Reise

Der Schnee der Algarve

Stephan Brünjes

Von Stephan Brünjes

So, 11. März 2018 um 12:22 Uhr

Reise

An der portugiesischen Algarve blühen von Januar bis März Tausende von Mandelbäumen. Ihre Blüten verwandeln die schroffe Felsküste in eine weiße Landschaft.

Endlich in die Wärme! Gilda freute sich, dem eisigen Norden zu entkommen und zog an die Algarve zum damals dort herrschenden maurischen Emir Ibn Almundim. Der hatte um ihre Hand angehalten. Doch schon bald nach der Hochzeit wurde die junge Schwedin schwermütig, ihr Mann und Verehrer ratlos. Was fehlte seiner Frau nur? "Der Schnee aus ihrer Heimat", raunte schließlich eine ihrer Kammerzofen.

Im darauffolgenden Winter führte der Emir seine mehr und mehr betrübte Gilda auf den höchsten Turm seiner Burg, ließ sie übers Land schauen. Es war weiß bis zum Horizont. "Das ist der Schnee der Algarve", sprach der Emir zu seiner überraschten Gattin und lüftete das Geheimnis: Er hatte, so die Legende, tausende Mandelbäume pflanzen lassen. Ihre Blüten bedecken – einer leicht deprimierten Schwedin sei Dank – immer noch jedes Jahr von Januar bis März den Südwestzipfel des heutigen Portugals und bieten Algarve-Besuchern bereits einen Hauch von wohlig-warmem Frühling, während man in Deutschland noch in echtem Schnee bibbert.

Eine Schiffsrundfahrt – im Winter an Nord- oder Ostsee wohl nur auszuhalten mit wärmendem Grog oder Glühwein – ist in Lagos dagegen ein Sonnentörn: "Willkommen in der Küche, schauen Sie – hier nebenan das Wohnzimmer und dort der Blick in die Kathedrale", schwärmt Joao. Er ist weder Makler noch Stadtführer, sondern Außenbord-Jongleur. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn er seine vier Gäste in einer Nussschale von Motorboot durch wogende Wellen in immer neue, immer engere Felsgrotten manövriert und diese dabei vorstellt wie Räume eines Hauses.

Die bis zu 20 Meter hohen Kalksteinwände sind mal beige, mal rostbraun, überall löchrig und schroff modelliert von Atlantikwind und Salzwasser. Ponte da Piedade heißt dieses Labyrinth an der Südspitze der Stadt Lagos. Ein portugiesisches Naturwunder, vor allem aber Demarkationslinie zwischen verbauter und verschonter Algarve: Östlich der Ponte sind viele Küstenhänge überwuchert mit Apartment- und Hotelblöcken der Marke "Urlauberschließfach", ehemalige Fischerhäfen sehen dort aus wie Open-Air-Messen für Luxusyachten. Westlich der Ponte hingegen dösen Dörfer vor sich hin wie eh und je.

Burgau etwa: Keine Zeile im Reiseführer, darum auch keine Touristenkarawanen in den winkeligen Gassen mit den blau-weißen Häusern. Burgaus Einwohner können ohne Klaugefahr ihr Gemüse in ausrangierten Badewannen am Wegesrand anbauen. Bunte, leicht verwitterte Fischerboote sind keine Postkartendeko, sondern immer noch Dienstfahrzeuge. Vormittags kommen die Männer darin heim, nicht selten begrüßt von vier Generationen: Oma, Eltern, Ehefrau und Kinder. All das lässt sich wie in einer Theaterloge prima beobachten von der Veranda der Strandbar Brizze – mit einem Galao in der Hand, dem portugiesischen Milchkaffee.

Abseits der Algarve-Autobahn geht es über kurvige Dorfstraßen hinein in den Nationalpark Costa Vicentina. Er umfasst mehr als 100 Kilometer portugiesische Westküste und ist quasi ihre Lebensversicherung: Wilder Dünenbewuchs mit Wacholderbüschen und Mastixsträuchern wohin man schaut, allenfalls schmale Wege führen zu den Stränden. Für Hotelanlagen gilt Bauverbot. Wirklich? Wie kommt dann Martinhal, ein Luxus-Ferienresort mit den Ausmaßen von etwa 50 Fußballfeldern auf die lieblichen Hügel über der 900 Meter langen Traumbucht am Hafen des Städtchens Sagres? "Die Baugenehmigung ist älter als das Naturschutzgebiet", sagt Roman Stern.

Doch das ist nicht der einzige Grund. Der Schweizer Unternehmer hat ein 38-Zimmer-Hotel umrahmt von 132 maximal zweistöckigen kubischen Design-Ferienhäusern so geschickt in die Felsenlandschaft mit Agaven, Gräsern und Mimosen eingepasst, dass sie weder aus der Ferne noch mittendrin wie Bettenburgen wirken. Eine vor allem auf Familien zielende Oase, elegant eingerichtet mit Kork und Schilf, Fliesen und Holz sowie anderen Baustoffen aus dem Nationalpark.

So wie Roman Stern, einst Investmentbanker in London, zieht die Westalgarve viele Besucher dermaßen in ihren Bann, dass sie schnell wiederkommen oder gleich dableiben. Und sei es auf der tennisplatz-roten Erde einer kahlen Wiese an der Nationalstraße 125. Ein klappriges Wohnmobil, ein Container und zwei Bierzeltbänke – so sieht Julia Beckenbauers Firmengründung aus.

