In aller Stille

Stefan Zahler (Text und Fotos)

Von Stefan Zahler (Text und Fotos)

Sa, 04. Februar 2017

Reise

Der Bregenzerwald ist schneesicher und taugt für Familien und Skifreaks gleichermaßen. Auf Skitour mit dem Local Hero Thomas Dietrich /.

Wortfetzen bleiben hängen, fliegen durch die Gondel wie Staubpartikel in der Frühlingssonne. Immerhin. Viele sind es leider nicht. Thomas Dietrich scheint das zu spüren, fragt mit einem breiten Grinsen: "Verstehst, was wir reden?" Es ist die Frage, die dem deutschen Gegenüber in Österreich immer ein bisschen peinlich ist. Schließlich sprechen die drei Menschen in der Seilbahn hoch auf den Diedamskopf im Bregenzerwald nicht serbo-kroatisch oder finnisch. Auch wenn es hin und wieder so klingt.

Die drei unterhalten sich auf "Vorarlbergerisch". Das ist an sich verständlich, hat das Bundesland doch eine gemeinsame Grenze mit Deutschland und durchaus kulturelle Gemeinsamkeiten mit Südbaden – zumindest was den alemannischen Dialekt betrifft. Aber: Es geht einfach zu schnell. Weil der Inhalt des Gesprächs offensichtlich nur ein netter Smalltalk unter Skifahrern ist, genießt der Piefke (ja, so werden die Deutschen immer noch manchmal etwas abwertend genannt) stattdessen die weißgetünchte Schneelandschaft und einen blauen Postkartenhimmel.

Der Diedamskopf ist der Hausberg von Schoppernau. Viele Jahre war er für Einheimische und ortskundige Skitouristen die Alternative, wenn die altersschwache Seilbahn in Mellau überlastet war. Das ist mittlerweile Vergangenheit, Mellau hat eine neue Seilbahn, die Wartezeiten für Skifahrer und Snowboarder, die in Mellau und dem angeschlossenen Damüls ihre Schwünge ziehen wollen, sind selbst an stark frequentierten Wochenenden auf ein akzeptables Maß reduziert. Das ist gut für Damüls-Mellau und weniger gut für das Skigebiet am Diedamskopf, denn ohne zahlungskräftige Skitouristen wird es dort nicht ewig weitergehen. Dafür sind die laufenden Kosten zu hoch.

2090 Meter über dem Meer, umgeben von zahlreichen Alpengipfeln, steigen wir aus und öffnen erstmal unsere Jacken. Es herrscht seit Tagen Inversionswetterlage – unten im Tal hat es minus 12, minus 15 Grad, oben auf dem Berg um die null. Beste Voraussetzungen also für eine Skitour. Thomas Dietrich ist Ski- und Bergführer, nach eigener Aussage der einzige aktive in Mellau. Der 47-Jährige kennt die Berge seit frühester Kindheit.

Dietrich hat fertig gebracht, was nicht zwingend zu erwarten war: Er hat nach 14 Tagen ohne Schneefall eine Skitour aus dem Hut gezaubert mit unverspurten Hängen. Das war gestern auf der Rückseite des offiziellen Skigebietes von Damüls-Mellau. 20 Minuten mussten wir dafür aufsteigen, mussten die Skischuhspitzen in windgepressten Schnee rammen und durch kniehohen Pulver stapfen – teilweise mit 40 Grad Steigung. Oben auf dem Hohen Licht ging es über die Rückseite im dunklen Schatten eines Nordhangs runter. In aller Stille. Ohne die klappernden Rollen eines Sessellifts, ohne Kindergejohle. Einfach nichts. Doch: Ruhe!

Dietrich ist ein umsichtiger Guide. Niemals würde er ein Risiko eingehen. Er weiß nicht, ob seine Gäste in der Lage sind, ihm in einer Notsituation zu helfen. Klar haben sie die obligatorische Ausrüstung dabei: Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, Sonde, Schaufel. Dazu einen Rucksack mit Airbag, der verhindern soll, von einer losgetretenen Lawine begraben zu werden. Aber können seine Gäste mit dem Equipment auch wirklich umgehen?

Der Bregenzerwald ist für viele deutsche Urlauber mit dem Montafon die erste Anlaufstation. Vom Bodensee ist man in einer guten halben Stunde hinten im Tal. Es gibt mit Warth-Schröcken und Damüls-Mellau zwei große attraktive Skigebiete sowohl für Familien als auch für ambitionierte Skifahrer. Es gibt landschaftlich reizvolle Langlaufstrecken um Andelsbuch. Es gibt die Möglichkeiten, abseits der Pisten sein Glück zu finden (Neudeutsch: Freeriden!). Und es gibt jede Menge Möglichkeiten für Skitouren. In Alberschwende, Bödele, Bizau und Schwarzenberg gibt es zig leichte Touren, weiter hinten im Tal in Warth und Damüls geht es je nach Lust und Laune knackig zur Sache. Und: Der Bregenzerwald gilt als Schneeloch. Zwar sind die Berge nur wenig über 2000 Meter, Schneesicherheit ist aber fast garantiert. Kein Wunder kommen die weitaus meisten Touristen aus dem nahen Baden-Württemberg.

