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03. Mai 2010
Selbstversuch Floating: Abtauchen in eine andere Sphäre
Floating verspricht Entspannung für Körper und Geist: Ein Selbstversuch im abgedunkelten, schallisolierten, mit Salzwasser gefüllten Floating-Tank.
Eine Stunde lang schwerelos
im Salzwasser liegen und nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – klingt verlockend. Floating heißt diese Entspannungsmethode, und in deutschen Großstädten sprießen Einrichtungen mit Floating-Tanks beinahe schon wie Pilze aus dem Boden. Mulmig wird mir aber, als ich den Floating-Tank, in dem man dann also schwebt, auf Fotos sehe: Der Tank sieht zwar wie ein überdimensioniertes Ei aus, wirkt auf den
Fotos aber doch beengend. Selbst ohne klaustrophobische Neigungen
kann ich mir vorstellen, dass mir darin Angst werden kann.
Im Prana Freiburg, der Praxis für
Selbstheilung, gibt es den einzigen Floating-Tank der Region. Mit Selbstheilung habe ich nicht viel am Hut. Mir geht es mehr um die Entspannung meiner Nackenmuskulatur, die vom täglichen Sitzen am Computer geplagt ist. Auch mit Räucherstäbchen habe ich nicht viel am Hut. Doch deren Duft empfängt mich beim Betreten der Praxis
im Victoria-Hotel in Freiburg. Skepsis: Selbstheilung, Räucherstäbchen – ob ich hier richtig bin?
Sven Kühnöl, Heilpraktiker, Indien-Fan und Inhaber des Prana, erzählt von den Erfahrungen, die seine Kunden im Floating-Tank machen: "Ich hatte schon ältere Herren hier, die nach dem Floating geweint haben, weil sie sich in den Mutterleib zurückversetzt gefühlt haben." Ahaaaa? Und wie ist es, wenn man keine Bewusstseinserweiterung wünscht, sondern einfach nur die Muskeln entspannen will?
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Ich probiere es aus: ausziehen, duschen und rein in den Tank – der
in der Realität glücklicherweise doch nicht so beängstigend klein ist, wie er auf den Fotos wirkt. 2,60 Meter lang, 1,60 breit. Ich sitze im Tank, mit dem Griff zum Schließen des Deckels in der Hand rutsche ich nach vorn. Und schwupp, zieht es mir den Hintern weg, ich liege auf dem Wasser, der Deckel ist zu.
Der Salzgehalt im Wasser liegt bei knapp 30 Prozent und sorgt dafür, dass ich nicht untergehen kann
– wie im Toten Meer. Der US-amerikanische Neurologe John C. Lilly entwickelte 1954 einen mit Salzwasser gefüllten Tank, in dem absolute Reizarmut herrschen sollte: Im
Floating-Tank war es stockdunkel, Geräusche der Außenwelt drangen nicht nach innen, der Körper musste sich durch den Schwebezustand auf dem Salzwasser nicht einmal um sein eigenes Gleichgewicht kümmern. Lilly wollte herausfinden, ob das Gehirn nur noch auf Sparflamme arbeitet, wenn es keine Reize mehr von außen bekommt.
Bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Nasa fand er heraus, dass das Gehirn ganz und gar nicht in einen Dämmerzustand verfällt. Stattdessen schaffe sich das Gehirn eigene Reize: Lichtblitze, Geräusche, Tagträume. Diejenigen, die Floating
ausprobiert haben, berichten von einem Gefühl als würde der Körper
fliegen. Lilly selbst spricht vom Floatingerlebnis als schwarzem Loch des psychischen und körperlichen Raums.
Vor dem Einstieg ins Ei hatte ich Kühnöl gebeten, mich zu wecken, falls ich einschlafen sollte. Halt, nein, dann würde ich ja ertrinken! "Keine Angst: Das Bewusstsein beschützt uns 24 Stunden am Tag. Es würde Sie auf dem Wasser schwebend nicht einschlafen lassen", beruhigt mich der Heilpraktiker.
