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15. Februar 2010

Schönheit. Anmut. Freude

Ein bundesweit einmaliges Projekt: Die Freiburger Neurophysiologin Rumyana Kristeva organisiert Ballettstunden für Parkinsonkranke.

  1. Auf hoher See: Parkinson-Kranke tanzen im Freiburger Ballettstudio NextStep. Foto: thomas kunz

Rumyana Kristeva lässt Blumen blühen und Vögel fliegen. Wenn man ihr und den anderen zuschaut, meint man manchmal, das Unsichtbare sehen zu können. Die Blüte, die vorsichtig von Hand zu Hand weitergereicht wird. Den Luftballon auf seinem Weg zum Himmel. Das Schiff, das in schwere See gerät. Dabei sind die Menschen, die gemeinsam mit der Neurologin im Freiburger Tanzstudio NextStep den Körper mit Hilfe der Einbildungskraft in Bewegung setzen, krank. So krank, dass man ihnen die Anmut des Balletttanzes am allerwenigsten zutraute. Parkinson, eine degenerative Veränderung des Gehirns, lässt die Betroffenen die Kontrolle über ihren Körper verlieren. Sie kämpfen mit Muskelzittern, Muskelstarre, verlangsamten oder nicht steuerbaren Bewegungen. Heilbar ist die chronische Krankheit, bei der Zellen in der für die Herstellung des Botenstoffs Dopamin zuständigen Substantia nigra absterben, nicht. Man kann sie mit Medikamenten lindern und mit der so genannten Tiefenhirnstimulation, einer Art Schrittmacher fürs Gehirn, mechanisch beeinflussen. Und man kann etwas gegen den Verlust der Beweglichkeit tun: Mit Tanz, der mehr ist als gymnastische Übung zu physiotherapeutischem Zweck. Schönheit. Anmut. Und Freude.

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Rumyana Kristeva ist eine Idealistin, wie man sie unter Wissenschaftlern selten findet. Die aus Sofia stammende Bulgarin, die als Dissidentin elf Jahre auf ihre Ausreise warten musste, bevor sie 1988 nach Wien, 1990 nach Deutschland und 1996 nach Freiburg kam, wo sie als habilitierte Neuropyhsiologin mit doppeltem Doktortitel das Forschungslabor für kortikale Bewegungskontrolle an der Neurologischen Klinik der Universität Freiburg aufbaute, hat die schwere Parkinson-Erkrankung ihrer Mutter und die Belastung ihres Vaters miterlebt. Immer wird sie sich daran erinnern, wie die inzwischen gestorbenen Eltern im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit miteinander getanzt haben. Das Projekt "Tanzen für Parkinsonkranke und ihre Angehörigen", sagt sie, sei auch der Versuch, "meine Trauer in Schönheit umzuwandeln".

Den Impuls empfing sie 2008 in New York. Er muss Kristeva, die in ihrer Jugend Ballett getanzt hat, elektrisiert haben. Bei einer Konferenz der amerikanischen Society for Neuroscience lernte sie den Choreographen Mark Morris kennen. Der Direktor der renommierten Mark Morris Dance Group bietet seit 2001 wöchentliche Tanzstunden für Parkinsonkranke und ihre Angehörigen an: ein Pionierprojekt, das von der Stadt New York finanziert wird. Wichtig ist nicht nur die Förderung der Beweglichkeit, sondern auch die Atmosphäre, in der dies geschieht: Ein helles Ballettstudio mit großen Spiegeln und Live-Klaviermusik ist denkbar weit entfernt von der therapeutischen Nüchternheit, die klinische Räume in der Regel ausstrahlen. Bei Mark Morris absolvieren die Patienten ganz normale Ballettstunden für Anfänger – mit einer Aufwärmphase, dem Üben an der Stange und dem Tanzen im Raum. Und wenn auch kein unmittelbarer therapeutischer Effekt festgestellt werden konnte, hat sich doch erwiesen, dass die Lebensqualität der Betroffenen erhöht hat.

