Die Macht der Natur

Reiseland Israel

Manuela Müller (Text und Fotos)

Von Manuela Müller (Text & Fotos)

Sa, 13. Januar 2018

Reise

Die Judäische Wüste in Israel liegt zwischen der für die monotheistischen Religionen heiligen Stadt Jerusalem und der Westküste des Toten Meeres. Ein Ausflug in eine von Wind und Wetter geformte Landschaft /.

Steil ragt der beige Kalkstein in den Himmel und hüllt uns in seinen Schatten ein. Während die schwitzenden Füße im lauwarmen Wasser abkühlen, blicken wir nach oben, die Felswand entlang, einigen Luftwurzeln folgend. Manche dieser dicken Stränge glänzen silbrig, andere dagegen wurden vom Wasser dunkelgelb oder braun gefärbt. Etwa auf halber Höhe der Felswand – knapp 30 Meter weiter oben – enden die Luftwurzeln, und die großflächigen Blätter eines Feigenbaums sind zu erkennen. Drum herum bilden Farne, Schilfe, Frauenhaar, Kapernsträucher und andere Gewächse einen grünen Vorhang vor beigefarbenem Grund. Aus diesem bewachsenen Felsen kommt ein beachtlicher Wasserfall – und das mitten in der Wüste.

Die Judäische Wüste liegt in Israel zwischen der für die monotheistischen Religionen heiligen Stadt Jerusalem und der Westküste des Toten Meeres. Nur eine Stunde braucht der Bus von der wuseligen Metropole, die seit der Staatsgründung im Jahr 1948 Zankapfel zwischen Juden und Moslems ist, in die Ruhe am Salzsee.

Wir stehen früh auf, um diese Ruhe im David-Tal während des Anstiegs vom tiefsten begehbaren Punkt der Erde (420 Meter unter dem Meeresspiegel) Richtung Wüstenplateau (auf 200 Meter Höhe) für uns zu haben. Tal und Wasserfall heißen so, weil sich in einer der heute noch erkennbaren Höhlen in den Felswänden einst David vor seinem Widersacher König Saul versteckt haben soll. Das Wasser kommt aus einem unterirdischen Reservoir, das für die Gegend westlich des Toten Meeres überlebenswichtig ist. Es prasselt in einem großen, breiten Strahl in den natürlichen Pool, in dem wir unsere Füße abkühlen. Ob sich damals wohl auch der spätere König David dort erfrischt hat?

Eine knappe Stunde nach Beginn unserer Wanderung sind während des Rückwegs die drei Wasserbecken des Tals mit planschenden Wanderern gefüllt. Bei der Wüstenhitze bergauf ist das lauwarme Nass unwiderstehlich. Selbst im Winter hat es 30 Grad im Schatten. Unser Weg führt uns wieder runter: über abgenutzte Steinstufen, rutschige Felsen und unter einem natürlichen Tunnel aus Schilf durch – immer wieder mit Blick aufs Tote Meer.

Klippschliefer kreuzen unseren Weg. "Oh, wie süß", tönt es aus unserer Gruppe. Eine der Mitreisenden würde sich am liebsten eines dieser kleinen Wollknäuel, die an einen Biber ohne Schwanz erinnern, mit nach Hause nehmen. Ein Vogelfreund ist von den Staren mit den orangefarbenen Flügelspitzen begeistert und knipst ein Bild nach dem anderen. Die Judäische Wüste lebt.

An der Küste des Toten Meeres führt die Straße 90 entlang. Zusammen mit wenigen Siedlungen und wenigen Dattelplantagen ist sie in dieser lebensfeindlich wirkenden Gegend das einzige Zeichen von Zivilisation. Wir fahren vom nördlichen Teil des Gewässers, der ans palästinensische Westjordanland grenzt, gen Süden. Rechts: Gelb, Ocker, Braun, Beige, Weiß. Links: die blau-weiß glitzernde Wasseroberfläche. Das war’s. Das Grün und die außergewöhnlichen Formen der Felsen, die wir im David-Tal eben noch aus der Nähe bestaunt haben, gehen in der Masse aus Stein und Sand unter. Die Landschaft scheint die Farbstudie eines Malers zu sein, der versucht hat, möglichst viele Nuancen von Weiß, Gelb und Hellbraun auf einem Platz zu vereinen.

Etwa 20 Autominuten südlich des David-Tals mit seinen Wasserfällen ist es Zeit für einen Perspektivenwechsel. Wir betrachten die Berge der Judäischen Wüste jetzt nicht von unten aus dem Auto heraus, sondern bekommen einen Überblick von oben. Masada heißt die Wüstenfestung, deren Überreste 450 Meter über dem Toten Meer auf einem Tafelberg thronen. König Herodes, der um Christi Geburt im heutigen Israel herrschte, hat dort eine gewaltige Burgmauer, zwei reich geschmückte Paläste und eine kleine Stadt bauen lassen. Heute kommen im Durchschnitt täglich etwa 3000 Besucher auf den Berg, um die Ausgrabungsstätte zu besichtigen. Pflichtprogramm bei jeder Pauschalreise ans Tote Meer.