Beckenbauer? Ja, genau – sie ist die Nichte von Kaiser Franz. Statt ihr Forstwirtschaftstudium zum Beruf zu machen, findet sie es spannender, Menschen das Landsegeln beizubringen. Ein überdimensionales Dreirad mit aufgeflanschtem Surfsegel in der Mitte, einen Blaumann gegen den Staub, Helm und fünf Minuten Übung – mehr braucht man nicht, um angetrieben von mäßiger Brise über den Rundparcours zu sausen. "Genau diesen schnellen Erfolg meiner Gäste mag ich an diesem Job", sagt Julia, "und dass es fast jeden Tag lustige Geschichten gibt." Neulich nahmen Eltern ihr Kleinkind auf dem Schoß ein paar Runden lang mit, bis es vom gleichmäßigen Schlaglochgerumpel eingeschlafen war. Danach starteten Mama und Papa alleine durch.

An den Stränden der Westalgarve kann man nicht mit den Landseglern fahren, zu eng sind die Buchten. Dafür ist die Region aber so traumhaft schön und ideal zum Surfen, dass ganze Kolonien von Brettlfreunden als sandpanierte Neopren-Nomaden leben.

Sven Engelmann war einer von ihnen, tauschte seine Krankenpfleger-sicherheit in Landshut gegen das VW-Bus-Abenteuer mit Matratze, Hund und Zweiplattenherd. Eng, aber doch voller Weite. Denn jeden Morgen beim Aufwachen wird die Windschutzscheibe zur Kinoleinwand für einen atemberaubenden Naturfilm: Wellenbrecher, die auf den Strand schlagen, über den Klippen kreisende Störche, der azurblaue Himmel und das türkisfarbene Wasser.

Carrapateira, Amado oder Beliche – wer diese Strände ansteuert, spürt, irgendwo dort könnte ein Magnetfeld sein, das zum Bleiben zwingt. Sven Engelmann ist ihm erst nach anderthalb Jahren entkommen, aber nur einige Kilometer weit bis nach Sagres, wo er die Surferbar Warung eröffnet hat – ein paar Häuser neben Aussteigerveteran Andreas Bergmann. Der tauschte 1985 sein Maschinenbaustudium gegen die Taverne des alten Dorforiginals Borba und baute sie zur Bar Dromedario um, heute der In-Treffpunkt vieler Portugiesen und Deutscher in Sagres.

Vielleicht zieht die Pioniertradition dieser Kleinstadt so viele Abenteurer an. Von Sagres aus brachen portugiesische Seefahrer im 15. Jahrhundert auf, um bis hinter die kanarischen Inseln vorzustoßen und schließlich Brasilien zu erobern. Ausgangspunkt vieler dieser Expeditionen: das Cabo de Sao Vicente, der südwestlichste Punkt des europäischen Festlands – schon aus diesem Grunde mittlerweile ein Pilgerort für Besucher.

Dort kommen sie zumindest in Versuchung, die "letzte Bratwurst vor Amerika" zu essen. Wie eine Zeitungsschlagzeile prangt dieser Name auf dem Imbisswagen von Wolfgang und Petra Bald. Klar, dass die beiden Nürnberger ihre Thüringer nicht nur mit Senf, sondern auf Wunsch auch inklusive Auswanderergeschichte servieren: In den Neunzigern sind die Balds als Wohnmobilurlauber abonniert auf Portugal. Er mag keinen Fisch, hat als stille Reserve Nürnberger Würstchen dabei. Deren Grillduft lockt viele Camper an, sie probieren gern, nehmen möglichst immer noch eine Extrawurst.

So wittern die beiden ein Geschäft mit Schweinefleisch in Darmpelle. Er verkauft seine Softwarefirma, sie kündigt in der Stadtverwaltung. Mit einem zum Würstchenbräter umgebauten VW Käfer rollen sie 1996 am Cabo de Sao Vicente vor. Die Hoffnung, bald zum Algarven-McDonald’s zu werden, wird zunächst vom Winde verweht: Die steife Brise am Cabo pustet den Startup-Brätern allzu oft ihr Feuer aus.

Heute ist der nun zuverlässig glühende Grill im windgeschützten Wagen längst zum Hot Spot geworden – auch für manche Promigäste: Schauspielerin Dagmar Koller schaut schon mal vorbei, Sänger Cliff Richard auf dem Weg zu seinem Weingut in der Nähe auch. Und Pro7-Praktikant Elton blödelte von dort schon mit Oliver Pocher live in Stefan Raabs Show "TV Total".
Westalgarve (Portugal)

Anreise: Per Flugzeug nach Faro mit diversen Fluggesellschaften. Dann weiter per Bus oder Mietwagen in zirka einer Stunde Fahrt nach Sagres.
Essen und Trinken: In Andreas Bergmanns Bar Dromedario in Sagres gibt es Snacks, Cocktails und frisch gepresste Säfte, in seiner Pizzeria Bossa Nova (hinter dem Dromedario gelegen) Riesen-Pizzen zum Sattwerden (www. dromedariosagres.com).
Wer traditionell gebratenen, guten Fisch essen will, ist in den Garagen im Yachthafen von Lagos richtig. Dort, wo Fischer ihre Netze und Utensilien lagern, haben sie Garagen zu kleinen Bistros ausgebaut, so wie das Traquinas in der Rua Acores 9. Wolfgang Balds Imbisswagen "Letzte Bratwurst vor Amerika" hat meist von Ostern bis Oktober täglich außer samstags von 10.30 bis 16.30 Uhr geöffnet am Cabo de Sao Vicente.
Auskunft: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 030/2541060,
Internet: visitportugal.com und die Webseite des Tourismusamts Algarve: visitalgarve.pt