In Freiburg, wo Rumyana Kristeva vor zehn Monaten auf eigene Faust und ohne finanzielle Unterstützung der Universität im von Susanne Fucker geleiteten Ballettstudio in der Gartenstraße mit den Tanzlehrern Bernardo Fallas und Lisa Heiberger eine ähnliche Tanzstunde für Kranke und Angehörige (in der Regel die Ehepartner) ins Leben gerufen hat, lässt sich dieser Effekt sozusagen mit Händen greifen. Es herrscht, man möchte es kaum glauben, eine geradezu beschwingte Stimmung unter den rund zwanzig Teilnehmern zwischen 57 und 85 Jahren. Fast könnte man vergessen, dass sie unter einer schweren Krankheit leiden: Wer Parkinson hat und wer nicht, ist bei manchen auf den ersten Blick nicht auszumachen. Natürlich nehmen sie alle Medikamente. Natürlich ist vom Tanzen kein Wunder zu erwarten. Und doch: Man spürt beim Zuschauen, wie befreiend es gerade für diese Menschen mit ihrer eingeschränkten Mobilität sein muss, sich zu Jazz, Klassik und Pop vom Band – für einen Klavierspieler reicht das von verschienenen Pharmafirmen und von Kristeva selbst aufgebrachte Geld nicht – zu bewegen: nicht allein, sondern in Interaktion mit anderen. Tanz ist ein kollektives Ereignis, ist Kommunikation mit anderen Mitteln: Diese schlichte Wahrheit springt einen hier sehr unmittelbar an.

"Das Ziel des Tanzens

ist die Ästhetik."

Und noch etwas anderes zeigt sich in diesem lichten Raum im vierten Stock: Kunst ist niemals l’art pour l’art. Kunst meint das Leben selbst, indem sie es aus seiner Alltagsroutine heraushebt. Für die Parkinsonkranken, 20 von rund 200 000 in Deutschland, heißt das: Überwindung der sozialen Isolation, in die einen jede schwere Krankheit stürzt, und eine keinem übergeordneten Zweck dienende Bewegung im Dienst von Anmut und Grazie. Dies ist der Wissenschaftlerin wichtig, darin steckt ihr persönliches Credo: "Das Ziel des Tanzens ist die Ästhetik", sagt Kristeva. Und: "Die Tanzstunde ist ein kulturelles Ereignis." Das ist kein geringer Anspruch. Immerhin hat sie die Teilnehmer der wöchentlichen Tanzstunden mit Choreographien aus dem berühmten "Kontakthof" von Pina Bausch bekannt gemacht. Auch zu "Schwanensee" wurde improvisiert. Kristeva beharrt darauf, dass Tanz eine Ausdrucksform ist – und argumentiert zur wissenschaftlichen Fundierung mit den von ihrem Freiburger Kollegen Joachim Bauer populär gemachten Spiegelneuronen. Dieses neuronale Netzwerk ist nicht nur aktiv, wenn man handelt, sondern auch, wenn man andere beim Handeln beobachtet. Daher kann man Handlungen anderer "intuitiv" verstehen – und Empathie entwickeln. Die Spiegelneuronen stellen die neuro-biologische Basis von Kommunikation und Lernen dar – eben auch für das Lernen von Tanzschritten durch Imitation.

Und dass die Hobbytänzer, die es im Leben nicht leicht haben, in den Tanzstunden auffallend gelöst wirken und viel lachen, habe, so die Neurologin, ebenfalls eine positive Auswirkung auf deren Krankheit. Auch dieser Effekt lässt sich wissenschaftlich untermauern: Beim Lachen, so neue Forschungsergebnisse, werden die Spiegelneuronen besonders stark aktiviert.

Und wie sehen das die Betroffenen selbst? Gerd R. Ueberschär und seine Frau Ute, die seit dreizehn Jahren an Parkinson erkrankt ist, kommen regelmäßig. Ueberschär, seit Oktober Leiter der Freiburger Parkinson-Vereinigung, schätzt sich glücklich, dass die Universität Freiburg durch den Einsatz von Kristeva das Projekt angestoßen hat. Rolf M. Katzsch, der selbst früher begeisterter Tänzer war, sieht eine große Chance, dass Parkinson-Kranke ihre Beweglichkeit behalten. Und Margaretha Meyer- Hü, mit 85 die älteste Teilnehmerin, hat eine "neue Art des Tanzens" kennengelernt, die der eigenen Phantasie Raum lässt. Ihr geben die Tanzstunden das sichere Gefühl: "Du bist auch dabei, egal wie alt oder krank".

Rumyana Kristeva hat ihr für eine Naturwissenschaftlerin höchst ungewöhnliches Lebensmotto von Dostojewskij übernommen: "Die Schönheit rettet die Welt." Das Tanzen mit Parkinsonkranken ist ein kleiner Schritt dahin.

Autor: Bettina Schulte