Auf dem Pfad der Riesen

Franz Lerchenmüller (Text und Fotos)

Von Franz Lerchenmüller (Text & Fotos)

Sa, 07. Oktober 2017

Reise

Der Fernwanderweg GR 34 führt um die gesamte Küste der Bretagne. Aber niemand wird dort zum Wander-Autisten: Begegnungen mit dem Meer, seinen Bewohnern und Nutzern sind garantiert / .

Schreckliches ist dort drüben passiert. Im La Chateau de Dinan, einem schrundigen Felsklotz mit zackigen Zinnen im Meer waren einst die Kawrs zu Hause, ungehobelte Riesen, die zum Frühstück schon mal gern ein paar arme Seeleute verputzten. Hinterher vergnügten sie sich damit, große, spitze Steine über die Halbinsel von Crozon zu schleudern – immer noch findet man die Wurfgeschosse, Menhire genannt, an allen Ecken und Enden. Direkt unter den Unholden hausten die Korrigans, knorrige Scherzkekse mit leuchtend roten Augen. Sie litten tagtäglich unter dem Gepoltere und griffen irgendwann zur Selbsthilfe. Spät in der Nacht entzündeten sie ein Feuer aus Farn und Kräutern. Der Rauch stieg hoch, tötete die schnarchenden Grobiane und verwandelte sie auf der Stelle in Stein.

Wer diese Festung der Riesen mit eigenen Augen sehen will, muss allerdings einen Fußweg in Kauf nehmen. Sie liegt abseits der Straße, direkt am GR 34. Der Fernwanderweg Grand Randonnée 34 führt auf 1700 Kilometern Länge rund um die gesamte Küste der Bretagne. Einer der schönsten Abschnitte ist der im Departement Finistère.

Fast immer verläuft der Pfad streng an der Küste entlang durch wechselnde Landschaften. Mal streicht man über Heideland, in dem der scharfe Wind Ginster und Erika fast rasenkurz hält, dann wieder über aufgetürmte Felsblöcke und zwischen sturmzerzausten Thuja hindurch. Tief unten schäumt und brodelt Gischt über Fels, der wie frischgebrochene Kohle schimmert, wie schlackige, schwarze Lava oder bemooste Reptilienpanzer.

Doch dann quert der Weg auch Dörfer und Städte – immer wieder gibt es Gelegenheit zur Begegnung mit dem Meer, seinen Anrainern und ihrer Geschichte.

Die amöbenförmige Halbinsel Crozon etwa vereinigt höchst unterschiedliche Elemente bretonischer Vergangenheit: Da sind die Befestigungen noch aus der Zeit Ludwigs XIV. und die Betonbauten aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Museum in einem deutschen Bunker erinnert mit Ankern, Geschützen und Inschriften an die "Schlacht um den Atlantik" und an die 45 000 zivilen Seeleute, die während dieser Zeit ums Leben kamen.

Schon viel früher dagegen müssen die Kawrs mit ihren Wurfgeschossen ins Dörflein Lagatjar gezielt haben: Es herrscht Hinkelsteinalarm! Dutzende weißgraue Menhire stehen aufgerichtet in drei Reihen – und noch immer kann niemand mit Sicherheit sagen, ob sie vor 5000 Jahren aufgestellt wurden, um Sternbewegungen zu berechnen, Götter gnädig zu stimmen oder sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Im 6. Jahrhundert wanderten aus Britannien die Kelten ein und brachten das Christentum mit. Um es mit den naturgläubigen heimischen Druiden aufnehmen zu können, bedurfte es rauer Kerle. Der Heilige Ronan tat sich als Missionar besonders hervor. Er zähmte gern wilde Bestien und erweckte Tote zum Leben. Über seiner Grabkapelle im Dörfchen Locronan erhebt sich ein schlankes, filigranes, vielfach durchbrochenes Türmchen im Stil der bretonischen Spätgotik. Man findet solche Türme vielfach in der Bretagne, manche erinnern in ihrer Zuckerbäckerhaftigkeit an Schöpfungen von Antoni Gaudí. Sie prägen das Bild der Dörfer und Städte nicht weniger als die einfachen, grauen Steinhäuser, deren Giebel stets mittig in breiten Kaminen auslaufen.

Im Übrigen ist Locronan ein bestens erhaltenes Stück Spätmittelalter: Granitgebäude gruppieren sich um den Ziehbrunnen auf dem Marktplatz, Efeu und Glycinien klettern über die Fassaden. Das Schreibwarengeschäft heißt Haus des Dichters, der Buchladen Librairie Celtique, und morgens um zehn nimmt die Vorhut des langsam anschwellenden Touristenstroms in der Creperie schon mal das erste Schälchen Apfelkaltschale zu sich, fruchtigen Cidre aus Fouesnant, der beste der Bretagne.