Zurück an den Diedamskopf: Nach der gestrigen Tour rund um Damüls-Mellau will Dietrich heute eine "Kleinwalsertal-runde" drehen. Nach einer kurzen schnellen Abfahrt auf einer frisch präparierten Piste – Dietrich ist ein Fan davon, früh am Tag auf die Ski zu stehen – schnallen wir ab und ziehen Felle auf. Gemütlich gehen wir Richtung Gerachsattel, die Sonne scheint, die Klamotten wandern nach und nach in den Rucksack, die Handschuhe hängen schweißnass und schlapp über den Griffen der Skistöcke. Immer beobachtet von einer Handvoll Gämsen, die uns nicht aus den Augen lassen. Eindeutig ist es ihr Revier.

Unterhalb des gut 2000 Meter hohen Hählekopfs müssen wir eine Entscheidung treffen. Hoch auf den Hohen Ifen – Dietrich rechnet mit einer Gehzeit von rund zwei Stunden – oder die stressfreie Variante hinunter durch fluffigen Schnee Richtung Ifenlift und von dort wieder hoch zum Einstieg in den Hirschgraben.

Dietrich ist ein Skifreak, dem keine Skitour zu weit ist. Früh kam er zum Skifahren, mit drei stand er zum ersten Mal auf den Brettern. Weil seine Eltern nichts mit dem Sport am Hut hatten, quetschte er sich täglich in ein Taxi, das Skifahrer auf den Berg brachte. Irgendwann schwänzte Dietrich 14 Tage lang am Stück die Schule, um die Berge runterzubrettern – bis ein Brief aus der Volksschule kam mit der besorgten Nachfrage, wie es dem Bub denn gesundheitlich gehe. "Ich bin drauf gekommen, dass Skifahren schöner ist als Schule. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich", sagt er und lacht. Die Tracht Prügel seiner Mutter war wenig heilsam.

Zur Gaudi fuhr Dietrich irgendwann bei einem Skirennen mit, Trainer des Skivereins erkannten sein Talent und förderten ihn. "Ich war gleich vorne mit dabei", sagt Dietrich. Dabei wollte er eigentlich Skispringer werden, wollte wie der große lokale Held Toni Innauer Olympiasieger werden.

Die Entscheidung ist gefallen: Wir nehmen die sanfte Variante. Wir erwischen Pulverschnee, schweben ins Tal und müssen die letzten paar hundert Meter bis zur Talstation des Ifenlifts im Kleinwalsertal schieben. Wir lösen für 16,50 Euro ein Ticket für Skitourengeher und fahren mit zwei altersschwachen Sesselliften zur Bergstation am Hohen Ifen. Noch einmal müssen wir die Felle aufziehen, Dietrich will sich den Einstieg in den Hirschgraben anschauen.

Die Rinne am Hirschgraben ist nichts für schwache Nerven. Und erst recht nichts für schwache Skifahrer. Dietrich hat wie die meisten Skiguides einen guten Blick dafür, was seine Gäste können und was nicht. Manche, erzählt er beim Aufstieg, überschätzen ihre Fähigkeiten. Sie wollen Hänge abfahren, die für sie entweder zu steil sind oder lawinentechnisch zu gefährlich. "Dann sag ich: Fahr du vor!" Damit habe sich das Thema meist schnell erledigt. Manchmal wünsche er sich auch die langen schmalen Latten zurück, mit denen früher Ski gefahren wurde. "Das würde einige davon abhalten, ins Gelände zu gehen", sagt er und schmunzelt.

Dietrich fährt die Rinne ab. Sie ist schmal und steil, links und rechts ragen die Felsen in den Himmel, der Schnee ist zerfurcht. Spielerisch sieht es aus, ist es aber nicht. Spätestens jetzt wird klar, was für ein herausragender Skifahrer der 47-Jährige ist. Und warum er 1999 in Kanada Tiefschneeweltmeister wurde...

Der Hang öffnet sich, ist in weiten Teilen unberührt. Es ist ein Traum für Skitourengeher und Freerider. Mitten in der Natur, in der Stille. "Der Erholungswert ist einzigartig", sagt Dietrich. Und obwohl der Skiprofi Winter für Winter rund 100 Tage auf dem Ski steht, hat die Faszination Skitour für ihn nie nachgelassen. Im Gegenteil: "Es wird immer intensiver."

Der Skitag geht zu Ende. Die Sonne steht noch hoch am Himmel, es ist noch früh am Tag. Macht nichts. Es kann heute nicht mehr besser werden. Das Erlebnis Skitour ist nicht gekoppelt an Länge oder Höhenmeter. Es ist das Erleben der Landschaft, das Aufsteigen, das Abfahren. Wenn das erledigt ist, ist es Zeit für ein Weizenbier. Oder zwei. Und für die Planung des nächsten Tages. Wo könnten wir – wenn wir denn Zeit hätten – morgen noch frischen Schnee finden? Dietrich überlegt eine Sekunde, dann sprudeln die Ideen. "Also in Warth wüsste ich eine schöne Tour: zwei Stunden Aufstieg, Nordhang. Oder hinterm Ragazer Blanken in Damüls. Oder..."

Thomas Dietrich, der Local Hero von Mellau, grinst breit. Er ist morgen wieder auf dem Berg. In seinem Element. In seinem Bregenzerwald. Es zieht ihn nicht fort. Verständlich!

Die Reise wurde unterstützt vom

Bregenzerwald Tourismus.