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SWR sendet Hörspiel "Licht im August"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 22. Dezember 2017 um 22:00 Uhr

Computer & Medien

Der SWR sendet nach Weihnachten ein vierteiliges Hörspiel nach William Faulkners grandiosem Roman "Licht im August". Es ist eine ambitionierte Literaturvertonung.

Aus einer Laune heraus haben sie ihn Christmas genannt, Joe Christmas. Denn er war am Heiligabend auf die Türschwelle ihres Waisenhauses gelegt worden, ein eben geborenes Baby, von dem niemand wusste, wo es herkam. Ausgerechnet ihn, der zeit seines Lebens von religiösen Eiferern gequält werden wird und vermutlich aus diesem Grund mit Gott nichts zu tun haben will – obwohl er wie Jesus mit 33 Jahren getötet werden wird. Joe Christmas, der aussieht wie ein Weißer, in dessen Adern aber angeblich – so heißt es in Zeiten lange vor der politischen Correctness – Negerblut fließt, steht im Zentrum von William Faulkners 1932 erschienenem Roman "Licht im August".

Das scheint zunächst allerdings gar nicht so zu sein, denn der von den amerikanischen Südstaaten geprägte Autor nähert sich der Lebensgeschichte von Christmas über einen großen Umweg. Der Roman beginnt mit der Reise der hochschwangeren Lena Growe zum Vater ihres Kindes, den sie in der Kleinstadt Jefferson vermutet – er lebt dort tatsächlich, allerdings unter einem anderen Namen. Und natürlich schwingt auch bei dieser Figur die christliche Heilsgeschichte mit: Es ist lange kein Platz in der Herberge für die junge Frau, bis sich ein Arbeiter ihrer annimmt, weil er sich in sie verliebt hat.

Insofern gab es Grund genug für den SWR, die sechsstündige Hörspielfassung des Romans als Vierteiler in der Weihnachtszeit zu senden, wenngleich die Erzählzeit einige Tage im fortgeschrittenen Sommer umfasst: von der Ankunft Lena Growes in Jefferson bis zur Geburt ihres Sohnes in einer Hütte.

Der großartige Ulrich Matthes trägt als Erzähler mit einem ruhigen, unerschütterlich gleichmütigen Ton, der die Dramatik des Geschehens angenehm konterkariert, die stimmliche Hauptlast. Daneben sind mehr als ein Dutzend ausgewiesene Schauspieler involviert. Einigen von ihnen werden bis an die Grenze des Erträglichen rührende Hassausbrüche abverlangt. Es ist eine so bigotte wie gewalttätige Männerwelt, die Faulkner in diesem von Rassismus und religiösem Fundamentalismus getränkten Roman erschaffen hat. Diese Südstaatler wissen sich mit Gott im Bunde. Sie sind bis ins Mark davon überzeugt, eines strafenden, eines rächenden Gottes – nur so können sie sich die höchste metaphysische Instanz vorstellen – Werkzeug zu sein.

Im Namen dieses furchterregenden Gottes, der nicht entfernter sein könnte von der christlichen Botschaft der Liebe, werden in "Licht im August" die schlimmsten, abstoßendsten Verbrechen begangen. Ein Vater lässt seine Tochter an der Geburt eines "Bastards" sterben. Ein Ziehvater will seinen Adoptivsohn dazu zwingen, den Katechismus zu lernen – und da sich der Junge "verstockt" zeigt, ist ihm jedes Mittel der Züchtigung recht; bis der Sohn, vom Vater in einer Tanzbar öffentlich als Ausgeburt von Satan verflucht, zurückschlägt. Der religiöse Wahn hat diese Männer ergriffen – und die von Walter Adler souverän inszenierte Hörspielproduktion quält den Zuhörer mit dem hysterischen Wortgeifer, der den Gottesdienern von Jefferson in endlosem Schwall aus den Mündern tropft.

Hinzu kommt, dass die allgegenwärtige körperliche Gewalt – Schläge vor allem, Faustschläge, Schläge mit der flachen Hand, Schläge mit Lederriemen – sehr realistisch simuliert wird. Das ist kein Stück für schwache Nerven und in seiner abgrundtiefen Heil- und Hoffnungslosigkeit der härteste Kontrast zur Weihnachtsbotschaft. Die Frauen können nicht viel ausrichten gegen die Wut der Männer. Sie verharren in anhaltender Schockstarre oder versuchen erfolglos, der Welt der Männer zu entkommen. Faulkners Verhältnis zu Frauen ist – das zeigt auch "Licht in August" – ein problematisches. Liebe ist etwas, das im oft brutalen Verhältnis der Geschlechter zueinander nicht vorkommt. Liebe ist etwas, das überhaupt nicht vorkommt in diesem erbarmungslosen Kampf gegen das vermeintlich Böse. Selbst das messingfarbene Licht, das manchmal hineinfällt in diesen dunklen August, scheint davon infiziert zu sein. Aber wie zwingend diese Kälte, diese Abgründe, dieser ganze Irrsinn religiöser Verblendung evoziert werden! Es ist eine öffentlich-rechtliche Großtat, Faulkners Sprachgewalt so zum Leuchten zu bringen.

Sendetermine: 26. - 29. Dezember, SWR 2, jeweils 20.03 Uhr. Podcast bis 5. Januar.