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13. November 2017

Flucht nach vorn

Sie ist Chefin des Mauermuseums und 58 Jahre alt, jetzt wird Alexandra Hildebrandt zum siebten Mal Mutter / .

  1. Alexandra Hildebrandt Foto: Wolfram Kastl

  2. In Haushalten mit mehreren kleinen Kindern erinnert manches Plätzchen an eine Kita. Foto: dpa

Sie sagt, es sei ein Schreck gewesen. Und so ganz verdaut habe sie ihn immer noch nicht. Aber jetzt, da die Geschichte in der Welt sei und ihr Telefon kaum noch still stehe, könne sie sich eben auch nicht mehr verstecken. Und dann platzt es aus Alexandra Hildebrandt heraus: "Ich fühle mich wie im Zoo." "Chefin des Mauermuseums ist mit 58 Jahren wieder schwanger", mit dieser Schlagzeile hatte ein Boulevardblatt die Medienlawine ins Rollen gebracht. Es war ja auch nicht mehr zu übersehen. Ein Foto zeigte Hildebrandt im lachsfarbenen Kleid beim Empfang zum 55. Jahrestag des Mauermuseums. Darunter wölbte sich ein Babybauch. Erschöpft wie nach einem Marathon sah die Chefin des Mauermuseums aus, aber glücklich. Es sei ihr siebtes Kind, erklärte sie dem Reporter. Und ja, sie freue sich darauf "wie auf alle anderen."

Alle anderen? Ihre Mitarbeiter wussten da längst, dass die Mutter zweier erwachsener Kinder nach dem Tod ihres ersten Mannes Rainer 2004 noch einmal neu als Familienmutter durchgestartet war. 2013 kamen die Zwillinge Maximilian und Elisabeth, 4, zur Welt und dann kurz nacheinander Alexandra, 3, und Leopold, 1. Im Museum sind die Kinder keine Unbekannten mehr. Hildebrandt sagt, die Zwillinge habe sie in den ersten drei Jahren häufiger mitgebracht ins Büro, so lange waren sie zu Hause, abwechselnd betreut von Patentanten aus Polen oder der Ukraine.

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Die Wahrscheinlichkeit

liegt bei 1:10 000

Ihr Umfeld reagierte überrascht, einige waren auch schockiert. War sie mit 58 nicht schon aus dem gebärfähigen Alter heraus? Wer war der Vater? Andererseits aber passte der späte Nachwuchs gut in das Bild, das viele von ihr haben. Alexandra Hildebrandt ist immer für eine Überraschung gut. Unberechenbar, so würden es ihre Kritiker formulieren. Die Frau des verstorbenen Museumsgründers gilt als kompromisslos und streitbar. In der Politik erinnert man sich noch mit Schrecken an die 1065 Holzkreuze, die sie 2004 am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie installieren ließ, um den Senat daran zu erinnern, dass es in Berlin immer noch kein Mahnmal für die Mauer-Toten gibt. Eine Kreuzritterin oder eine Krawallschachtel, so haben Zeitungen sie genannt. Das Berliner Stadtmagazin Tip wählte sie auf Platz eins der Liste der peinlichsten Berliner. Ihr Privatleben interessierte damals keinen. Viele fragten sich, ob sie nach dem Tod ihres Mannes überhaupt noch eines hatte. Wo es doch regelmäßig vorkam, dass sie bis Mitternacht in ihrem Büro saß und die Alarmanlage auslöste, weil der Wachdienst sie aus Versehen eingeschlossen hatte.

Sie lächelt müde, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Man trifft sie im Café ihres Museums. Es ist das wohl beliebteste Museum in Berlin, nach dem Pergamon-Museum. 850 000 Besucher im Jahr. Ein Betrieb, der ohne staatliche Subventionen auskommt. Das sagt sie stolz.

Ihr erster Mann hat es gegründet. Es ist sein Lebenswerk. Als er 2004 starb, setzte sie es fort. Sie ist jetzt die Chefin. Eine, die das Haus mit immer neuen Ideen füllt. Aber auch eine, die an vielen Fronten kämpft, um Fördergelder und um Unterstützung in der Politik. Sie regiere mit eisernem Besen, erzählen ehemalige Mitarbeiter. Wer nicht spure, fliege heraus. Prozesse um Kündigungen füllen ganze Aktenordner.

Ihr Job ist ein Fulltime-Job, nein, eigentlich zwei. Wie, so fragen sich einige, schafft sie es da, noch einen Haufen kleiner Kinder aufzuziehen? Späte Mütter liegen zwar im Trend. Gianna Nannini hat es gewagt, Janet Jackson und die Moderatorin Caroline Beil. Doch so viele Kinder hat keine von denen. Man ist geneigt, von einem Wunder zu sprechen. Reproduktionsmediziner sagen, dass es ab dem 50. Lebensjahr so gut wie ausgeschlossen ist, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1: 10 000. Fünf Treffer nacheinander? Es ist ein Rätsel.

Doch Hildebrandt bleibt dabei. Die Kinder seien alle auf natürlichem Wege entstanden, sagt sie. Keine Eizellenspende. Kein Spendersamen. Nicht mal Hormone. Sie schaut einen ausdruckslos an, wenn man sie auf die Statistik der Mediziner anspricht. Vielleicht hat sie aber auch ihr Pokerface aufgesetzt. Bei ihr weiß man das nie so genau.

