gästen vorbehalten, vor den Gefahren von Googles Neugier und Marktmacht zu warnen. "Die Daten sind da, die Strukturen sind da," gab etwa die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae zu bedenken "und irgendwann sind die netten Jungs weg". Andreae wäre ohne Google zwar "völlig aufgeschmissen", will den Konzern aber dennoch (oder eben darum) durch mehr Datenschutz und Medienkompetenz an die Kette gelegt wissen.

Und Lars Reppesgaard, Autor des Buches "Das Google-Imperium", wies darauf hin, dass auch das führende deutsche Datenschutzrecht ein "stumpfes Schwert" sei. Google sei so groß und mächtig, dass selbst der viel beschworene "mündige User" kaum mehr Einspruchsmöglichkeiten und Alternativen habe.

Schon wahr: Vieles von dem, was Kritiker Google zurechnen und Verschwörungstheoretiker unterstellen, entspringt eher normalem, rationalem Marktverhalten oder Webfehlern des Netzes als bösen Absichten. Aber aus dem unschuldigen Spiel des Suchens und Findens ist der Ernst eines Riesengeschäfts geworden. Der sympathische David ist heute selber ein Goliath, der Hase ein Igel, der seinen Verfolgern vom Datenschutz immer eine Nasenlänge voraus ist, aber immer noch "Seid nett zueinander" flötet, wenn man ihm auf die gierigen Pfoten klopfen will.

Infos zum Verein Software Process Improvement and Quality: http://www.spiq.de Lehrstuhl von Prof. Bast an der Uni Freiburg: http://ad.informatik.uni-freiburg.de Piratenpartei Baden-Württemberg: http://www.piratenpartei-bw.de Infos über den Buchautor Lars Reppesgaard über: http://www.druckreif-redaktion.de Homepage der grünen Bundestagsabgeordeneten: http://www.kerstin-andreae.de

Autor: Martin Halter