Winterurlaub

Ischgl ist mehr als Party und Après-Ski

Stefan Zahler

Von Stefan Zahler

Sa, 13. Januar 2018 um 16:03 Uhr

Reise

Ischgl kämpft um seinen Ruf. Dabei hat der Skiort im Paznaun im Westen Österreichs durchaus gute Argumente vorzuweisen – zum Beispiel die Kulinarik.

Emil Zangerl grinst, gerne erinnert er sich an die Zeit, als er Katz’ und Maus gespielt hat mit den Zöllnern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war es, Ischgl und die anderen Dörfer des Paznauntals im äußersten Westen von Nordtirol hatten gerade das Notwendigste zum Leben. Butter, Käse, dazu ein paar Felle – viel mehr war es nicht. Ein lebhafter Schmuggel entwickelte sich, fast jeder Mann machte sich nachts auf nach Samnaun. Dort, im Schweizer Engadin, gab es Kaffee, Reis, Mehl, Tabak, Süßstoff. Und, purer Luxus und bei den jungen Männern als Geschenk fürs Mädel beliebt: Nylonstrümpfe.

Für Zangerl und seine Freunde aus dem Dorf, das heute eine der führenden Skidestinationen der Alpen ist, war der anstrengende Aufstieg Überlebenskampf und Abenteuer zugleich. "Damals gab es nicht viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Das Schmuggeln war also genau das Richtige", sagt der 84-Jährige.

Nach Einbruch der Dämmerung haben sie sich aufgemacht, winters wie sommers, 40, oft 50 Kilo Tauschware im Rucksack auf dem Buckel, eine zehnstündige Tour vor sich. Durch Matsch, Schnee, Regen, Sturm, Dunkelheit, Nebel. Der war ihnen am liebsten, er bot den besten Schutz vor den sieben, manchmal acht Zöllnern, die ihnen im Grenzgebiet das Leben schwer gemacht haben.

Schlau waren sie, die armen Bauern aus dem Paznauntal. Bespitzelten vor jedem Grenzgang die Frauen der Zöllner, um zu erkunden, wann Wachablösung war. Gute Skifahrer waren sie obendrein. "Wir haben die Zöllner nur Grasrutscher genannt", sagt Zangerl und lacht. Die Grenzpolizisten waren weder sonderlich geländegängig noch gute Skifahrer. Waffen hatten sie auch keine – wirklich Sorgen mussten sich die Schmuggler nicht machen. Wurden sie doch mal auf frischer Tat ertappt, mussten sie ihre Waren abgeben. Das war’s.

Dumm, gibt Zangerl zu, waren die Zöllner aber nicht. "In Samnaun gab es Nylonstrümpfe mit schwarzer Naht und schwarzer Ferse zu kaufen. Wenn man einem Mädchen imponieren wollte, war es gang und gäbe, ihr solche Strümpfe zu schenken", sagt Zangerl. Der Haken: Die Mädchen trugen sie stolz im Gottesdienst. "Die Zöllner mussten nur in die Kirche gehen, um zu sehen, wer mit Schmugglerei zu tun hatte", sagt Zangerl.

Ende der 50er und mit Beginn der 60er Jahre war die Hochphase des Grenzschmuggels vorbei, nachdem es zunehmend mehr Arbeitsplätze im Tal gab. Die Schmuggler hatten ihren Teil zum Aufschwung beigetragen: Der erste Skilift, der 1952 im Ortsteil Brand gebaut wurde, wurde auch mit Gewinnen aus dem Schmugglergeschäft finanziert.

Drei Skirouten erinnern an die Zeit der Schmuggler. Allen gemein ist das Ziel: Samnaun. Die Strecken verdeutlichen, welche Mühen die Schmuggler auf sich genommen haben – und geben Auskunft über Größe und Vielfältigkeit des Skigebiets. Beides scheint in den vergangenen Jahren aus dem Fokus geraten zu sein.