Der Deckel ist zu, und ich muss mich erst an das Schweben auf dem
Wasser gewöhnen. Ich mache das Innenlicht des Tanks aus, schalte die eingespielten Meeresgeräusche
aus, um meinen Eigenversuch so erleben wie Lilly damals. Eigentlich wollte ich mich entspannen, aber so richtig wollen meine Muskeln das noch nicht. Ich habe Hemmungen, den Kopf nach hinten
zu überstrecken, was langsam unbequem wird. Droht da eine Genickstarre? Und wie soll ich mit diesen kalten Füßen entspannen? Woher kommt eigentlich der Sauerstoff, den ich in diesem Tank zum Atmen
brauche? Fragen über Fragen!
Und plötzlich ist alles warm und schön und harmonisch. Das knapp 37 Grad warme Wasser sorgt dafür, dass ich keinen Unterschied mehr spüre zwischen Wasser, Luft und Körper. Habe ich überhaupt noch einen Körper? Ja, er atmet ruhig, das Herz pumpt Blut durch den Organismus. Das sind die einzigen Eindrücke, die ich wahrnehme. Ich sehe nicht wie andere Floating-Kunden zuckende Blitze und bunte Muster. Ich sehe nichts, aber ich fühle etwas. Ich fühle eine Wellenbewegung, die meinen Körper packt – aber ich bewege mich definitiv nicht, sonst würde ich das Plätschern des Wassers hören. Das habe ich ausprobiert! Was passiert da in meinem Gehirn? Das muss wohl das von Lilly beschriebene schwarze Loch sein.
Ich versuche das Gefühl einzuordnen: Floating ist wie autogenes Training, nur dass ich meinen Geist dabei nicht auf irgendetwas konzentrieren muss. Floating ist wie in der Physiotherapie im Schlingentisch zu hängen, nur dass ich rein gar nichts mehr von meinem Körpergewicht spüre. Floating ist wie auf Schwimmnudeln gebettet im Thermalwasser herumtreiben, nur dass ich dabei keine anderen Schwimmbadbesucher höre.
Nach einer Weile schwinden die Gedanken. Mich durchfährt ein Zucken, das ein leichtes Plätschern im
Salzwasser auslöst. Jetzt ist die Entspannung perfekt. Nachdem sich schon das Gefühl für meinen Körper aufgelöst hat, kann sich das Bewusstsein in eine andere Sphäre verabschieden, die laut Lilly zwischen Wachsein und Schlaf angesiedelt ist. Ich schwebe dahin wie ein im Wind wehender Seidenschal.
Irgendwann öffne ich die Augen, weil ich mir einbilde, damit beurteilen zu können, wie viel Zeit schon vergangen ist. Geschätzte 20 Minuten. Tatsächlich sind es schon 45. Ein mild blinkendes Licht signalisiert mir, dass meine Zeit im Tank vorbei ist. Ich erwarte schrumpelige, trockene Haut, doch das Salzwasser hinterlässt beim Aussteigen aus dem Tank einen weichen Film auf meinem Körper.
Nach dem Duschen steckt mich Kühnöl in seinen Salzraum. 2,6 Tonnen hinterleuchtetes Himalayasalz umgeben mich. Neben mir ein Gradierwerk: Über Reisigzweige plätschert Wasser, das die Salzsteine zum Schwitzen bringt. Jeder Atemzug versorgt so meine Lungen mit mehr als 80 Mineralien und Spurenelementen. Dieser Salzraum ist meine Rettung. Wäre ich direkt aus dem Floating-Tank in den hektischen Alltag der Freiburger Eisenbahnstraße geschickt worden, wären mir all die Reize sicherlich zu viel gewesen. So habe ich bei gedämpftem Licht, beruhigendem Wasserplätschern und zartem Rosmarinduft Zeit, in die Schwerkraft und die alltägliche Realität zurückzufinden.
Autor: Manuela Müller


