Sehenswerte Museen

Eisleben: Wo Luther zur Welt kam

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Sa, 09. Dezember 2017

Reise

Museen, Kirchen, Lutherweg: Eisleben, die Geburtsstadt des Reformators, hat sich zu einer ansehnlichen Stadt entwickelt /.

Spitze graue Hügel erheben sich zwischen den Bäumen, sie sind fast so scharf geschnitten wie Pyramiden: Abraumhalden, die davon zeugen, dass der Bergbau 800 Jahre lang die Region um Martin Luthers Geburtsstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt prägte. Auch der Vater des Reformators war ein Bergmann. Kupfer, Silbererz, Kalisalz und Kohle bauten die Männer tief unter der Erde ab. Seit der Wendezeit sind die Minen dicht. 30 000 Menschen verloren auf einen Schlag ihre Arbeit. Hinter den grauen und grünen Hügeln tauchen die ersten Häuser auf. Am Horizont sind Kirchtürme mit zwiebelförmigen Spitzen zu erkennen.

Eisleben, zu DDR-Zeiten und in der Nachwende-Ära eine vom Zerfall gezeichnete Stadt, hat sich erholt, die Häuser wirken freundlich. Das Rathaus am Marktplatz, das angrenzende Stadtschloss und das Kaufhaus aus dem Mittelalter sind in zarten Beigetönen gestrichen, die Dächer mit den Biberschwanzziegeln leuchten rot. "Für die Außenhülle können bis zu 40 Prozent Fördermittel beantragt werden", erzählt Oberbürgermeisterin Jutta Fischer. Viele der Häuser sind 500 Jahre alt – und älter. Auch der Reformator muss sie gekannt haben.

Heute säumen Cafés den Platz, im Sommer sitzen Besucher und Bewohner draußen, trinken Kaffee oder dunkles Bier. An Markttagen ist besonders viel los. "Ich beobachte dann gerne die Leute", sagt Gabriele Kehl (56). Als die Wende 1989 kam, besuchten sie und ihre Familie als erstes Kehl in Baden. "Wir wollten mal die Stadt sehen, die so heißt wie wir." Da das Begrüßungsgeld nicht weit reichte, blieben sie nur kurz.

Auf dem Markt decken sich die Eisleber mit Spezialitäten ein: Dazu zählen geräucherte Knoblauchwürste, die in noch frischem Zustand wie Mettwurst gegessen werden, getrocknet aber Salami gleichen. Auch in den umliegenden Metzgereien gibt es solche Spezialitäten zu kaufen. In einem der Restaurants am Platz sitzen die Menschen zur Mittagszeit dicht gedrängt, lassen sich Fleischrouladen oder Szegediner Gulasch schmecken: zu günstigen Preisen. Kaum eines der Gerichte kostet mehr als sechs Euro.

Nur wenige Gehminuten vom Markt entfernt stehen Luthers Geburts- und Sterbehaus – allerdings, da sind sich die Wissenschaftler einig, wurde Luther weder im Geburtshaus geboren, noch starb er in dem Haus, das sich sein Sterbehaus nennt. Luthers Geburtshaus brannte 1689 nieder und wurde an selber Stelle wieder aufgebaut, sein Sterbehaus ließ man abreißen. Gleichwohl sind in beiden Häusern Museen eingerichtet, die viel über das Leben des Reformators und seiner Zeitgenossen erzählen. Das Geburtshaus wurde in den vergangenen Jahren durch einen schlichten Bau aus Backstein und Glas ergänzt, er fügt sich harmonisch in Farbe und Höhe an das alte Fachwerkhaus an. Auch das Sterbehaus wurde um einen Anbau aus klaren Linien und Formen erweitert. "Es gibt Architektengruppen, die extra nach Eisleben kommen, um die neuen Museumsensembles zu besichtigen", erzählt Daniel Leis von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Beide Gebäude wurden mit renommierten Architekturpreisen ausgezeichnet.

Die neuen Ausstellungsräume ergänzen die alten hervorragend. Das indirekte Licht in den Neubauten bringt die Ausstellungsstücke zum Leuchten. Auf einen aus Holz geschnitzten Schwan aus Zeiten des Reformators ist Museumsleiter Leis besonders Stolz: Er symbolisiert Luther. Denn der Theologe Jan Hus, den das Konstanzer Konzil 1415 auf einem Scheiterhaufen als Ketzer verbrennen ließ, hatte prophezeit: "Sie werden jetzt eine Gans braten. Aber nach hundert Jahren werden sie einen Schwan singen hören." "Hus" bedeutet Gans. Mit dem Schwan sei er, Luther, gemeint gewesen, glaubte der Reformator, der etwas mehr als 100 Jahre später, am 31. Oktober 1517, seine kirchenkritischen Thesen verbreitete.

Im alten Teil des Museums, im Geburtshaus, zeigt eine Stube, wie die Menschen zu Reformationszeiten lebten: Die Tische sind grob gefertigt, ohne Nägel zusammengesteckt, das Geschirr aus Ton wirkt schlicht. Handwerker von heute haben die Stücke nach alten Mustern hergestellt. So oder ähnlich könnte es in Luthers Elternhaus ausgesehen haben. Doch nicht nur die Luther-Museen sind sehenswert. Ein Lutherweg führt an interessanten Stätten vorbei: an der Andreas-Kirche zum Beispiel, wo Luther vor seinem Tod am 18. Februar 1546 seine letzten Predigten hielt. Auch die Kanzel, auf der der Reformator zur Gemeinde sprach, ist dort zu sehen: Sie ist frisch renoviert, zart grün und golden bemalt. Eine Zeit lang wurde sie in den Vereinigten Staaten ausgestellt. Pünktlich zum Reformationsjubiläum 2017 kam sie nach Eisleben zurück. Auch die St-Petri-Pauli-Kirche ist beeindruckend. Sie wurde auf das Jubiläum hin renoviert. Der spätgotische Flügelaltar mit seinen geschnitzten Figuren kommt vor den hellen Wänden gut zur Geltung. Die Kirchenfenster in Grün und Blau werfen kleine Lichtflecken auf den Boden.

Wer irgendwann genug hat von Luther findet in Eislebens Umgebung auch andere Stätten, die einen Einblick in die bewegte Geschichte der Region geben. Im Schaubergwerk Röhrigschacht Wettelrode können die Besucher mit einer Grubenbahn 1000 Meter in den Berg hineinfahren, in ein Abbaufeld des 19. Jahrhunderts. Wie schwer die Arbeit war, erahnt, wer die niedrigen Röhren sieht, in denen die Menschen arbeiteten. Manche sind gerade einmal 80 Zentimeter hoch. Das nahe gelegene Sangershausen bietet Interessantes für Blumenfans: Dort kann man die weltweit größte Rosensammlung besichtigen – was vor allem in den warmen Monaten Spaß machen dürfte.