Die Nachfolger des Heiligen Ronan aber setzten während der kommenden Jahrhunderte nicht nur auf Wunder und donnernde Predigten, um die neugewonnenen Schäfchen bei der Stange zu halten. Sie schufen Calvaires, viereckige Steinsockel, auf denen die Passionsgeschichte in Friesen und Skulpturen festgehalten wurde. Einer der schönsten steht in Tronoan, wo der Weg ein paar Tage später in knappem Abstand vorbeiführt. Wind, Sand und Regen haben den Figuren aus dem 15. Jahrhundert die individuellen Züge abgeschmirgelt, die Farben sind ohnehin längst abgewaschen: Alle tragen sie jetzt Kleider aus grauweißen Flechten. Maria thront mit bloßen Brüsten und langem Haar auf einem Bett, Jesus wäscht Füße, Pilatus seine Hände, die Schächer schleppen ihr Kreuz – aufregendes Augenfutter muss es einst gewesen sein, ein Platz der Erbauung und Unterrichtung für die Schäflein, von denen keines lesen und schreiben konnte.

Immer wieder wechselt die Landschaft, manchmal sogar mehrmals am Tag. Besonders dramatisch zeigt sie sich an der Spitze der Halbinsel Sizun, am Pointe du Raz, dem zum westlichsten Punkt Festlandfrankreichs erklärten Felsrücken (tatsächlich liegt Pointe de Corsen bei Brest noch vier Kilometer näher an Amerika). Leicht bedeckt ist es an diesem Morgen, leichter Wind, leichtes Gehen. In kleinen Buchten ragen mächtige Blöcke, die das Wasser noch nicht kleingekriegt hat, wie zerklüftete Vorposten aus dem Meer. In der Sandbucht der Verschwundenen warteten die Küstenbewohner einst auf angeschwemmtes Strandgut und tote Seeleute, heute hoffen zwei Hotels auf Gäste. Heidekraut und Ginster leuchten wie gelb-violette Polster, an der äußersten Spitze weicht die Vegetation schließlich glatt geschliffenem Granit.

Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt: Noch teilen wir den Blick nicht mit allzu vielen Besuchern. Als die Sonne durchbricht, scheinen die Konturen der scharf gezackten Steinhügel im Meer wie mit einem Pinsel nachgezogen, die beiden Leuchttürme heben sich klar gegen den Himmel ab. Zwischen ihnen schäumt und strömt es wie in einem Whirlpool, Möwen schießen durch die Luft, Fischkutter schieben sich durch die schlierigen Wirbel und schaukeln beim Wenden wie Papierboote.

Ebbe und Flut, Ebbe und Flut: Der Wechsel der Gezeiten spült Kleingetier vom Grund hoch, Pollack, Wolfsbarsch, Steinbutt und Seehecht finden jede Menge Nahrung – und sich allzu oft an den Haken der Fischer wieder. Bis zu 17 Knoten schnell strömen die Wasser dort, eine Unzahl von Riffen liegt unter der Oberfläche verborgen, auch für erfahrene Fischer ist das Kreuzen in der kochenden See eine Herausforderung.

Vom Fischfang lebten die Küstenbewohner seit Jahrhunderten. In Douarnenez etwa werden Makrelen, Thun und Anchovis in modernen Fabriken im Industriehafen verarbeitet. Eine Straße der Sardinen erinnert mit 17 Stationen an deren entscheidende Bedeutung für die Geschichte der Stadt. Und zum Abschluss gibt es im Haus der Sardinen Sardinen in Öl, Sardinen aus Schokolade, Sardinen auf Cidre-Schalen...

Das Fischereizentrum Haliotika in Le Guilvinec dagegen beschäftigt sich mit der prallen Gegenwart dieses Berufs. Die junge Führerin erläutert auf der nachgebauten Kommandobrücke Echolot, Autopilot, elektronisches Logbuch und automatische Ladungsanzeige. In einem großen Schleppnetz gibt es Modelle aller verwertbaren Atlantikfische, vom Seeaal über Tintenfisch bis zu den verschiedenen Kabeljau-Arten. Und ein Video zeigt, wie Seeteufel filetiert wird.

Direkt vor der Tür landen am Spätnachmittag die Boote der Küstenfischer ihren Fang an. In der Kühlhalle laufen Kisten mit Langustinos, Kraken und St. Petersfischen an den Händlern vorbei, die ihre Gebote abgeben. Auf Anzeigetafeln lässt sich die Preisentwicklung verfolgen.

Wenn das lebhafte Geschehen abebbt, wird es Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen, die nächsten Schritte auf dem GR 34, dem Weg, der so reich an Überraschungen ist. Obwohl – ein Stündchen ließe sich sicher noch erübrigen: Für ein paar Austern vielleicht, noch meeresfeucht von den Bänken, ein Fläschchen Cidre dazu, fruchtige Apfelkaltschale der Bretagne, der so zuverlässig die Sinne erfrischt, den Durchhaltewillen stärkt, die müden Beine wieder beflügelt...

Die Reise wurde unterstützt von

Atout France.