"Wer Ischgl hört, denkt Après-Ski (...) Zahlreiche legendäre Bars und Diskotheken – von urig bis hochmodern – sorgen jeden Tag für Après-Ski-Spaß vom Feinsten", urteilt etwa der ADAC-Skiguide in seiner aktuellen Ausgabe und setzt Ischgl auf Platz eins der Top-5-Adressen in der Kategorie Après-Ski.

Ischgl = Ballermann – diese überspitzte Formel scheint sich bei vielen (sportlich ambitionierten) Skifahrern und Snowboardern eingeprägt zu haben, die deshalb einen Bogen um das Paznauntal machen. Andreas Steibl ist seit 15 Jahren Geschäftsführer des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl und mitverantwortlich für den touristischen und wirtschaftlichen Aufschwung, den das Tal seither genommen hat. Er kennt die Vorbehalte, die es gibt, und kämpft beherzt dagegen an. Und fühlt sich ein wenig missverstanden. "Der Après-Ski-Spaß war damals neben dem Skifahren das zweite Thema unserer Marketingstrategie", sagt er und gibt zu: "Wir haben gespielt mit dem Thema – und dann kriegt man das irgendwann nicht mehr los." Seit einigen Jahren gäbe es deshalb keine Marketingaktionen mehr in diese Richtung.

Dafür wurden die Themen Kulinarik und die Qualität des Skigebiets zuletzt in den Mittelpunkt gerückt. Steibl hat gute Argumente: Nirgends in den Alpen gibt es eine ähnlich hohe Anzahl gehobener gastronomischer Angebote – der Gourmetführer Gault & Millau hat aktuell sieben Restaurants mit insgesamt 16 Hauben ausgezeichnet, der Guide "A la Carte" hat 24 Sterne vergeben und Ischgl erst kürzlich als führende Kulinarikdestination in Tirol bestätigt.

In einer ähnlichen Liga spielt das Skigebiet. Rund 240 Kilometer Piste unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade gibt es. Und: Freerider und Tiefschneefreunde kommen bei entsprechender Schneelage voll auf ihre Kosten. Während am benachbarten Arlberg – der Anziehungspunkt für Freerider aus der ganzen Welt – nach Schneefall die Hänge abseits der präparierten Pisten nach wenigen Stunden zu großen Teilen verspurt sind, kann man sich in Ischgl etwas mehr Zeit lassen. Freerider, so der Eindruck, scheinen das Skigebiet schlicht nicht auf dem Radar zu haben.

Tourismuschef Steibl mag den Ballermann-Vergleich nicht. "Das schadet unserem Image", sagt er. Er möchte Ischgl lieber mit Mallorcas Nachbarinsel Ibiza vergleichen – "hochwertige Qualität, die ihren Preis hat". Dafür müsse man die Vorzüge noch mehr in den Vordergrund stellen. "Wir wollen schließlich nicht nur auf eins reduziert werden."
Ischgl / Österreich
Skigebiet: Die Silvretta-Skiarena umfasst die Gebiete von Ischgl (Österreich) und Samnaun (Schweiz), insgesamt rund 240 Kilometer.

Schmugglerrunde: Gold (35 Pistenkilometer, 6400 Höhenmeter, Fahrzeit rund vier Stunden), Silber (24/4700/ 3,5), Bronze (20/3200/4)

Open-Air-Konzerte: mit Max Giesinger auf der Idalp in 2320 Metern Höhe am Ostersonntag , 1. April, 13 Uhr (frei mit gültigem Skipass). Saisonabschlusskonzert mit Helene Fischer am Mittwoch, 30. April, 13 Uhr (Skipass inklusive Konzert 115 Euro, ohne Gästekarte sind Konzertkarten nicht erhältlich).

Einkaufen: Viele Wintersportler nutzen die Möglichkeit, in Samnaun zollfrei einzukaufen. Im Dorf gibt es rund 50 Geschäfte. Vorsicht: Es gelten die üblichen Freimengen.

Auskunft: Tourismusverband Paznaun – Ischgl, Dorfstraße 43, A-6561 Ischgl, Tel. 0043/50990-100, info@ischgl.com, Internet: http://www.ischgl.com