"Wasser", denken wir, oben angelangt, mit Blick auf die Umgebung Masadas. Und das nicht nur, weil der einstündige Aufstieg über geröllige Pfade und zahlreiche steinerne Stufen, den wir statt der komfortablen Gondel gewählt haben, durstig gemacht hat. Vielmehr sind es die Formen, die uns die Wüste rund um die Festung zeigt: mäandernd. Da muss Wasser entlanggeflossen sein. Wie sonst können sich solche Formen bilden? Reiseleiter Karl bestätigt: "Vor langer Zeit war rund ums Tote Meer überall Wasser."

Heute herrscht Beige vor. Eine kräftige Macht hat Schneisen in den Kalkstein geschlagen. Unzählige Berge. Manche groß, manche klein. Manche mit runder Kuppe, manche mit spitzer und viele mit Plateau, als hätte jemand mit einer Sense die Kuppe gekappt. Geröll, Sand, einzelne Gesteinsschichten sind erkennbar – ein faszinierendes Farbenspiel der Wüste, zu dem sich morgens ein bezauberndes Rosarot gesellt.

Weiter gen Süden. Nur 30 Kilometer von unserem Ausgangspunkt, dem David-Tal im Naturpark Ein Gedi, entfernt. Wo Salz, Mineralien und Schlamm aus dem Toten Meer gewonnen werden, treffen wir einen Sohn der Wüste. Jabber gehört einem der bekannten Beduinenstämme an, die in der Negev-Wüste südlich des Toten Meers leben. Er trägt ein knallblaues T-Shirt, eine Outdoorhose, eine Baseballkappe und eine verspiegelte Sonnenbrille. Von Beduinenfolklore keine Spur. Die gibt es stattdessen im für Touristen hergerichteten Beduinendorf Kfar Hanokdim, wo Übernachtungen im Beduinenzelt und Kameltouren angeboten werden.

Jabber erwartet uns mit seinem Geländewagen in Ein Bokek, wo sich ein Wellnesshotel ans nächste reiht. Üblicherweise fahren Touristen dorthin, um sich im Salzwasser treiben und in gesunden Schlamm einpacken zu lassen. Bei uns steht Action auf dem Programm. Jabber bringt uns zum Berg Sodom, der neben der Küste des Toten Meeres aufragt. Auf der Rückbank drei Leute, auf den schmalen Bänken im Kofferraum vier. Das Durchfahrt-verboten-Schild beeindruckt den Beduinen nicht. Er verlässt die geteerte Straße und folgt Wüstenpfaden, die für uns nicht zu erkennen sind.

Wir werden durchgeschüttelt, wir jauchzen, lachen, spüren eine kindliche Freude. Oh, nein, eine Kurve! Wo hält man sich in diesem Fahrzeug am besten fest? Gar nicht! Stattdessen landet man beim nächsten Felsbrocken, den der Geländewagen nimmt, beinahe auf dem Schoß des Sitznachbarn. Jabber schaut mit breitem Grinsen in den Rückspiegel und freut sich über auf und ab hopsende Touristen. Fast so wie auf einem Kamel, bloß in modern.

Dann der Höhepunkt: eine 45- bis 60-Grad-Steigung. Steil! Erst vorwärts runter. Die Schwerkraft lässt uns nach vorne rutschen. Dann rauf. Wir werden in die Sitze gedrückt. Nochmal runter, nochmal rauf. "Achterbahn", ruft einer ausgelassen. Wir kreischen und lachen Tränen, bevor Jabber am Fuße des Berges Sodom den Motor abstellt und wir aussteigen. Absolute Stille umgibt uns dort. Eine Stille, die uns unwirklich vorkommt, weil wir sie aus dem Alltag nicht kennen. Einige borstige Sträucher haben sich in diese Wüste verirrt. Feiner Sand dringt in unsere Schuhe. Getrocknete Sandplatten am Boden zeugen von einer Pfütze, die es längst nicht mehr gibt. Sand bildet die Hülle des Bergs Sodom, der eigentlich kristallin schimmern sollte, weil er aus Salz besteht. Stattdessen auch dort die ewigen Wüstenschattierungen zwischen Weiß und Hellbraun.

Eine Schlucht hat sich in den Salzberg gefressen. Wir wagen uns rein. Links und rechts ragen die Wände steil und weit empor. Wie viele Meter es da wohl nach oben geht? Der Durchgang wird schmaler, mit jedem Schritt kommen die Wände näher. Bis wir sie mit den Fingerspitzen berühren können. Bis unsere Schultern zu breit für den Spalt sind. Bis der Sand von den Wänden rieselt, wenn wir sie beim seitlich Durchzwängen berühren.

Die Erosion hat sich am Berg Sodom als Bildhauerin versucht. Bizarre Gestalten schauen von den Wänden auf uns herab. Es könnten die in der Bibel erwähnten Bewohner von Sodom und Gomorrha sein, die von Gott bestraft zu Salz wurden und jetzt am Ufer des Toten Meeres in Form eines Berges ausharren müssen. Torbögen, Stufen, Riesenpilze, Höhlen, spektakuläre Abbruchkanten – und wir dazwischen ganz klein und belanglos.

Wir reden nicht, sondern staunen über die Macht von Wind, Wetter und Natur. Passend zur andächtigen Stimmung bemalt der Wind den Himmel mit Schlierenwolken. Unendliche Ruhe.

Die Reise wurde vom israelischen

Tourismusministerium unterstützt.