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06. Februar 2014 10:33 Uhr

Studie

Einfluss der Konzerne auf ihre Wikipedia-Artikel nimmt zu

Laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung nehmen die Versuche von PR-Agenturen und Konzernen zu, Wikipedia in ihrem Sinne zu bearbeiten. Wikipedia will den Vorwurf nicht gelten lassen.

  1. Wie verlässlich ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia? Eine Studie der Brenner-Stiftung äußert Zweifel an der Objektivität bestimmter Einträge. Foto: dpa

Marvin Oppongs Urteil steht fest: "PR und Manipulation sind in Wikipedia allgegenwärtig." 2013 hat der freie Journalist und Blogger im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall eine über 100 Seiten starke Studie über die Einflussnahme der Konzerne auf ihre Einträge in Wikipedia erarbeitet. Die Struktur der Enzyklopädie, die jedermann Änderungen an einem Artikel ermöglicht, sei eine Einladung an die PR-Abteilungen, das Bild ihres Unternehmens zu schönen und unliebsame Passagen zu löschen. Als Beispiel führt Oppong den Eintrag zur Daimler AG an, in dem kritische Passagen zur NS-Vergangenheit des Konzerns vorübergehend entfernt wurden. Schaue man sich an, wer die Löschung veranlasst hat, führten die Spuren zum Stammsitz des Daimler-Werks – für den 31-Jährigen ein Indiz dafür, dass aus Konzernzentralen heraus Eintragungen verändert werden.

Auch andere Firmen versuchen Einfluss auf Wikipedia zu nehmen. Oppong verweist darauf, dass manche Firmen ganze Agenturen damit beauftragen, neue Eintragungen vorzunehmen und bestehende Artikel zu bearbeiten. Aufgrund der enormen Zahl an Wikipedia-Artikeln und im Schnitt mehr als 300 neuen Einträgen pro Tag zieht Oppong ein negatives Fazit: "Die Wikipedia-Community vermag des Problems nicht selbst Herr zu werden. Unternehmen, Verbände und Parteiapparate sind personell zu gut bestückt und finanziell zu gut aufgestellt, als dass die Wikipedia-Community mit ihren Freiwilligen gegen die zahlreichen Manipulationsversuche ankommen könnte."

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Auch der Sozialwissenschaftler Dirk Franke sieht die wachsende Einflussnahme der PR-Agenturen, hält die Argumente Oppongs aber für übertrieben. 2013 arbeitete Franke als Projektleiter der Wikimedia Deutschland, der Dachorganisation der deutschsprachigen Wikipedia, an dem Projekt "Grenzen der Bezahlung", das sich mit der Zunahme von Schreibern beschäftigt, die gegen Entlohnung und im Auftrag von Firmen deren Wikipedia-Seiten betreuen und sie auch verändern.

Paid Editing nennt man dieses Geschäftsmodell. Franke gibt zu, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Lohnschreiber rasant zugenommen habe. "Das heißt aber nicht, dass damit automatisch die Neutralität der Artikel darunter leiden muss", betont Franke. Die meisten Verfasser wüssten sehr wohl um die Spielregeln der Online-Enzyklopädie und auch um die Schwierigkeit, Artikel dauerhaft zu manipulieren. Denn nur registrierte Mitglieder dürfen Texte ändern, ohne ihre Editierungen vor der Freigabe sichten und freigeben zu lassen. Und gerade bei den Artikeln zu großen Konzernen fallen Veränderungen schnell auf. Auch im Fall Daimler, der Oppong als Beleg für die Angriffe aus Konzernzentralen dient, schien der Selbstreinigungsprozess des Wikipedia-Schwarms zu funktionieren. Nach einer Minute wurden Veränderungen rückgängig gemacht, die gelöschte Passage wieder eingefügt. "Die großen Konzerne wissen heutzutage genau, was sie dürfen und was nicht", sagt Franke. Prinzipiell sei es völlig in Ordnung, wenn die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen an ihrer eigenen Wikipedia-Seite mitarbeiten – solange es um reine Fakten geht. Weder dürften positive Dinge überbewertet, noch kritische marginalisiert oder gar gelöscht werden. "Wir haben eine sehr engagierte Community, die sich auch ständig gegenseitig kontrolliert. Wenn da auffällt, dass einer geschönte Artikel verfasst, wird er ermahnt oder gesperrt."

Oppong hält das aufgrund der enormen Menge an Artikeln für schlicht nicht möglich. "Lassen Sie 95 Prozent der Artikel völlig in Ordnung sein. Aber was ist mit den restlichen fünf Prozent? Für mich ist dann der Wahrheitsgehalt einfach fraglich", sagte Oppong der BZ. "Auch wenn Änderungen wieder rückgängig gemacht werden: Wenn ich in einen Artikel reinschaue, bevor die Manipulation aufgefallen ist, habe ich halt eine falsche Information gelesen."

Marvin Oppongs Studie als Download unter http://mehr.bz/oppong

Autor: Michael Saurer