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12. September 2009

Leitartikel: Die öffentliche Empörung

Der moderne Skandal wird gezielt in die Welt gesetzt

"Der Skandal hat Hochkonjunktur", findet der Journalist Andreas Förster. Seine Internetrecherchen haben ergeben, dass sich die Frequenz des Begriffs "Skandal" in den wichtigen deutschen Zeitungen und Zeitschriften zwischen 1996 und 2006 fast verdoppelt hat. Angesichts des sich verschärfenden Wettbewerbs um Auflage und Quote überrascht dieses Ergebnis kaum. Die Gründe dafür liegen wohl in der menschlichen Natur. "Die Wucht öffentlicher Empörung kann Menschen, die von ihr erfasst wurden, für immer gefangen nehmen – ganz gleich ob sie Täter sind, Opfer oder wie häufig beides", geben Jens Bergmann und Bernhard Pörksen in ihrem aktuellen Buch "Skandal!" zu Protokoll. Daraus lässt sich indes schnell ableiten, dass Skandale einer immer wieder anderen, neuen Qualität bedürfen, um im Mediendschungel wahrgenommen zu werden.

Ob eine solche jüngst mit der aktuellen Anti-Aids-Kampagne gewonnen wurde, die in ihren Spots "Aids ist ein Massenmörder" wechselweise Adolf Hitler, Josef Stalin und Saddam Hussein als "Liebhaber" beim Geschlechtsakt zeigt, ist fraglich. Vieles spricht eher dafür, dass die Diskussion um die mit dem jeweiligen Skandal verbundenen Tabubrüche in immer kürzeren Abständen, aber ohne nennenswerte Ergebnisse geführt wird. Denn fast immer laufen solche Debatten nach ganz gleichem Muster ab. Der Skandal wird mehr oder weniger gezielt in die Welt gesetzt. Es folgt der öffentliche Aufschrei, nicht selten inszeniert und flankiert durch mediales Trommelfeuer. Auf dem Kulminationspunkt melden sich die Anwälte des Skandalons zu Wort. Eine Debatte im Sinne gegenseitigen Austausches und Abwägens der Argumente bleibt jedoch zumeist aus. Dafür erlischt das öffentliche Interesse am Stein des Anstoßes in der Regel schon nach kurzer Zeit, spätestens mit dem nächsten Skandal. Im Zeitalter wachsender Reizüberflutung scheinen auch die Zeitraster für Empörung immer enger definiert.

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Gleichwohl legt die ins Kreuzfeuer der Kritik geratene aktuelle Werbekampagne gegen Aids Fragen nahe. Darf man den Verursachern eines Skandals, im konkreten Falle eine Hamburger Werbeagentur, dergestalt Naivität unterstellen, dass sie das Ausmaß der Reaktionen auf das von ihnen verursachte Ärgernis, hier den Massenmördervergleich Aids–Hitler, nicht abschätzen konnten? Oder handelt es sich nicht vielmehr um einen gezielten Tabubruch, dessen Konsequenzen gerade in Kenntnis der Mechanismen öffentlicher Wahrnehmung geradezu herausgefordert werden? Der Verdacht liegt jedenfalls nahe, dass Werbeprofis, um maximale Aufmerksamkeit zu erringen, den Eklat geradezu provozieren. Das französische Verb réclamer, von dem sich das antiquierte Wort Reklame ableitet, heißt nun mal "ausrufen". Und das impliziert auch das Auffallen-um-jeden-Preis. Zumal im täglichen Wettbewerb. Siehe oben.

Das heißt aber auch, dass die Inszenierung eines Skandals eher schwieriger wird. Denn das Themenfeld der Empörung ist über weite Flächen abgegrast. Der Bruch mit vielen klassischen Tabus ist in modernen westlichen Gesellschaften vollzogen. Aktuellere, neue geschaffene Tabuthemen wie Tod und Alter versprechen offenbar noch nicht ausreichend Resonanz. Dafür finden sich in den beackerten Feldern Sex und Politik doch noch Skandalnischen. Beispiel Charlotte Roche. Der Verkaufserfolg ihres Buches "Feuchtgebiete" beruht nicht zuletzt darauf, dass es ihr gelang, die Tabukombination Sex und Ekel zum Kollektiverlebnis zu machen. Auch ihre jüngste Skandalsteilvorlage beruht auf dem Versuch, gesellschaftliche Normen ebenso frech wie naiv in Frage zu stellen, wenn sie sagt: Ein gute Lüge im Fernsehen sei besser als die langweilige Wahrheit. So etwas darf nicht unerwidert bleiben, doch wie auch bei anderen Skandalen sorgt die öffentliche Empörung vor allem für eines: Sie macht Urheber und Produkt populärer.

Zum Beispiel beschäftigte das Thema Aids schon seit langem die Öffentlichkeit nicht mehr so wie gegenwärtig. Freilich – wer auf eine inhaltliche Diskussion wartet, wird lange warten. In Erinnerung bleiben die Äußerlichkeiten. Aids? War da nicht was mit Hitler? Roche? Hatte die nicht irgendwie ekligen Sex? Auch das gehört zum Wesen des Skandals: Er hat viele Profiteure – die Sache, um die es geht, gehört in der Regel nicht dazu. Aber auch das ist nicht unbedingt neu.

Autor: adi