Sie hat keine Sekunde gezögert, als sie um ein Interview gebeten wurde. Sie sagt, bevor ihr noch andere Blätter erfundene O-Töne in den Mund legen, wolle sie lieber selber reden. Man darf sich Alexandra Hildebrandt als eine Frau vorstellen, die gerne die Kontrolle behält.

Eben wie ein Tier im Zoo, so werde sie dargestellt. Dabei, sagt sie, würden ihre Kinder genauso aufwachsen wie andere. Ein Alltag in der Kita bis um 17 Uhr, Toben im Garten und dann eine Gute-Nacht-Geschichte. Die, so sagt sie, lese sie ihnen immer selber vor. Heute das Märchen von Nils Holgersson, morgen Tolstoi. So kennt sie es aus ihrer Kindheit in Kiew. Der Vater war Ingenieur, die Mutter Kinderärztin. Sie sagt, sie und ihre Schwester seien arm, aber behütet aufgewachsen. "Wir hatten fast nur Bücher, keine Möbel." Sie will, dass ihre Kinder genauso groß werden. Sie ahnt, dass das schwer wird. "Es gibt das Internet. Es gibt Fernsehen mit Mord- und Totschlagfilmen."

Sie hustet. Nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch. Sie murmelt etwas von einer Bronchitis, die sie schon monatelang mit sich herumschleppe. Und davon, dass sie sich jetzt im fünften Monat ein wenig schonen müsse. Schmal und erschöpft sieht sie aus. Die jahrelange Doppelbelastung ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Nur neun Tage nach der Geburt der Zwillinge war sie wieder im Museum. Stressig sei das gewesen, räumt sie ein. Einer habe immer geweint, manchmal auch beide. Es waren zarte Kinder, sie kamen zu früh zur Welt. Sie zückt ein Handy, um Bilder zu zeigen.

Da ist Maximilian, ein zarter Blondschopf. Sie sagt, sie sei als Kind wie er gewesen, genauso verträumt. Und da ist Elisabeth, ein Mädchen mit energischem Kinn. Man sieht ihr an, dass sie schon genau weiß, was sie will. "Die ist so schnell, die kann man kaum fotografieren."

Heute sind die beiden viereinhalb. Sie könnte ihre Oma sein. Ihre Enkelin ist auch erst fünf. Doch wenn Alexandra Hildebrandt damit ein Problem haben sollte, lässt sie es sich nicht anmerken. Sie sagt, die Kinder spielten schön zusammen. Sie seien überhaupt artig. Ihnen bleibe auch nichts anderes übrig. "Wenn mehrere da sind, wird man pragmatisch: So, du isst jetzt, und du gehst ins Bett. Und hier wird Licht ausgemacht. Fertig!"

Man sieht sie vor sich: Die Mutter der Kompanie. Sie lacht. Sie sagt, sie sei ja nicht allein. Da ist ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, ein Unternehmensberater. Ohne ihn ginge es nicht. Und da ist immer irgendeine Patentante, die bei ihnen wohnt.

Wie aber ist aus dem Workaholic ohne Privatleben ein Workaholic mit vier, bald fünf Kindern geworden? Ihr Blick wandert zur Wand hinter der Theke. Dort hängt ein Bild ihres verstorbenen Mannes. Lebensgroß. Er starb am 9. Januar 2004. Aber hier ist er immer noch präsent. Ihre Stimme wird brüchig, wenn die Rede auf ihn kommt. Und für einen Moment vergisst man, dass da eine erwachsene Frau sitzt.

Immer Schwarz tragen oder noch einmal neu anfangen

Hildebrandt sagt, nach dem Tod ihres Mannes sei sie in ein tiefes Loch gefallen. Rainer Hildebrandt war 45 Jahre älter als sie. Ein Visionär, ein Patriarch. Einer, der als Widerstandskämpfer im Dritten Reich in Haft gesessen hatte. Ein Kämpfer für die Menschenrechte. Ihre Stimme bekommt einen ehrfürchtigen Unterton, wenn sie von ihm redet. Sie sagt: "Er war viel mehr als ein Ehemann für mich. Er war auch Vater, Großvater und Lehrer."

Seine Urne mit der Nummer 173 126 wurde immer noch nicht bestattet. Er darf nicht dort begraben werden, wo sie will. Es ist ein kleiner Friedhof, der offiziell geschlossen ist. Reine Willkür der Behörden, sagt sie. Wie sollte sie da Abschied nehmen? "Ich habe die ersten drei Monate nach seinem Tod nur noch geweint."

Einsamkeit. Schwere. Das Gefühl, die Behörden wollten sie fertigmachen. Sie sagt, sie habe sich entscheiden müssen. Immer Schwarz tragen – oder nochmal ganz neu anfangen, eine Familie gründen. Sie entschied sich für die Flucht nach vorn.

Im Dezember hat sie kirchlich geheiratet, ganz in Weiß, ein Fest mit 100 Gästen und Taufe der Kinder. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Sie sagt: "Es war der schönste Tag meines Lebens." Sollen die Leute sich doch das Maul zerreißen. Sie habe jetzt alles, was sie brauche, um glücklich zu sein. Kinder. Einen Mann. "Ein Zuhause."

Autor: Antje Hildebrandt